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Die Welt · 1899-12-01 · 48 (1.12.1899) · p. 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
48 (1.12.1899)
Article
Der Talmudbauer
Date
1899-12-01
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 48 „Die 2^ Welt“ Seite 15 Chajim überlegte. Vor einem Monate hätte er nur in der sophistischen Exegese eine Lösung gesucht. Nun hatte er die Empfindung des Bauern in sich aufgenommen, der seinen Boden veredeln will. „Ich glaube, Lupinen, die man nicht ernten, sondern einackern will, sind nicht als fremde Frucht zu betrachten und nicht als Kilaim. Sie sind natürlicher Dünger. Wenn unsere Weisen gewusst hätten — —a Da fuhr ihm aber Kattowitz in die Parade. „Unsere Weisen, die haben alles gewusst. Was man heute mühsam mit Chemie und Agronomie nachweist, das alles war ihnen längst klar. Wissen Sie, dass Salomo einen Blitzableiter gehabt hat?“ - „Aber doch keine Eisenbahn," warf Mirjam lächelnd ein. „Wer weiss,44 ereiferte sich Kattowitz. „Nun ist es gut, aufzuhören," meinte die Tochter. „Vater ist wieder ganz Talmudlehrer.14 „Und Du französische Rationalistin. Sie liest nämlich Renan und lernt von einem Christen die Geschichte ihres Volkes und die Bedeutung seiner Lehren,“ wendete er sich zu Chajim, wie um seine Tochter zu verklagen. „Wissen Sie, was sie liest?", fuhr er fort mit entstelltem Entsetzen. „Das Leben Jesu.14 Chajim erschrak wirklich. Noch mehr steigerte sich sein Entsetzen, als Mirjam ihm ganz unbefangen sagte: „Kennen Sie das Buch?" „Nein." „Sie lesen nicht französisch? Nun, ich habe auch eine deutsche Ueberseizung. Das Buch sollte jeder Jude kennen, ebenso die Ap.oatielvbesonders aber die Geschichte Israels von Renan.44 Chajim sah ihr erschreckt in das lebhaft geröthete Gesicht. Er vermochte kein Wort zu erwidern. Das Leben Jesu! Französisch und deutsch! O Du Gott Israels, er hatte noch nie ein deutsches Buch in Händen gehabt; er sprach den jüdisch-deutschen Dialect, wie er in Jerusalem heimisch war, in der Schule hatte er hebräisch gelernt und etwas arabisch — aber deutsch, das lernte man in der Lämmelsehule und französisch in der Schule der Allianz, dahin gieng keines frommen Juden Kind. Und er verstand auch, warum: weil man dann das Leben Jesu las. Die Müdigkeit machte sich bemerkbar. Der Ritt die Aufregung — und hier das Neue. Er gieng zur Ruhe. Stundenlang grübelte er auf seinem Lager über sich, über die Colonisten, über Mirjam. Vor einem Jahre hätte er jene, die deutsch lernten in der Lämmelsehule oder französisch in der Schule der Allianz, als Gottlose verworfen, vor wenigen Monaten hatte er es tief bedauert nicht in einer dieser Schulen, seine Jugendjahre verbracht zu haben. Warum entsetzte er sich nun vor Mirjam, die fremde Sprachen verstand und das Leben Jesu las? Sie verstand doch auch ein hebräisches Buch zu lesen nnd erklärte den Talmud. — Sie war eben ein ausser gewöhnliches Mädchen. War sie überhaupt ein Mädchen wie andere? Nein, solch ein Geschöpf konnte es zum zweitenmale auf Erden nicht geben! „Französisch, deutsch und russisch, französich, deutsch und russisch," er flüsserte diese Worte immer vor sich hin, „und hebräisch," sagte er dann leise vor sich hin. Das wiegte ihn in Schlummer, aberimmer wieder, wenn der Schlaf sein Gehirn entlasten wollte, tauchten schwere Sorgen auf. War nicht alt das Sünde, Abwenden vom eigentlichen Geiste Gottes? Durfte man denn seine Lehren vom praktischen . Standpunkte erklären? Führte nicht diese Theorie zur Abwendung von der Lehre, dort, wo sie dem kleinen Menschengeiste unpraktisch erschien? Er. stand wieder vor der Klagemauer, er sah die hohe Gestalt seines Vaters, sein sorgenvolles Gesicht — er hörte die feierlichen Worte seines Gelöbnisses: Niemals die Worte Gottes vergessen und stets die heil ige Lehre hochhalten. Das hatte er geschworen, dort auf der Stelle, die geheiligt ist durch die Jahrtausende. Er durfte sich nicht abkeliren oder abwenden, lassen, auch nicht durch solch ein Wesen wie Mirjam. „O Mirjam, Mirjam!" seufzte er. „Sie. is wunderschön und lieb und gut. Bei der bleib’ ich. Die Mutter is auch, gut, bei der bleib ich auch!" rief,der Waisenknabe aus Rumänien, der mit ihm im selben Zimmer schlief und den Namen gehört hatte. Chajim schämte sich, dass der Knabe ihn belauscht hattd,.er zog tpotz .der grossen Hitze.die Decke über die Ohren und, schlief endlich ein. . ' Den Sabbath verlebte er in einem Wirbel der Gefühle. Die drei Söhne führten , ihn durch Haus und Hof, und sie. . erzählten ihm von der Vergangenheit des Hauses. Wie .jung sie war,, diese Geschichte! „Vor acht Jahren war das unser Haus!" rgft der Jüngste. Er wies auf* eine niedrige Holzhütte, in der Hühner umherflatterten. „Das ist jetzt unsere Hühnersteige,, da bin ich geboren worden V' Kattowitz nickte. „So haben wir begonnen. In diesem Käfig schliefen die Frauen zweier Familien.- Dann haben wir im Kuhstall gewohnt," er wies auf eine grosse Hütte, in der zwei Kühe und ein Kalb sich bewegten. „Mit Gotteshilfe und mit Unterstützung edler Menschen haben wir dieses schöne Steinhaus aufgebaut mit den hohen Stuben, in denem es sieh so behaglich lebt." Wo Chajim an diesem Tage hinkam, vor der Synagoge und nach dem Gottesdienst, überall, hörte er von den Leiden der Colonisten, die Jahre hindurch kein Brunnenwasser zu trinken hatten, sondern aus Pfützen ihren Trunk holten. Das Wasser wurde gekocht, filtriert, mit Thee versetzt, schliesslich doch getrunken, was vielen zum Verderben gereichte. Aber jetzt, jetzt tauscht keiner mit dem Oberrabbiner von Jerusalem. Bauern auf eigenem Grund und Boden, Colonisten, auf die man mit Stolz hin weist, Eigenthürner des Bodens, den Abraham, Isaak und Jacob bebaut, den Gott seinem Volke verheissen hat, Grundbesitzer im heiligen Lande! Wie das alles klang! Und wie es in ihm rumorte. Er hatte ja Aehnliches empfunden, aber ihn hatte der Hunger gejagt, jene waren oft aus den behaglichsten Verhältnissen bisher gekommen, aus Liebe zur Erde Israels. Konnte, durfte er mit ihnen rechten, wenn sie das Gotteswort anders empfanden als er? Schliesslich glaubten sie. ja daran und hielten seine Gesetze, das war ja die Hauptsache! Am Nachmittag sprach er mit Mirjam darüber. „Wenn doch Sie recht sehen, dann warmein ganzes Leben ein falsches,44 rief er. „Aber Sie haben recht! Hier in Gottes freier Natur, im Fehle und auf dem Weinberge, hier fällt das rechte Licht in die Wirrnis der heiligen Bücher." Mirjams Antlitz leuchtete bei diesen Worten. „Gewiss,44 stimmte sie freudig ein. „Es ist würdiger und heiliger, zu glauben, dass all diese Gesetze und Verordnungen einem sittlichen Bedürfnisse entspringen, der inneren Ordnung, dem Wunsche, Menschen, Natur und das hohe Gottheitsprincip zu vereinigen, als dem Wunsche eines hohen Wesens, die Menschen nach einem Willen zu lenken, weit es sein Wille ist." „Wenn wir aber auf solche Weise alles erklären wollen, werden wir nicht leicht abfalten?" „Nein. Demi man ordnet sich dann aus Disciplin unter, wo man nicht versteht. Gerade sie, die dumpf glauben, fallen am ehesten ab. Ich liebe Gott, aber ich furchte ihn nicht.“ Chajim sah zu ihr auf wie zu einer Seherin. Das kleine, zarte Dingelchen, mit welcher Sicherheit und Kraft sie zu ihm sprach! Sie belehrte und erhob ihn. Wie er sich nur vor ihr fürchten konnte? Nichts von Sünde, kein unreiner Hauch. Ihre Kraft und ihre Sicherheit theilte sich auch ihm mit. AVissen Sie, dass ich mich vor Ihnen gefürchtet habe?" gestand er ihr. Sie blickte zu dem grossen, starken Jüngling empor. Er war männlicher geworden, seit sie ihn zum ersten male gesehen hatte, das Gesicht sonnverbrannt, die Augen hell und geradeaus blickend. — Sie wollte ihm sagen, wie er, der starke Mann sich vor einen kleinen Mädel hatte fürchten können, aber es kam kein Wort über ihre Lippen. Sie senkte den Blick und schritt eine Weile schweigend neben ihm hin. Dann fasste sie sich und lud ihn ins Haus. „Vater sehnt sich so sehr-, mit Ihnen ein Talmudgefecht durchzuführen, wissen Sie, so ein echtes Gelehrtenduell." — Als der erste Stern aufleuchtete im Osten, rüstete Chajim zur Rückkehr nach Rechobot. Auch der Waisenknabe aus Rumänien musste seine Hoizhacke schultern und mitmarschieren. Er sollte seiner Herrin kündigen und dann zu Kattowitz als Arbeiter kommen. Nochmals waren sie mit der Familie vereinigt. Die Hawdala wurde entzündet, die heilige Sabbathflamme leuchtete nochmals auf, dann erlosch sie im Segen wein. Werkeltag! „Gut Woch!" rief man sich herzlich zu. Nach einem bescheidenen Imbiss begleiteten Vater und Tochter ihre zwei Gäste bis zum Abhange des Hügels, der zum Araberdorfe führte. „Also es bleibt dabei. Sie sind unser lieber Sabbathgast von jetzt an, solange Sie in der Colonie leben. Danken Sie nicht, ich habe zu danken. Es giebt zwar einige Talmud kenner hier, aber Gelehrte gar nicht. Ich freue mich mit Ihnen. Ein Messer schleift das andere.44 (Fortsetzung folgt.) Briefkasten. Isr. 6., ß. Jüdisches Museum, Wien, L, Räthhausstr. 18. I. L. L—k, D. Besten Dank für Ihre freundlichen Wünsche. L K., Prag. Rabinowitz (Ben-Ami), Odessa. M. Fr., Horazdowitz. Besten Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Wie Sie sehen, in dieser Nummer. P K. in M. Lehmanns jüdische Volksbücherei ist durch die Wirth’sche Hofbuchdruckerei in Mainz zu beziehen.

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