Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 49 (8.12.1899)
- Article
- Berliner Brief
- Date
- 1899-12-08
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 49 „Die Hr Welt?4 werden täglich schärfer und man spricht offen davon, sie zu beseitigen und die Stadt durch einen Oberpräsidenten regieren zu lassen. Und dann würde auch hier das Regime sich schnell ändern. Statt das zu begreifen und mit aller Kraft für die bedrohte Selbstverwaltung einzustehen, sind die hiesigen Juden eifrig an der Arbeit, sich selbst die Hälse zu brechen. Einen Beweis, dass wir es herrlich weit gebracht haben, lieferten kürzlich im Stadttheile Moabit die »deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens.“ Dort stand ein Socialdemokrat zur Stichwahl gegen einen Antisemiten. Bei der Vorwahl hatten beide Candidaten etwa gleichviel Stimmen erhalten, der dritte freisinnige Candidat war ausgefallen. Und nun ereignete sich etwas Merkwürdiges : Nicht nur die „judenfreundlichen“ Freisinnigen stimmten für den Antisemiten, nein, auch die braven Juden gaben ihre Stimmen dem Manne, der ob dieser Bethätigung wahrhaft christlichen Vezeihens sehr erstaunt gewesen sein mag. Er wird wahrscheinlich diesen Liebesdienst dadurch quittieren, dass er bei nächster Gelegenheit seine entsagungsvollen Wähler als habgierige Bestien oder Ritualmörder hinstellt. Wenn die »Berliner Bewegung“ seligen Andenkens wieder in Fluss kommt, so können wir uns bei unseren eigenen Stammesgenossen bedanken. Und dann wird das Staunen gross sein, und man wird eiligst nach der Polizei rufen. Aber Juden und Fürsten sollten aus vielhundertjähriger Erfahrung wissen, dass man nicht auf Waffengewalt Existenzen begründet. Und sie sollten des alten Wortes gedenken, das Talleryand so treffend geprägt: „On peut tout faire avec les bayonnettes, excepte s’y asseoir.“ Dieses stete Rufen nach der lieben Polizei, wie es auch der hiesige Staatshürgerverein betreibt, ist überhaupt noch eine alte Ghetto-Erinnerung. Dieser Brauch stammt aus Zeiten, in denen kein Jude es wagte, sich zu wehren, selbst für seine Rechte einzutreten, und wäre er dem Gegner weit überlegen gewesen. Und die Empfindungen sind schwerer zu verändern als die äusseren Verhältnisse. Die meisten Juden haben noch heute nicht das Verständnis dafür, dass man nur den achtet, der sich selbst achtet, dass man gerade in Deutschland das männlich offene Bekennen weit höher schätzt als jede andere Willensäusserung. Und darum muss es unsere vorzüglichste Aufgabe sein, das jüdische Selbstgefühl zu stärken und zu heben. Ist uns das einmal gelungen, so werden solch schmachvolle Vorkommnisse wie die bei der Moabiter Wahl von selbst zu den Unmöglichkeiten gehören. Immer wieder tritt uns zum Bewusstsein, dass wir Zionisten uns viel besser mit dem deutschen Empfinden zu vertragen wissen als unsere jüdischen Gegner. Und das liegt daran, dass wir uns fhatsächlich ein besseres Verständnis unseres Milieus angeeignet haben; wir führen unsere Sache selbst, wie es sich gehört, statt Dritten die Vertheidigung unserer- Ehre zu überlassen, wir haben dieselbe nationale Denkweise, wir basieren ebenfalls auf einer historischen Entwicklung, wir haben mit der innerlichen Heimatlosigkeit gebrochen und sind einheitliche Menschen geworden, statt der problematischen Naturen um uns her — und das alles steht dem deutschen Wesen an sich nahe, so verschieden die Ziele sind. Wollte man paradox sein, so könnte man sagen: Die Zionisten sind die wirklich deutschen Juden. Sehr erfreulich war in diesem Jahre hier die grosse Betheiligung an den Makkabäer-Feiern. Fast 12.000 Personen besuchten die Synagogen,, was umso bemerkenswerter ist, als früher an diesem nationalen Feste die Bethäuser leer standen. Es geht eben ein neuer Zug durch die Juden heit, der uns zum Siege führen muss — trotz aller Gegner. Denn die Verhältnisse sind stärker als die Menschen. F. Ungarische Parlamentsautoritäten Uber die Judenfrage. Von Di-. J. Rönai, I. Der böseste jüdische Antizionist in Ungarn, der Redacteur des Wochenblattes „Egyenlöseg‘;, zeigte Anwandlungen jüdischen Gefühles oder Interesses, solange nicht die volkstümlichste, umfassendste, ehrlichste lind gerade aufs Ziel lossteuernde Bewegung, die den Namen Zions führt, in die Erscheinung trat. Am 8. Mai 1891 schrieb der nachmalige „grosse“ Hasser Folgendes: „Die russischen Judenverfolgungen nähern sich dem Funkle, wo dieselben zu einer grossen europäischen Calamität werden. Die Vertriebenen fanden bisher in den Vereinigten Staaten und in England Zuflucht, so dass die übrigen Länder, wenn es ihnen so beliebte, sich nicht im geringsten um das Schicksal der Unglücklichen zu kümmern brauchten. Aber schon werden Stimmen laut, wonäch in den genannten Staaten Toleranz und Erbarmen zur Neige gehen.“ Aus diesem Anlasse veranstaltete derselbe Redacteur darüber, was mit den Vertriebenen zu geschehen habe, eine Rundfrage an die hervorragendsten ungarischen Parlamentarier und veröffentlichte deren Antworten. Zur Belehrung ungarischer und nichtungarischer Juden möge hier eine kurze Reproduction jener Aeusserungen folgen : Mit einer einzigen Ausnahme, der des Herrn Karl Eö tvös. stimmen alle Ansichten darin überein, dass Ungarn auch nicht einen nennenswerten B r u c h t h e i 1 der so bitter-bedrängten Heimatlosen auf ne hm en könne. Karl Eötvös, der phänomenale Vertheidiger im Tisza- Eszlärer Ritualmord-Processe, der humane Jurist, aber nicht eben glückliche Politiker, entwarffolgenden Plan : ,,Man muss eine internationale Bewegung zur Rettung der Hunderttausende einleiten. In jedem Lande gibt es soviel unbesetzten Raum, wo man eine Truppe der Verfolgten ansiedeln könnte und wo dieselben zu nützlichen, dankbaren Angehörigen des betreffenden Landes würden. Mögen di e Staaten die Flüchtigen unter sich au ft heilen. Balthasar Horväth, der edelgesinnte Justizminister des Andrässy-Cablnets, sagte unter anderem Folgendes : „Wir können die russischen Verfolgungen nicht verhindern. Unsere Thore können wir vor den Verfolgten nicht absperren, aber ein Land allein kann diesem Uebel nicht abhelfen. Hier müsste eineuropäischer Congress zusammentret eh, der sich zu einem gemeinschaftlichen Vorgehen entschiede. Denn es ist schliesslich unleugbar, dass das massenhafte Einströmen russischer Juden in welches Land i m m e r eine wirtschaftliche Katastrophe erzeugen kann. Ein europäischer Congress könnte einen Punkt des Erdballes auswählen, wo die verfolgten und auswanderungslustigen russischen Juden Raum und Auskommen fänden und zum Elemente der Civilisation werden könnten . . . Wenn der edle Baron Hirsch diese Millionen dem Congresse zur Verfügung stellen wollte, und besonders auch die Juden das Ihrige thäten. um diese Beträge in ansehnlichem Masse zu vergrössern, denen aber auch die Staaten beisteuern müssten, dann wäre dem Uebel abgeholfen . . Daniel Iränyi, seinerzeit Führer der äusserstlinken Reichstagspartei, dessen höchst edle und ideale Anregungen auch von der Regierungspartei gewürdigt zu werden pflegten, erstattete folgendes Gutachten: „Die Frage ist von grosser Wichtigkeit. Es gibt keine andere Lösung als die, dass die europäische Diplomatie die Sache in die Hand nehme ... Es wäre Aufgabe der Diplomatie, für die Placierung der Flüchtlinge Sorge zu tragen. Dies könnte durch die Grossmuth des Baron Hirsch erleichtert werden, mit dessen Hilfe in Klein-Asien Landstrecken angekauft werden könnten, um die Heimatlosen anzusiedeln. Dem türkischen Reiche würden, die neuen Insassen zu grossem Vortheile gereichen.“ Julius H o rv ä th, einst Vicepräsident des Abgeordnetenhauses, gab Folgendes zum besten : „Angesichts der Gefahr der Einströmung russischer Juden ist es Pflicht der europäischen Diplomatie, der russischen Regierung zu verstehen zu geben, dass es anderen Staaten gar nicht in den Sinn kommt, diejenigen aufzunehmen, die Russland ausstösst. Die Verfolgungen würden aufhören (?!), sobald die russische Regierung merkte, dass