Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 49 (8.12.1899)
- Article
- Ungarische Parlamentsautoritäten über die Judenfrage
- Date
- 1899-12-08
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 49 „Die Welt4* ihre Bemühung, die Juden los zu werden, eine fruchtlose ist. M ö g e j edes L a n d sein e Grenzen verschli essen ...Was Ungarn betrifft, müssen wir gerade im Interesse der hierländischen Juden alles aufbieten, dass die russischen Juden, wenigstens massenhaft, hierher nicht ein wandern.“ Alexander Hegedüs, der jetzige Handelsminister. gab damals (vor 872 Jahren) folgende Meinung ab: „Der Artikel der „Times“ hat auf mich unsäglich deprimierend gewirkt... Es ist betrübend, dass der Geist der Humanität und des Freisinnes auch in seiner Urheimat im Niedergänge begriffen ist. Ich stelle es in Abrede, dass England die einwandernden russischen Juden nicht vertragen könnte, und der Zufluss der Flüchtlinge welche Gefahr immer bergen würde. Sie arbeiten wohlfeiler, als die englischen Arbeiter? Wohlan, möge die englische Gesellschaft trachten, die Arbeit der Flüchtlinge besser zu bezahlen. Damit würde die Gefahr aufhören. Grossbritannien hat vor 90 Jahren unter Wilder force 102 Millionen für die Auslösung der Sclaven geopfert . . Andreas Gy ö rgy, Reichstagsabgeordneter, Akademiker und vielbewährter Nationalökonom, gab folgende bemerkenswerte Meinung ab: „Es ist zum Staunen, dass unter den bitteren Klagen, die von Zeit zu Zeit bald von diese?*, bald von jener Seite des Landes ertönen, der Jammer ruf der nordungarisclieii Judenheit nicht hörbar wird. Ist doch diese in den letzteren Jahren total zug r u n de g eg an g e n. Es ist genug staunenswert, dass dies die Aufmerksamkeit der - Regierung und der massgebenden Kreise nicht auf sich gelenkt hat. Wohin gienge nun die aus Russland etwa einwandernde Judenbevölkerung? ln erster Reihe sicherlich dorthin, wo sie verwandte Elemente fände —- da sie sich doch mit den magyarisierten Juden gar nicht verständigen könnte — und sie würde hauptsächlich jene Beschäftigungen suchen, von welchen sich bisher ihre nordungarischen Gesinnungs- und Glaubensbrüder ernährten, Beschäftigungen, welche sich schon jetzt als unzureichend erwiesen haben. Eine etwaige Einwanderung würde geradezu eine Katastrophe für die dort ansässigen Juden heraufbeschwören. Die Frage aber, was mit den aus-, gewiesenen russischen Juden geschehen soll, ist damit freilich nicht gelöst. Dieselbe kann auch weder von Ungarn, noc h von einem anderen Staate allein gelöst werden. Hierzu bedarf es eine r europäischen Intervention,' und deren Zeit wird kom me n, sobald die Flücht-! linge das eine oder andere Nachbarland überschwemmt haben werden.“ Die katholische Presse Englands Uber den Ritualmord. Die zwei Hauptorgane der englischen Katholiken, der „Weekly Register“ und der „Tablet“, veröffentlichen in ihren vorwöchentlichen Nummern entrüstete Zurückweisungen der Ritualmordbeschuldigung. Besonders der „Weekly Register“ lässt an Entschiedenheit und Offenheit nichts zu wünschen übrig. Der „Tablet“ erinnert an die feierlichen Aussagen hervorragender jüdischer Co n vertäten, z. B. des Dompredigers V e i t h, über die Blutlüge, und meint: „Der gesunde Menschenverstand und die christliche Liebe zwingen uns, diesen Aussagen Glauben zu schenken, und die Thatsache, dass nicht weniger als vier Päpste die Blutbeschuldigung ausdrücklich als Verleumdung qualifieierten, erhöht diese unsere Verpflichtung. Unserem katholischen Denken erscheint es ganz unbegreiflich, dass eingestandenermassen katholische Zeitungen, wie „La Croix“ und „La Verite“, diese Thatsache unterdrücken können, und dass ein Pere Constant, O.P., in seinem Buche „Les Juifs devant l’Eglise et l'Histoire“ mit aller Vehemenz die Blutanklage erheben konnte, gerade so, als ob die dawider erlassenen päpstlichen Bullen niemals existiert hätten. Gewisse katholische Schriftsteller begnügen sich damit, auf gefälschte Documente oder auf wilde Interpretationen vollkommen harmloser Gesetzesstellen als auf Beweiselemente hinzu weisen — ein Zeugnis noch mehr für ihre Ignoranz, als für ihren bösen Willen. Als Katholiken müssen wir gestehen, noch niemals etwas Peinlicheres erlebt zu haben, als die Publicationen des katholischen Professors Dr. A. Rohling und die denselben von dem protestantischen Orientalisten Professor Delitzsch zutheil gewordene Abfertigung. Noch ärger als Rohling treiben es seine französischen Freunde und Nachahmer Drumont, D esporte s, Martin Chagny u. a. Im Hinblicke auf alle diese Schriftsteller können wir nur erklären, dass der Antisemitismus als Lebensanschauung ein erbärmlicher Ersatz wäre für den praktischen Katholicismus. der uns Gott über alles und den Nebenmenschen wie uns selbst zu lieben befiehlt. Wir Katholiken, die insbesondere in diesem Lande (England) so viel unter ungerechten Vorurtheilen zu leiden hatten, sollten am wenigsten mit unseren Sympathien für diejenigen zurückhalten, die, ebenfalls ohne Verschulden, den allgemeinen Hass zu ertragen haben.“ Der „Weekly Register“ sagt: ..Die Antisemiten unter unseren österreichischen Gesinnungsgenossen werden, wenn sie ihre Politik der Unduldsamkeit fortsetzen, die katholische Kirche in allen Ländern der Welt schädigen. Leider scheinen auf die fanatischen Clericalen Oesterreichs ernstgemeinte Warnungsworte wenig Eindruck zu machen. Was aber in den letzten sechs Wochen in Wien und anderen grossen Städten Oesterreichs vor sich gegangen ist, verpflichtet die englischen Katholiken zu mehr als einer bloss schweigenden Verurtheilung der unchristlichen Haltung ihrer österreichischen Glaubensgenossen . . Der „Weekly Register“ schildert sodann die Rolle, welche die Clericalen Oesterreichs in der antisemitischen Agitation gespielt haben und schliesst mit folgenden bemerkenswerten Worten : „Es kann den Katholiken in der ganzen Welt nicht oft genug zum Bewusstsein gebracht werden, dass ihre Kirche vor allen anderen es als Ihre Aufgabe in Anspruch nimmt. dieEinzelheiten der menschlichen Lebensführung zu regeln. Auf der Stockporter Conferenz betonte Cardinal V au gh an, dass die katholische Kirche die des Volkes sei und allein die durch Sünde und Fahrlässigkeit geschlagenen Wunden zu heilen vermöge. Er hätte, mit Rücksicht auf den beklagenswerten Umstand, dass der Antisemitismus hauptsächlich in katholischen Ländern gedeiht, hinzufügen dürfen, dass die Lehren der Kirche ebenso auch das einzige Heilmittel seien gegen die verheerenden Ausbrüche irregeführter Leidenschaften, welche — die Katholiken Englands haben in diesem Zeitpunkte Gelegenheit, es zu beobachten — von der clericalen Partei in Oesterreich gefördert und ermuthigt werden. Die Haltung der clericalen Presse in Oesterreich, Frankreich und Italien bedeutet für das religiöse Bewusstsein dieser Nationen eine /lauernde Brandmarkung. Blätter, die von Clericalen mit |Geld unterstützt und von ihnen inspiriert werden, haben .durch ihre gegen die Juden gelichtete Politik den Katholicisfmus in Verruf gebracht. In Oesterreich haben die clericalen Agitatoren das Gewicht ihrer Autorität zugunsten des Fanatismus und der Intoleranz geltend gemacht, und geistliche fFührer der Judenhetze wurden für ihre wilden Excesse ^öffentlich geehrt. Es ist traurig, dies eingestehen zu müssen — aber die Kirche sollte niemals vergessen, dass die Wahrheit nichts von de?* Wahrheit zu fürchten hat!“ Makkabäer-Feiern. Wie seit einer Reihe von Jahren, haben unsere Gesinnungsgenossen auch heuer in den Chanuka- Tagen allerorten das Angedenken der helclenmülhUen Makkabäer festlich begangen. Bis zur Stunde liegen uns hierüber folgende Belichte vor: Wien. Am 30. November d. J. veranstalteten die vereinigten Wiener zionistischen Körperschaften im Sofiensaale eine Makkabäer-Feier grossen Stils, Der Andrang war ein derart gewaltiger, dass der riesige Saal kaum genügenden Fassungsraum für die Menge der Festtheilnehmer hatte. Um halb 10 Uhr abends eröffnete Herr Dr. Ernst Franz W eisl das Fest mit einer gehaltvollen, oftmals von lebhaften Zustirn mungskundgebungen unterbrochenen Begrüssungsansprache an die Versammlung. Hierauf betrat Herr Obercantor Bauer mit seinem wohlgeschulten Chor das Podium, um den religiösen Act des „Lichtentzünden s" vorzunehmen. Vorher sangen Chor und Cantor im Anschlüsse an ein weihevolles. Harmonika-Präludium gemeinschaftlich zwei Verse des schönen Chorals : „Gepriesen sei die Stunde.“ Nunmehr hielt Herr H. York - Steine r, mit stürmischem, langaiihaltendem Applaus begrüsst, seine nach Form und Inhalt gleich meisterhafte, durchaus vollendete Festrede: ..Wir leben in einer Epoche der grossen Revisionen“, so