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Die Welt · 1899-12-01 · 48 (1.12.1899) · p. 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
48 (1.12.1899)
Article
Ein Gottesmann
Date
1899-12-01
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8 Nr. 48 „Die Welt“ sie nur schweren Herzens weggehe, aber sie würde nach den Worten des Seelsorgers aus der Kirche ausgeschlossen werden, wenn sie bei einem Juden weiter im Dienst bliebe. Als nun die junge Frau sah. dass der Entschluss der Amme unwiderruflich sei, reiste sie in grösster Aufregung nach Gaya zu ihren Eltern, um sich dort bei ihrer Mutter Rath zu holen. Doch kaum hatte die junge Frau die Wohnung ihrer Eltern betreten, als sie, vom Schlage gerührt, zu Boden stürzte und sofort todt liegen blieb — ein armer, unschuldiger Wurm, ein Säugling, wurde, noch ehe er so recht ins Mutterauge blicken konnte, zur — Waise gemacht! Hier und in Miloticz herrscht über den Vorgang nur eine Stimme, die der Entrüstung. Bulgarisches. Aus Sofia wird geschrieben: Eine Deputation der hiesigen Cultusgemeinde, bestehend aus den Herren Abraham Lewy, Nissim Faschi, Pinchas Lewy und Pinchas Bukos, hat sich zum Minister des Innern Herrn Radoslawoff begeben, um seine Aufmerksamkeit auf das Treiben eines erst vor kurzem hier neu entstandenen Winkelblättchens zu lenken, das. um Abonnenten anzulocken, die schauderhaftesten Geschichten von den Juden erzählt und ihnen alle erdenklichen Laster andichtet. Die Antwort des Ministers lautete dahin, dass er das Blättchen gar nicht kenne — dasselbe wird in der That nur in den untersten Volkskreisen gelesen — er werde es sich jedoch sehr angelegen sein lassen, demselben seinen Judenhass zu benehmen. Zugleich versicherte der Minister, dass er sein Augenmerk auch dem Treiben des neuerlich hier gegründeten Antisemiten-Clubs zuwenden und dem Polizeidirector die nöthigen Anweisungen zukommen lassen werde, damit dieser Club seine Propaganda baldigst einstelle. Der Minister erklärte dann, die Israeliten können sicher sein, dass die bulgarische Regierung ihnen zu jeder Zeit den nöthigen Schutz angedeihen lassen werde, damit sie ruhig im Lande leben können. Die Juden in Turkestan sind in Bezug auf die freie Ausübung des Handels gewissen Beschränkungen unterworfen. Nun hat sich der Ausschuss der Lodzer Börse an das russische Handels- und Gewerbedepartement mit der Bitte gewandt, diese Beschränkungen aufzuheben. Er begründet diese Bitte damit, dass durch diese Beschränkungen, unter denen die Juden leiden, die Lodzer Industrie in ihrer Entwicklung ungemein gehemmt ist, da die Juden erwiesenermassen die alleinige Vermittler zwisehern dem Lodzer Industriegebiete und Mittelasien sind. Hoffentlich hat die Petition den gewünschten Erfolg. Aus Russland kommen wieder erfreulichere Nachrichten. Wie russische Blätter melden, hat nämlich gemäss einem kürzlich erschienenen Ministerialerlasse der Percentsatz jener jüdischen Schüler, die zum Studium an den technischen Hochschulen zugelassen werden, eine bedeutende Erhöhung erfahren. Eine Conferenz der Rabbiner der Gouvernements Cherson und Bessarabien wird demnächst, wie russische Blätter melden, mit Bewilligung der Regierung zusammentreten. Die Conferenz, in der unser Gesinnungsgenosse Rabbiner Dr. Kreps den Vorsitz führen wird, hat den Zweck, verschiedene religiöse Streitfragen, die in der letzten Zeit unter den Juden dieser Gouvernements aufgetaucht sind, zu schlichten. Aus den jüdischen Colonien in Russland. Die Ackerhaukrisis, die seit einigen Jahren in Podolien herrscht, hat die jüdischen Colonisten auf die Idee gebracht, den Anbau von Getreide aufzugeben und Tabakpflanzungen anzulegen. Anfangs wurden sie von den Bauern verspottet, die das Land wie zuvor zu bebauen fortfahren. Trotzdem machten die jüdischen Anpflanzungen Fortschritte, da ihre Eigentümer ja auch Erfahrung besassen, die den Bauern fehlte. Unglücklicherweise haben sie mit gesetzlichen Schwierigkeiten betreffs der Ausbreitung ihrer Industrie zu kämpfen. Die Gesetze über Pacht, Eigentum etc. hindern nicht nur die jüdischen Ackerbauer ihre Pflanzungen auszudehnen, sondern selbst auf dem Gebiete, wo sie arbeiten, sind die Juden oft der Gnade der Beamten ausgesetzt. Der Wochenbericht der Wiener israelitischen Cultusgemeinde vom 19. bis zum 25. November 1899 weist 50 Geburten, 14' Trauungen und 26 Todesfälle auf. Personalnachrichten. Sonntag, den 3. December 1899, 4 Uhr nachmittags, findet im israelischen Tempel zu Czernowitz die Trauung des Herrn Dr. Philipp M e n c z 1 mit Fräulein Rosa Kaufm a n n statt. Spenden. Für die Familie des ermordeten Sternberg in Dolina. Collecte des Dr. Menczei, Czernowitz, bei der Hochzeitsfeier des Dr. Mayer Ebner ... . . fl. 11.20 Für zionistische Zwecke. A. Fruchthändler und Herstein, Gymnasiasten in Krakau... fl. 3.90 Correspondenzen. Oesterreich-Ungarn. Wien. (Eröffnungscommers der akademisch e n V e r b i n d u n g „Kadi m a h“.) Den Reigen der Eröffnungscommerse eröffnefe heuer die „Kadimah“ mit einer Veranstaltung, die man in jeder Beziehung als gelungen bezeichnen kann. Die zahlreich erschienenen Freunde und Gönner der Verbindung begrüsste der Präses cand. med. Siegfried Bogad in einer herzlichen Ansprache. Sodann erhielt das Wort zur Tendenzrede der Drittchargierte der Verbindung, stud. jur. Josef F e i n g o 1 d. Reichen Beifall ernteten seine Ausführungen, die an der Hand der Geschichte die culturelle Bedeutung unserer Bewegung darlegten. Hierauf richtete Herr Dr. H erzl einen warmen Appell an die mit Spannung lauschenden Zuhörer und entfesselte einen wahren Beifallssturm. Grossen Anklang fanden die Ansprachen der Herren Y ork- Steiner und stud. jur. Maximilian Barber. Der letztere brachte in schwungvoller Weise einen geistreichen Toast auf die zionistische Idee aus. Den inofficiellen Th eil eröffn ete cand. med Uprimni mit einer humorvollen Kneip-Zeitung. Unter allgemeiner Zufriedenheit fand der Abend mit einem animierten Tanzkränzchen seinen Abschluss. Wien. Donnerstag, den 23. November fand in den „Ressource“-Sälen die erste der von der jüdischen Handlungsgehilfen-Vereinigung „Jordan ia" für die heurige Wintersaison geplanten Agitationsversammlungen statt. Sie erfreute sich eines ziemlich guten Besuches. Auf der Tagesordnung stand das Thema: „Die Bedeutung des Zionismus für die jüdischen Handelsangestellten.“ Das Referat erstattete Vereinsmitglied Alfred W ei'ssberge r. Seine Ausführungen fänden bei der überwiegenden Majorität der Versammlung lebhaften Beifall. An das Referat knüpfte sich eine sehr anregende Discussion. Von gegnerischer Seite ergriffen die Herren Stern, Bermann, Neuner und Gehilfen-Ausschuss Engel das Wort. Von Seiten der Zionisten griffen ausser dem Referenten die Herren Gross und Vereinspräses Lederer in die Debatte ein. Lange nach Mitternacht erst konnte der Vorsitzende die Versammlung schlie88en. Sie brachte der „Jorclania“ einen Zuwachs von 10 Mitgliedern. x. x. Wien. Der „Politische Volks verein “ veranstaltete am 27. v. M. im Saale des kaufmännischen Vereines zu Ehren des Professors der Philosophie an der Berliner Universität, Dr. Moriz Lazarus, der am 30. d. sein fünfzigjähriges Doctorjubiläum begieng, eine Festfeier. Der Präsident Dr. Fi all a hob in seiner Begrüssungsrede die bedeutsame Erscheinung des Gelehrten hervor. Er feierte ihn als Denker, Lehrer und Kämpfer voll weiser Mässigung und Klarheit. Sodann

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