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Die Welt · 1899-12-01 · 48 (1.12.1899) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
48 (1.12.1899)
Article
Mährisch-Weisskirchen
Date
1899-12-01
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 „Die Hr Weit“ Nr. 48 Deutsche trotz des herrschenden Judenhasses sich der grössten „Rechssicherheit* erfreue. Stanislau. Für die Verhältnisse in den Gymnasien Galiziens ist folgender Fall, der sich vorige Woche hier ereignet hat, charakteristisch. In den ersten Tagen des November wird hier alljährlich von den vSchülern der achten Gymnasial-(Tasse eine Mickiewicz-Feier veranstaltet. Dem die Feier vorbereitendem Comite gehörten bisher nebst den polnischen auch jüdische und ruthenische Schüler an. Aber diesmal sollte es anders sein, denn „ein neuer Geist beseelt die Hoffnung der Zukunft.“ Die polnischen Schüler wählten, obgleich sie sowohl den ruthenischen, wie den jüdischen Collegen gegenüber in der Minderheit sind, lediglich aus ihrer Mitte ein Comite. Dies empörte die Ruthenen, wie nicht minder die Juden, und es wurde von den Angehörigen beider Nationalitäten die Erklärung abgegeben, sich nicht an der Feier betheiligen zu wollen. Nun gieng ein Sturm gegen die Juden los. Die Polen beschwerten sich bei dem Professor B. über die Juden und meinten, dass sie es nicht, für nöthig gefunden hätten, dieselben in das Comite zu wählen, da sie doch auf der Tafel affichiert hatten, dass alle Polen an der Feier theilnehmen können. Professor 13. fragte nun die jüdischen Schüler, zu welcher Nationalität sie sich bekennen. Er bekam die einstimmige Antwort: „Z u r j ü d i s c h e n.“ Dafür drohte der Herr Professor, ihnen während der Maturitäts-Prüfung hart an den Leib zu rücken. M. H. Deutschland. Marburg. Sogar hierher, in das^stille, kleine M arb u r g, ist der Zionismus bereits gedrungen. Man spricht hier recht viel von der zionistischen Bewegung, nicht ohne decidiert für oder wider sie Partei zu ergreifen. Kaltblütige Leute, die sich sonst nicht leicht zu erhitzen pflegen, bringen jetzt mit Wärme ihre Sympathie für den Zionismus zum Ausdruck. Allerdings verhalten sich auch jetzt noch viele neutral; sie erklären, den Zionismus noch nicht gründlich genug zu kennen, geben jedoch zu, gegen das, was ihnen von demselben bekannt ist, nichts einwenden zu können. Interessant ist es jedoch, zu erfahren, durch wen das Interesse für den Zionismus hier in Marburg wachgerufen worden ist. Nicht etwa Agitationen von zionistischer Seite haben dazu in erster Reihe beigetragen. Ein deutscher Rabbiner vielmehr, ein 'leibhaftiger deutscher Protestrabbiner, hat sich des Verbrechens der Förderung zionistischer Bestrebungen schuldig gemacht. Um jedoch gegen den betreffenden Rabbiner keinen Verdacht auf kommen zu lassen, will ich feststellen, dass er durchaus kein zionistischer Proselyt-, vielmehr nach wie vor ein fanatischer Antizionist ist: und doch hat er zugunsten des Zionismus gewirkt — auf seine Weise. Der hiesige jüdische Geschichtsv er ein veranstaltet nämlich in jedem Wintersemester eine Reihe von Vorträgen, jüdische Geschichte und jüdische Fragen betreffend. Der erste Vortrag in diesem Wintersemester betitelte sich: „Messiasschwärmereien“, und zwar war der Redner der obenerwähnte Rabbiner. Das Thema schien zu interessieren, denn die hiesigen Juden fanden sich zu dem Vortrage recht zahlreich ein. Der Redner führte die Geschichte der Messiasschwärmer Bar-Kochba, Sabbatai Zevvi u. s. w. vor und legte dar, wie überaus schädlich und unheilvoll diese dem Judenthum waren und wie sie die Lage der Juden stets verschlimmert hätten. Doch nun kam der Schluss, denn ein sorgfältig ausgearbeiteter Vortrag muss doch seinen effectvollen Schluss haben. Nun, was wäre wohl zutreffender gewesen, als dass am Schlüsse dieses Vortrages die Bestrebungen verherrlicht worden wären, die darauf hinzielten, die Erinnerung an Zion zu tilgen, indem man beispielsweise den Namen „Zion" aus den Gebetbüchern ausmerzte, um auf diese Weise das Aufkommen von „Messiasschwärmern“ unmöglich zu machen. Es kam jedoch wider alle Erwartungen anders: der Herr Rabbiner zog es vor, am Schlüsse des Vortrages einen Schlag gegen den Zionismus zu führen. Er wagte es, den Zionismus in eine Reihe zu stellen mit den „Messiasschwärmereien“ von Sabbatai Zewi u. dergl., und bewies damit, dass er vom Wesen des Zionismus eine sehr vage Vorstellung hatte oder vielmehr h a b e n wollte, obgleich er behauptete, gut unterrichtet zu sein. Das Gegen theil davon bewies er übrigens auch durch einige ebenso kleinliche wie unzutreffende Bemerkungen über die Herren Dr. Nordau und Dr. Herzl. Das war auch alles, was er gegen den Zionismus anzuführen hatte. Er war auch so gnädig, Seine königliche Hoheit den Grossherzog von Baden zu entschuldigen, dass dieser sich sympathisch über den Zionismus geäussert habe, indem er jenem das Zeugnis eines idealen und erleuchteten Monarchen ausstellte, der ihn, den Redner, sogar mit einem Orden auszeichnete. Ist das nicht genug, um den Zionismus zu zerschmettern? Unter der Zuhörerschaft theilte fast keiner die Meinung des Redners. Der weitaus grösste Th eil der Versammelten sprach sich im Gegen theil recht warm und sympathisch über die zionistischen Bestrebungen aus. Breslau. Am schwarzen Brette der Universität zu Breslau hängt seit einigen Tagen der .Aufruf des neubegründeten „Vereines jüdischer Studenten“. Der Aufruf fordert die jüdischen Commilitonen auf, den Namen Jude als Ehrennamen zu tragen. „Erinnert Euch,“ heisst es da, „dass es die stolzesten Parteien in der Geschichte, die charaktervollsten Männer wareo, welche freudig den Namen trugen, durch den ihre Feinde sie der Verachtung preiszugeben trachteten. Wie die Geusen, die edlen Freiheitskämpfer der Niederlande, sich selbst stolz als Bettler bezeichnten, so wollen auch wir den Namen Jude — die gelbe Farbe, die man unseren Vätern als Schandfleck auf das Gewand geheftet — als Ehrennamen tragen. Wollen wir die Achtung der anderen erringen, so müssen wir mit der Selbstachtung beginnen.“ Russland. Ekaterinoslaw. Ans dem Berichte der hiesigen Depotstelle der Jüdischen Colonialbank geht hervor, dass hier bis zum 1. Juni a. St. von 1130 Actionären Zeichnungen auf 5769 Actien erfolgten. Es gibt in der Umgebung von Ekaterinoslaw keine von Juden bewohnte Ortschaft, in der nicht eine grössere Anzahl von Actien gezeichnet worden wäre. An der Subscription betheiligten sich fast Ohne Ausnahme alle Schichten der jüdischen Bevölkerung. England. London, 27. October. Letzten Sonntag machten einige Mitglieder des Executiv-Comites der „English Zionist Federation“ einen Agitationsausflug nach Birmingham. Aus diesem Anlasse veranstalteten die Birmingham er Zionisten ein Meeting, das einen massenhaften Besuch aufwies. Auch viele Nichtjuden waren zugegen. Beachtenswert ist, dass sich auch die Cultu«gemeinde - an der Versammlung betheiligte. Ihre Vertreter waren Rev. G. J. Emanuel, der Präsident Mr. Davis, der Vicepräsident und der Schatzmeister der Gemeinde. Von der Federation waren die Herren B e n tw i c h, Monte f i o r e, J. C p w e n und J. de Haas anwesend. Einen mächtigen Eindruck machten die Ansprache Sir Monte fl o r e s und eine vornehm gehaltene Controverse zwischen Rev. Emanuel und Mr. Cowen. — Mr. Co wen befindet sich seit einigen Tagen auf einer Agitationsreise im nördlichen England. Ein neuer zionistischer Verein wird am Sonntag in Nottingham gegründet werden. Die S c h e k e 1 s a mm 1 u n g hat bereits in vielen Orten begonnen. J. de H. Amerika. New-York. (New-Yorker Chronik). Die 30 Vereine, die zu der New-York Zionist Federation gehören, hielten in den ersten Tagen des October ein Massenmeeting ab, um Professor G o 11 h e i 1 und seine Gemahlin zu bewillkommnen. Ein in New-York erscheinendes jüdisches Wochenblatt berichtet Folgendes über die Versammlung: Eine der erfolgreichsten zionistischen Veranstaltungen, die wir je in diesem Lande erlebten, war die unlängst von der New- Yorker Federation einberufene Versammlung. Der grosse, über 2000 Personen fassende Saal war bis auf die Strasse von einer enthusiastischen Menge erfüllt, die gekommen war, um Professor Gott heil und seine Frau, .sowie Miss Leon, die amerikanischen Delegierten zum dritten Congresse, zu begrüssen. Ein ähnlicher Empfang ward den übrigen amerikanischen Delegierten in Philadelphia und Chicago zu theil. Nach einigen interessanten Musikdarbietungen ertheilte der Präsident der localen Federation dem Rev. Stephen S. W i s e das Wort zur Begrüssungsrede.

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