Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 49 (8.12.1899)
- Article
- Der Boycott der Juden
- Date
- 1899-12-08
- Page
- 4 (sequence 1)
- Language
- German
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„Die H Welt“ Nr. 49 Seite 4 Der Boycott der Juden. (Antisemitische Ausnahmsgesetze.) Die Juden in Oesterreich sind das ganze Jahr über in der seltsamen Lage, in die entgegengesetztesten Klagen der streitenden Parteien einstimmen zu können. Sie begreifen es nämlich nicht nur, wenn von der einen Seite mit hartem Worte die Beschuldigung erhoben wird: „Wir leben in keinem Rechtsstaate mehr!“ Die Juden müssen in gewissem Sinne es auch schmerzlich mitfühlen, wenn von der anderen Seite gerufen wird: „Wo bleibt der christliche Staat[?“ In der That, die Juden in Oesterreich erfahren es fort und fort am eigenen Leibe, dass, was sie anbelangt, gar häufig die Principien des modernen Rechtsstaates an den Nagel gehängt werden, und sie werden auch der Segnungen der christlichen Nächstenliebe nicht theilhaftig, die, wenn der Name nicht trügt, im christlichen Staate wohl allen Menschen im gleichen Masse gesichert sein müsste. Ganz besonders aber empfinden das die Juden im österreichischen Staate zur Weihnachtszeit. All die Lieblosigkeit und Unduldsamkeit, an denen sie das Jahr über zu leiden hatten, drücken sie um diese Festeszeit in erhöhtem Masse. Die Stimmen, die da und dort zum Hasse gegen die Juden auffordern, vereinigen sich nun zu einem Chore, der die Heilslehre verkündet: Kauft nicht bei Juden! Die jüdischen Kaufleute werden, das gehört schon zu dem Weihnachtsfeste der Antisemiten, in der antisemitischen Presse und in den antisemitischen Versammlungen boykottiert, der ganze Heerbann der christlich-socialen Partei, von dem bis zum Antisemitismus herabgekommenen Prinzen Liechtenstein angefangen bis zu dem durch den Judenhass emporgekommeneii Bielohlawek herunter, schreit sich die Kehlen heiser: Kauft nicht bei Juden! Der wirtschaftliche Boycott, der über die Juden verhängt werden soll, will mit anderen Mitteln, als die der Abgeordnete Schneider im Parlamente empfahl, die Vernichtung der Juden erreichen. Der radikale Schneider meinte, man möge die Juden verbrennen oder ersäufen; Prinz Liechtenstein, sein hochgeborener Freund, predigt bloss, man möge sie aushungern. Im Effecte ist es dasselbe, aber es klingt besser. Die Juden wollen Brot? Man werfe ihnen Steine in die Fenster. Diese laut und ungeahndet ertheilte Antwort, das wird man zugeben, entspricht weder den Begriffen, die man gemeinhin von den Verhältnissen in einem Rechtsstaats hat, noch jenen, die man mit einem christlichen Staate ohne Schmähung des Christenthums —* verbinden kann. Aber die Juden im österreichischen Staate können sie jahraus jahrein hören, und mit besonderem Nachdrucke zur Weihnachtszeit, wo angeblich die Liebe auf Erden ihre höchsten und heiligsten Triumphe feiert. Und nicht sie allein hören es. auch der Regierungsvertreter hört es, der bei den christlich-socialen Versammlungen anwesend ist, auch der Staatsanwalt hört und liest es, wie man aus den — unconfiscierten Zeitungsberichten schliessen darf, welche die Aufforderungen zum Boycott der Juden getreulich registrieren. Was man aber nicht hört, ist, dass jemals einer der antisemitischen Hetzer im Frack, in der Soutane oder im Weiberrocke wegen seiner zum Boycott der Juden aufreizenden Reden zur Verantwortung gezogen worden wäre. Naive Gemüther werden nach all dem vielleicht zu der Vermuthung gelangen, dass die Juden zwar zu bedauern sind, wenn man sie boycottiert, aber dass man jenen, die dies thun, nicht an den Leib rücken kann, weil sie auf dem Boden des Gesetzes stehen und nichts thun, was verboten ist. Welch ein.Rechtsirrthum! Auch juristisch mindergebildete Menschen müssten durch zahlreiche Gerichtsverhandlungen, in welchen Socialdemokraten, die zum Boycott gegen diesen oder jenen aufforderten, verurtheilt worden sind) darüber belehrt worden sein, dass in Oesterreich nach den herrschenden Gesetzen die öffentliche Aufforderung zum Boycott eine strafbare Handlung bedeutet. Der Boycott der Juden scheint in der Praxis allerdings als ein mildernder Umstand aufgefasst zu werden, und das machen sich die edlen Herren und Damen, deren Lieblingssportes bildet, zur Weihnachtszeit die Hetze gegen die Juden mit verstärkten Mitteln zu betreiben, zunutze. Wir möchten aber die Juden in Oesterreich allen Ernstes davor warnen, in den Rechtsirrthum zu verfallen, dass irgend wer, also auch einer von ihnen laut und öffentlich den wirtschaftlichen Boycott gegen Leute proclamieren könnte, die ihm nicht zu Gesichte stehen. Er könnte gar bald sich überzeugen, dass das nicht gestattet ist. Was die Antisemiten betrifft, ja, Jude, das ist was anderes. Die antisemitische Partei, der man einst in den regierenden Kreisen achselzuckend, lächelnd zusah, ist ein Factor geworden, mit dem man rechnet, der einen mächtigen, schier allmächtigen Einfluss besitzt, dem man sich in der Stadt, im Lande, im Staate beugt, ja der einen Terrorismus ausübt, dem man beinahe sich gewöhnt, ohne Kampf zu weichen. Der Antisemitismus kann heute alles wagen, er hat sich nicht allein das Privilegium erworben, sich über die Grundsätze des Rechtes und der Humanität hinwegzusetzen, die nicht codifieiert sind, er schlägt auch oft ungehindert den geschriebenen Gesetzen des Staates ein Schnippchen. Die Antisemiten haben sich eine Art GewohnhMts unrecht geschaffen, das Respect einflösst, an das niemand zu rühren wagt. Die Boycottierung der Juden, das ist so ein Gewohnheitsunrecht, welches sich die Antisemiten durch jahrelange Uebung ersessen haben, in dem sie sich nicht beirren lassen und in dem sie eigentlich auch niemand mehr zu stören sucht. Es trifft ja nur die Juden, und diesen wird es schliesslich doch nicht mehr darauf ankommen, ob sie eine Unbill, eine Rechtsverletzung mehr zu ertragen haben. Die Antisemiten tragen sich, wie bald dieser, bald jener ihrer Anträge im Parlament zeigt, immer mit dem Gedanken, Ausnahmsgesetze für die Juden zu schäften. Wie unersättlich doch die Herren sind. Genügt es ihnen denn nicht vollauf, dass sie für sich selbst — Ausnahmsgesetze haben? Ada m. Die Woche. 6. December 1899. Ein Wiener Blatt brachte dieser Tage in einem Pariser Telegramme die Mittheilung, ein Lieutenant Lapeyriere vom 160. Infanterie-Regimente in Toul habe jungen Soldaten den Besuch jüdischer Geschäfte verboten. Inhalt und Stilisierung des Telegramxnes sind darnach angethan, berechtigtes Aufsehen zu erregen. Das Telegramm spricht nämlich ausdrücklich von „jungen Soldaten“. Man muss also annehmen, dass der Besuch jüdischer Geschäfte den gesetzteren, bejahrteren Kriegern erlaubt und nur den flaumbärtigen Eleven den Kriegshandwerkes untersagt ist. Der nachdenkliche Leser, der gewohnt ist, den letzten Gründen der irdischen Erscheinungen nachzugehen, muss sich nun weiter fragen, warum ein jüdisches Geschäft gerade auf einen jugendlichen Marssohn nachtheilig einwirkt, während es andererseits beispielsweise von einem wettergebräunten, grauhaarigen Capitän ohne jeglichen Schaden genossen werden kann. Wir müssen sonach zur Ueberzeugung gelangen, dass ein jüdisches Geschäft auf einen im zartesten Alter stehenden Kriegsmann denselben Einfluss ausübt, wie ein locker construiertes französisches Lustspiel auf eine sittsame 17jährige Bürgerstocht er. Und man kann sich ganz gut vorstellen, wie ein junger Soldat, der vor sich das Firmenschild „Abraham Kohn“ auftauchen sieht, erröthend wegschaut oder verlegen die Augen senkt. Da ist es gewiss sehr