Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 49 (8.12.1899)
- Article
- Frankfurt a. M.
- Date
- 1899-12-08
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 49 „Die A Welt44 Seite 9 Claviervorträge. Lebhaften Beifall entfesselten namentlich die glühenden Dichtungen „Zionide“ und „Seesturm“ von Jehudä Halevy, durch deren treffliche Wiedergabe sich Alfred Auerbach vom hiesigen Stadttheater auszeichnete. Zionistische Schriften wurden vertheilt, und zionistische Inschriften schmückten die Wand. In der Pause wurde dem Buffet fleissig zugesprochen. Erst nach ein Uhr fand die Feier ihr Ende. Pinsk. Am 30. November abends veranstalten die hiesigen Zionisten in den grossen Räumlichkeiten des Hauses M. Lourie eine Chanukah-Feier, welcher einige hundert Personen .beiwohnten. — Nachdem der Cantor der grossen Synagoge in feierlicher Weise und mit Chorbegleitung die Chanuka-Lichterangezündethatte, sprach Herr G i ttelmann in vorzüglichem Hebräisch über die Bedeutung des Chanuka- Festes für die Juden. Eine vorzügliche Rede hielt ferner Herr Rechtsanwalt Rosenbaum aus Minsk, der die Nothwendigkeit des Zionismus in überzeugender Weise begründete. Seine Worte brachten auch auf die anwesenden Nichtzionisten einen sehr nachhaltigen Eindruck hervor. Es folgten hierauf hebräische Declamationen und Liedervorträge. Während der Pausen gieng es am Buffet sehr animiert her. Toaste wurden auf die Gesundheit der zionistischen Führer ausgebracht. Der Director der Jüdischen Colonialbank, Herr LouriA, hielt unter Zugrundelegung eines Prophetenwortes eine begeisternde Ansprache. Der Abend verlief sehr angenehm und wird den Theilnehmern noch lange in lebhafter Erinnerung bleiben. Widdin (Bulgarien). Anlässlich des Chanukah-Festes veranstaltete der hiesige Verein „Zion" im „Union-Club" eine Makkabäer-Feier, die sehr zahlreichen Besuch aufwies. Die Festrede hielt der ehrwürdige Herr Rabbiner der Gemeinde Widdin. In derselben verherrlichte er den Zionismus unter ungeheurem Enthusiasmus der Festtheilnehmer. Tribüne. Die Unterzeichnete Vereinsleitung beruft für S a in stag, den 9. December 1899, präeise 8 Uhr abends, in das Lobl\sche Terrassen-Restaurant, VI., Schmalzhofgasse 10 (vis-a-vis dem israelitischen Bethause), eine öffentliche Versammlung ein. Tagesordnung: Die Lage der j üdischenHandels an gestellten von Wien. Das Referat erstattet Verein sin itglied Julius Zobel. An das Referat knüpft sich eine Discussion. Die Wiener jüdische Handlungsgehilfenschaft wird eingeladen, sich zu dieser Versammlung recht zahlreich einfinden zu wollen. Gäste aller Partei Schattierungen, auch Damen, sind herz lieh st willk o m m e n. Für die Leitung der jüdischen Vereinigung „ J ordani a" : Egon Lederer, Robert Sch w a b, Präses. Schriftführer. Weltchronik. Franz Smolka, der dieser Tage verstorbene, berühmte österreichische Staatsmann und langjährige Reichsrathspräsident war als entschiedener Judenfreund bekannt. Jene flammende Rede, die er anlässlich der Berathung der Judenfrage irn Lemberg er Landtage am 30. September 1868 im Interesse der Juden hielt, erlangte Weltberühmtheit. Smolka erreichte ein Alter von fast 90 Jahren. Judenplatz — Luegerplatz. Den antisemitischen Stadtrath Pichler wurmt es schon lange, dass im christlichen Wien ein Platz seinen Namen den Juden verdankt. In einer der jüngsten Sitzungen des Stadtrathes fasste er sich endlich ein Herz und stellte den Antrag, diesen Platz in „Luegerplatz" umzutaufen. Dieser Antrag wurde jedoch von der — ebenfalls antisemitischen — Majorität des Stadtrathes verworfen. Offenbar sind die Herren, entsprechend ihrem rassenreinen Standpunkte, der Ansicht, dass an dem Charakter eines Judenplatzes auch die Taufe keine Aendeiung hervorbringen könne. Ausweisung eines Juden aus Transvaal. Aus Johannesburg wird englischen Blättern berichtet, die Transvaalregierung habe den Rev. Hertz aus dem ganzen Gebiete der Republik ausgewiesen, angeblich weil er in mehreren von der Partei der „Uitlanders" kurz vor dem Ausbruche des Krieges veranstalteten Meetings gegen die Boeren aufgetreten sei. Aehnliche Repressivmassregeln stehen auch noch gegen andere hervoragende Juden Transvaals bevor, die sich an der Uitlander-Bewegung betheiligt haben. Hungernde jüdische Weber. Infolge der in der Baumwollindustrie momentan herrschenden Krise sind im Lodzer Industriegebiete mehrere tausend jüdische Arbeiter brotlos geworden und buchstäblich dem Hunger preisgegeben. Der Gouverneur von Lodz erliess infolge dessen einen Aufruf an die Bevölkerung, in der er zur Sammlung von mildthätigen Gaben für die hungernden Weber auffordert. Der Aufruf hatte bisnun den Erfolg, dass für diesen Zweck 20.000 Rubel einliefen, die auch sofort zur Veitheilung gelangten. Eine Proscriptionsliste. In einer kürzlich abgehaltenen Versammlung des „Christlichen Wiener Frauenbundes“ wurde darüber berathschlagt, in welcher Weise ein Boycott der jüdischen Geschäfte anlässlich der herannahenden Weihnachtssaison am wirksamsten bewerkstelligt werden könnte. In der Debatte, die sich hierüber entspann, nahm der bekannte antisemitische Reichsraths - Abgeordnete Bielohlawek die Gelegenheit wahr, seine Ansicht über dieses Thema zu entwickeln. Er meinte unter stürmischem Beifalle der Versammlung, hier nützten selbst die schönsten Reden nicht, man müsse sich zu einer energischen That aufraffen. Und die bestünde darin, dass man vor den grossen jüdischen Kaufläden Wächter aufstellte, die die Namen jener bekannteren christlichen Persönlichkeiten zu notieren hätten, die ihre Weihnachtseinkäufe in diesen Kaufläden besorgen. Diese Namen sollten dann von Zeit zu Zeit in den „christlichen" Blättern veröffentlicht werden. Dieser Vorschlag wurde unter grossem Jubel der Versammlung zum Beschlüsse erhoben. Man wird also in Wien ausser den Nachtwächtern bald auch noch Tagwächter beobachten können. Dadurch wird sich Wien zu dem Niveau — Algiers emporschwingen. Algier ist nämlich die einzige Stadt, die diese Einrichiung bereits besitzt. Dort wurde sie auf Veranlassung des — inzwischen suspendierten — Bürgermeisters von Algier, Max R e g i s, ein geführt. Die Juden in China. Bekanntlich bewohnten die Juden einzelne Provinzen Chinas schon von altersher. Allmählich jedoch verringerte sich deren Zahl, so dass man heute in China nur mehr eine ganz kleine Anzahl von eingeborenen Juden findet. Eine grössere jüdische Colonie besteht heute nur noch in der Nähe von Kaifengfu, der am Hoanghoflusse gelegenen Hauptstadt der Provinz Hon an, etwa 75 Meilen südlich von Peking entfernt. Sie leben mit den Chinesen, von denen sie „Tiau-Kin-tsehiau" (d. h. die Secte, die die Sehnen der geschlachteten Thiere ausreisst) gennant werden, auf gutem Fusse und unterscheiden sich von ihnen kaum. Nach den Berichten verschiedener Chinareisender beobachten die Mitglieder dieser jüdischen An Siedlung das Passah- und Sukkothfest, den Sabbath und einige andere Festtage: die Beschneidung wurde nie unterlassen. Auch heiraten sie nur unter sich. Ihre materiellen Verhältnisse sind nicht die besten, und da sie seit bereits mehr als 50 Jahren keinen Rabbiner haben, ist es mit der Kenntnis des Hebräischen bei ihnen sehr schlecht bestellt. Sie bewahren wohl in ihrer Synagoge mehrere Thorarollen, doch versteht keiner von der jüngeren Generation, in denselben zu lesen. Den jüdischen Handlungsreisenden Russlands war es bisher nicht gestattet, in geschäftlichen Angelegenheiten jene Städte zu besuchen, in denen der Aufenthalt den Juden im allgemeinen verboten ist. Es ist jedoch, wie eine russische