Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 49 (8.12.1899)
- Article
- [Ohne Titel] / Rosenberger, Erwin
- Date
- 1899-12-08
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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„Die H Welt“ Seite 5 .Nr. 49 löblich, dass eine hohe Heeresleitung für die Tugend der kindlichunschuldigen Infanteristen mütterlich Sorge trägt, aber gleichwohl dürfte das erwähnte Verbot denn doch eine allzu drakonische Schutzmassregel sein. W ozu den Besuch jüdischer Locale gleich völlig untersagen! Es hätte vielleicht genügt, wenn man der jungen, unerfahrenen Mannschaft für den Besuch jüdischer Geschäfte eine vorschriftsmässige Gardedame an die Seite gegeben hätte. Etwa eine in reiferem Alter stehende Feldwebelsgattin odereine würdige Hauptmannsfrau. Oder sonst ein militärisch geschultes weibliches Wesen, das imstande wäre, der waffenfähigen Jugend des Landes beim Besuche jüdischer Geschäfte schützend zur Seite zu stehen und naive Soldaten vor unüberlegten Fehltritten zu bewahren. — Leider ist in dem Telegramme nicht angegeben, in welcher Gestalt die Sünde in den jüdischen Geschäften an die jungen Soldaten herantritt. Nimmt das Laster in den jüdischen Geschäften die verführerische Gestalt eines Paprikaspecks an oder die verlockende Form eines Schinkenbeines oder das unwiderstehliche Aroma eines Schweizerkäses? — Das Telegramm schweigt darüber. *.*.*.' Die jüdischen Geschäfte scheinen übrigens, auch in Wien auf das Seelenheil der Besucher eine vergiftende Wirkung auszuüben. Hier sind aber offenbar mehr die Damen als die Männer dem moralischen Cyankali ausgesetzt. Der Wiener christliche Frauenbund hat daher die rings um den Stephansthurm gelegene Damenflora eindringlich vor dem Besuche jüdischer Geschäftslocale gewarnt und erklärt, er werde eigens Tugendwächter zum Schutze der bedrohten Wiener Weiblichkeit bei den jüdischen Höhlen aufstellen. — Wir kennen ein Paar, das eine vorzügliche Eignung für ein derartiges Wächteramt besitzt und gegebenenfalls nicht zögern wird, jeder gefährdeten Weiblichkeit entschieden unter die Arme zu greifen; wir können es dem christlichen Frauenbünde nicht genug nahelegen, dieses Paar heranzuziehen. Wir meinen die Herren Stadtväter Gregorig und P urscht. * * * Im Wiener Gemeinderathe hat letzthin Herr Doctor Wähn er anlässlich einer Debatte, die sich mit dem Währinger antisemitischen Theater beschäftigte, den Ausspruch gethan, man finde in dem Theater „ein gutes bürgerliches Wiener Publicum, welches sich von dem Publicum anderer Theater vortheilhaft unterscheidet“. Dieser anscheinend triviale Ausspruch birgt, näher besehen, eine Dosis Weisheit, wie man sie dem Herrn Dr. Wahner gar nicht zugetraut hätte. Der Herr Gemeinderath will uns in möglichst zarter Form sub rosa Folgendes zu verstehen geben : Die Physiognomie des Wiener Theater-Publicumshat ein überwiegend semitisches Gepräge. Eine Ausnahme macht das Währinger Theater, denn hier herrscht jene mit Vornehmheit gesättigte Atmosphäre, die nur von einem antisemitischen Publicum erzeugt werden kann. Daher unterscheidet sich das Währinger Theater „vortheilhaft“ von den übrigen Theatern. —- Wir wagen selbstverständlich nicht, ein mit solcher Entschiedenheit vorgebrachtes Urtheil anzuzweifeln, aber wir fragen: Ist es ein Wunder, dass sich das Währinger Theater- Publicum so „vorteilhaft unterscheidet“? Man darf nicht vergessen, dass gerade auf dieses Publicum von einer Gruppe erlesener Theaterschriftsteller ein besonders veredelnder Einfluss ausgeübt wird, ein Einfluss, nach dem das Publicum der übrigen Theater leider vergebens lechzt. Das Währinger Publicum hat sich eben an seinen trefflichen Schriftstellern solange gebildet, bis es in der Lage war, sich „vorteilhaft“ zu unterscheiden. Ja, wenn dem Publicum der anderen Theater, so begabte literarische Lehrmeister zur Verfügung stünden! Man erinnere sich zum Beispiel an den hervorragenden antisemitischen Theaterrecensenten, der sich von den semitischen Kritikern dadurch vorteilhaft unterschied, dass er den „Kaufmann von Venedig“ dem Grillparzer unterschob, und nachher, um dieses kleine Versehen gutzumachen, eine Berichtigung des in Wien wohnhaften christlich-socialeh Zeitgenossen Shakespeare abdruckte. Und glaube niemand, dass dieser geniale antisemitische Recensent eine vereinzelte Erscheinung darstellt! Des Währinger Publicum ist mit derartigen Pädagogen, die ihm eine vorteilhaft differenzierte Erziehung angedeihen lassen, überreichlich versorgt.'-Herr Dr. Wahner beispielsweise, der ja auch Schriftsteller ist, würde gewiss keinen Augenblick Bedenken tragen, ddh „Kaufmann von Venedig“, dem Grillparzer ztizuschreiben. Allerdings würde er hernach auch nicht Anstand nehmen, seinen menschlichen Irrthum zu berichtigen. Freilich nicht in so grotesker Art wie der oberwähnte Kritiker. Die Berichtigung, die Dr. Wahner in seiner ausgezeichnet redigierten „Deutschen Zeitung“ ahnungslos äh drucken würde, könnte ungefähr folgenden Wortlaut haben : „Sehr geehrter Herr Redacteur! Der „Kaufmann von Venedig“ ist nicht, wie Sie irrtümlich berichteten, von Grillparzer, sondern, wie ja schon der Name besagt, von mir. Hochachtungsvoll ergebenst Ahron Venedig, dramatischer Schriftsteller, Wien, Leopoldstadt, Taborstrasse Nr. 7“ Er w in Rosenb er ger. Berliner Brief. Das Berliner Judentum bildet seit Moses Mendelssohns Zeiten einen Typus. Berlin ist die Hochburg der Assimilation, wie die Festung des sogenannten Reformjudenthums und es hat somit gegen den Zionismus eine Tradition zu verteidigen. Hier sitzen zahlreiche alte Familien, die Generationen hindurch an ein wirkliches Aufgehen in den arischen Nachbarn geglaubt und sich ein System erbaut haben, das gar nicht unlogisch klingt und nur den Fehler hat, auf falscher Prämisse zu beruhen. Kein. Wunder, dass hier schwerer als in allen anderen deutschen Städten zu kämpfen ist. Insbesondere in der sogenannten Gesellschaft muss jeder Fussbreit Boden erstritten werden. Und doch ist der Kampf nicht aussichtslos und vielleicht lohnender als anderwärts. Denn wenn wir hier einmal festen Boden fassen, so wird bei der unseren norddeutschen Juden innewohnenden Tüchtigkeit und ihrer grossen Freigebigkeit auch mehr geschaffen werden, als an anderen Orten. Und darum lassen wir den Mut nicht sinken und freuen uns der vorläufig noch kleinen Erfolge. Der Antisemitismus Ahlwardt’scher Observanz hat in den letzten Jahren hier sehr an Boden verloren. Aber man würde sich gewaltig täuschen, wollte man glauben, del* Judenhass an sich sei geringer geworden. Im Gegenteile. Der Kampf hat aufgehört, mit Erbitterung geführt zu werden — weil nicht mehr zu kämpfen war. Le combat cessait faute de combattants. Der Antisemitismus hat tatsächlich auf der ganzen Linie gesiegt, die Juden sind gesellschaftlich zurückgedrängt, von den meisten Aemtern" im „Verwaltungswege“ ausgeschlossen, ihres Einflusses beraubt. Was soll da noch gekämpft werden? Sie werden nicht mehr active oder Reserveofficiere, Regierungsräthe, ordentliche Professoren, und selten genug Richter. Man macht kein Hehl daraus, dass selbst die jüdischen Notare in Berlin nur percentual ihre Stellen erhalten. Und auch wirtschaftlich scheint ein Stillstand eingetreten zu sein. Die grosen Banken haben einen beträchtlichen Th eil der kleineren selbständigen Banquiers zum Aufgeben des Geschäftes gezwungen, und das betraf meist Juden. Die kleinen Makler fristen ein kümmerliches Dasein und die Geschäftsangestellten finden schwer ein Unterkommen — natürlich auch schwer in den mit jüdischem Capital betriebenen Unternehmungen. Eine Art von Gleichberechtigung haben die Juden heute noch in der Berliner Stadtverwaltung. Es gibt einige zwanzig jüdische Stadtverordnete und etwa 3 o der 4 jüdische Stadträthe, auch viele städtische Beamte sind Juden. Berlin hat sich merk würdigerweise inmitten einer stockconservativ - antisemitischen Umgehung liberal erhalten, und das kommt den Juden zugute. Tapfer hat man sich in der Frage der jüdischen Lehrerinnen auf deren Seite gestellt und dem Provinzial-Schulcollegiuni wenigstens einige Concessionen abgetrotzt. Es war das erste- und vielleicht auch das letztemal, dass eine öffentliche Organisation mutig für die Gleichberechtigung eintrat. Denn die Angriffe auf die städtische Selbstverwaltung