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Die Welt · 1899-12-08 · 49 (8.12.1899) · p. 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
49 (8.12.1899)
Article
Orléans-Guérin-Porges & Co.
Date
1899-12-08
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 49 „Die A Welt“ Seite 3 So war denn der „Held* Gr u 4 r i n sammt der Festung preisgegeben, der arme G u 6 r i n, der ohne Zweifel, während der „roy“ nach Osten dampfte, die Hand an die Mine legte, die Ihn sammt seinem Häuflein todesmuthiger Kämpfer in die Luft spedieren sollte — denn „la garde meurt, mais eile ne se rend pas!« Oder vielleicht hat der Herzog seinen Rückzug nicht mit dem drückenden Gefühl angetreten, dass drüben ein Häuflein Paladine seinetwegen in den sicheren Tod geht; vielleicht kennt er Paris genau genug, um zu wissen, dass dort seit Jacques Offenbach die Tragik der Königsdramen aufgehört hat und die Tragikomik an ihre Stelle getreten ist. Vielleicht sind ihm auch die Antecedentien seines Generalissimus Guerin bekannt, der seine Carriere in Galizien als ganz gewöhnlicher Hochstapler begonnen hat, bis er von dort verduftete, um in Paris als Königsmacher aufzutreten. Was der Herzog ernstlich beweinen dürfte, sind die verlorenen 500.000 Francs, die diesmal in Luft und Nebel aufgegangen sind, ohne den Wiederaufbau des Königsthrones gefördert zu haben. Und woher kam diese halbe Million? Doch nur von Seiten jener seit der grossen französischen Revolution grollenden Familien, die allen Verlockungen des ersten und zweiten Kaiserreiches widerstanden, die im Bewusstsein ihrer alten Adelsprivilegien das Parvenüthum auf dem Throne verachteten und mit den Glücksrittern in goldstrotzenden Uniformen nichts gemein haben wollten. Jetzt, da ihnen kein directer Bourbon mehr zur Verfügung stand, nahmen sie wohl gern mit einem Orleans vorlieb, mit dem sie sich schliesslich doch einigermassen „cle pair“ fühlen mussten. Der Gold Zufluss konnte also nur von dort kommen, oder doch in erster Linie von jener ewig unruhigen Duchesse d'U z e s, die schon zur Zeit der boulangistisehen Komödie ein paar Millionen hatte springen lassen. Nun, diesmal wurde man in der fast selbstverständlichen Annahme getäuscht; ein anderer Name machte die Runde, ein Name, der weder mit den Kreuzzüglern, noch mit den alten Bourbonen etwas zu thun hat, am wenigsten aber mit dem Antisemitenhäuptling Guerin und dessen ungekröntem Auftraggeber etwas zu thun haben sollte : der unverfälscht jüdische Name Borges. Madame Jules Borges aus dem österreichischen, ebenfalls rein jüdischen Banquierhause Wodianer. Diese Dame, heisst es, hat in Verbindung mit einer Madame d’A delswarth — die wohl auch desselben Ursprungs sein dürfte — zu den nothwendigen Geldern, um die Arbeiter zu gewinnen und Herrn Guerin zu erhalten, die Summe von 200.000 Francs beigesteuert und in einem Begleitschreiben auf das Haupt „Monseigneurs“ den Segen des Himmels herabgerufen, damit sein „edles, grosses Werk“ gelinge. Das grosse Werk der Unterjochung Frankreichs und der Austreibung der Juden! . . . O seliger Heinrich Heine, wenn Du das noch hättest erleben können! Und derselbe Orleans, der kürzlich erklärt hat, wenn er zur Macht käme, Hesse er jeden, der den Namen Dreyfus ausspricht, standrechtlich erschiessen : derselbe, dessen Vetter imProcesse Zola einen Esterhazy öffentlich auf die Wange geküsst hat, nimmt dankend die Judengelder in Empfang und sucht sie ad majorem personae gloriam zu verwerten. Sind diese Herrschaften einander nicht würdig? Wen aus dieser Compagnie soll man eigentlich ernst nehmen? Es fehlt nur noch der biedere Arthur Meyer vom ,Gaulols« dabei, dieser Ur-Gallier, dem leider der verstorbene Prinz Achille Mur at hilfreich beistand, als nämlich dieser kleine jüdische Börsengalopin und jetzige grosse antisemitische Royalist dem Hungertode nahe war. Wenn wir alle diese Pariser politischen Faiseurs an uns vorüberziehen lassen, so muss uns ein Ekel vor der Niedertracht und Erbärmlichkeit erfassen, die sich dort zusammengefunden hat. Träger historischer Namen verbinden sich mit notorischen Gaunern, mit Zuchthauscandidaten, und auch das ewig Weibliche schürzt die Röcke zum unverschämten Cancan, in dem man der Welt mit der Fussspitze ein Schnippchen schlägt. Fast wäre man versucht, zu rufen: Frankreich den Franzosen! Hinaus mit diesem fremden Gesindel, das in rastlosem Streberthum, in verächtlicher Eitelkeit, in nneisättlicher Geldgier das Land zu corrumpieren, zu compromittieren sucht und durch sein tolles Gebrüll das übrige Europa glauben machen will, Frankreich habe gesprochen. Der grosse Kehraus wird unerlässlich sein, aber nicht so, wie diese Herrschaften ihn organisieren wollten. Das Frankreich eines Zola, eines Scheurer-Kestner, eines P i c q u a r t, eines T r arieux und wie alle diese echten Kinder der einstigen grossen Nation heissen, kann nicht ein Frankreich neben sich dulden, in dem eine Comparserie, wie die im Titel genannte, das grosse Wort führt und die Geschicke lenkt. Es muss sich von diesen Elementen reinigen, es muss mit fester Hand einfür allemal Ordnung schaffen. Es muss den Bürgerfrieden herstellen, den Bürgerfrieden zwischen allen Classen und Confessionen, und darum muss auch in der Frage der Confessionen eine Sonderung der Elemente stattfinden, damit endgiltig Ruhe werde. Denn wohlgemerkt: der Antisemitismus, aus dem die ganzen Wirren seit dem Tage von Panama hervorgegangen sind, verdankt sein Anwachsen nicht allein dem wüsten Gebaren christlicher Streber und Speculanten, auch nicht allein der Wühl- und Hetzarbeit der D r u m o n Aschen Bande und der hinter ihr stehenden Jesuitenphalanx, sondern er ist durch die Unterstützung von Seiten solcher Juden gross geworden, deren Ringen nach Millionen erfolgreich war und deren nächstes Streben dahin geht, ihr ehrliches Judenthum feige zu verbergen, sich übertünchen zu lassen, um das höchste Ziel zu erreichen: den Zutritt in die exclusiven Räume — oder doch wenigstens in die Lakaienstube — der obersten Kaste. Was ein Arton und Gon Sorten durch ihre Unersättlichkeit und Corruption an der ehrlichen, achtbaren Judenschaffc verbrochen haben, das setzen diese Herrschaften nun fort, die in ihrer lächerlichen Eitelkeit nicht sehen, wie man sie hinter ihremRü cken verspottet, nachdem man ihnen ihre Gelder gnädigst abgenommen. Ein Zug des Opportunismus — das sanfte Wort für „Feigheit“ — geht heutzutage durch die Welt, und darin wurzelt die grosse Krankheit des Jahrhunderts. Rückgrat braucht die Menschheit, will sie die Krankheit überwinden. Rückgrat zeigen heute die Männer, die sich zusammengethan, um Frankreich zu retten, und ihr Ernst hat im Nu die Bramarbasse des Fort Chabrol dazu gebracht, sich winselnd in den Staub zu werfen. Möge dieses Beispiel genügen, um die rechtlich denkende Menschheit zur Besinnung zu bringen, um Frankreich aus seiner Erniedrigung zu erheben, und um auch anderswo, wo es noththut — und wo thäte es nicht noth — die Starken aufzurütteln. Kein Land ist heute von seiner „Compagnie« frei, die im Trüben fischt und mit frecher Dreistigkeit sich Elienbogenvveite zu schaffen sucht. Ein bisschen Courage, ein bisschen fester Wille — und die Comparserien, die Land, Politik und Leute als Mittel zum Zwecke zu missbrauchen suchen, sind zur Thür hinausgefegt. („Das neue Jahrhundert«.)

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