Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 48 (1.12.1899)
- Article
- [Ohne Titel] / Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis <Vorstand>
- Date
- 1899-12-01
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 48 „Die H Welt« Seite 7 Wir bitten Sie* uns Ihre Mitwirkung nicht bloss durch Geldbeiträge, sondern ebenso sehr, ja noch mehr dadurch angedeihen zu lassen, dass Sie sich in allen Fällen, in denen es sich um Arbeitsvergebung handelt, vertrauensvoll an uns wenden. Lassen Sie uns hoffen, dass Sie sich nicht ausschliessen werden von dem Werke, welches wir zur Förderung des Gemeinwohles, insbesondere aber zur Unterstützung unserer nothleidenden Glaubensgenossen, unternommen haben. Der Vorstand des Vereines für unentgeltlichen Arbeitsnachweis. Aufruf. Das Exceeutiv-Comitd des „Verbandes der jüdischen Handelsangestellten Oesterreichs“ in Brünn hat es sich zur Aufgabe gemacht, eine einheitliche Organisation aller in Oesterreich lebenden jüdischen Handelsangestellten und Arbeiter ins Leben zu rufen, um in entschiedener Form für die wirtschaftlichen und nationalen Interessen dieses Standes ein treten zu können. Zu diesem Zwecke wendet sich das genannte Comite an alle jüdischen Mitbürger, insbesondere aber an alle jüdischen Korporationen und an die jüdische Presse mit der Bitte um Namhaftmachung tüchtiger und vertrauenswürdiger Personen, die geneigt wären, unsere Zwecke zu fördern und sich als Vertrauensmänner dem Verbände zur Verfügung zu stellen. Sie würden damit die Aufgabe übernehmen, dem Executiv-Comite ausführliche und wahrheitsgetreue Berichte über die Lage der jüdischen Arbeiterschaft in dem betreffenden Orte oder Bezirke zukommen zu lassen, ferner bei der Gründung von Organisationen behilflich zu sein, kurz in jeder Weise die Actionen des Verbandes zu unterstützen. Das Executiv-Comite. (Anmeldungen sind an den Verein „Emunah“, Brünn, Krautmarkt 11, zu richten.) Weltchronik. Heine-Feier. Die „Literarische Gesellschaft“' trifft Vorbereitungen zu einer würdigen Feier des 100. Geburtstages des Dichters. Züricher Universitätsprofessoren haben ihre Mitwirkung zugesagt. Der bekannte Heine-Forscher Doctor Gustav K arpeles hat ein neues Buch über den Dichter geschrieben. Jüdische Lehrer. Das bayrische Staatsministerium des Innern hat in Ablehnung des Gesuches eines pfälzischen jüdischen Lehrers um Anstellung bei der confessionell gemischten Volksschule einer pfälzischen Stadt entschieden, dass israelitische Lehrer an confessionell gemischten Volksschulen in Bayern keine Verwendung finden dürfen. In den Entscheidungsgründen wird ausgesprochen, an der Ablehnung des Gesuches könne auch die Erwägung nichts ändern, dass der Gesuchsteller nur aushilfsweise zum Unterrichte in anderen Fächern als der jüdischen Religionslehre verwendet werden solle, denn die Verwendung jüdischer Lehrkräfte an christlichen Schulen erscheine, gleichviel, ob sie als Classenlehrer fungieren sollten oder nicht, principiell unzulässig. Etwas Judenstatistik. Dem „Woschod“ entnehmen wir die folgenden Daten über die Zahl der jüdischen Studierenden an der Kiewer Universität: Das juristische Seminar ist von 492 Christen und 48 Juden besucht; an der mathematischen Facultät sind 129 Christen und 12 Juden, an der medicinischen Facultät 120 Christen und 11 Juden, an der naturwissenschaftlichen Facultät 76 Christen und 7 Juden, endlich an der philologischen Facultät 14 Christen und nur! Jude inscribiert. Die Zahl der Juden ist nur deshalb so gering, weil viele von ihnen infolge des gesetzlich vorgeschriebenen Percentsatzes nicht aufgenommen werden konnten. * Ein Hilfscomite für Boryslaw. In Halberstadt sind die angesehensten Mitglieder der dortigen jüdischen Gemeinde zu einem Hilfscoinitd für die nothleidenden Boryslawer jüdischen Bergarbeiter zusammengetreten. Sie .wenden sich in einem warm gehaltenen Aufruf an die wohlhabende Judenschaft von Halberstadt mit der Bitte, das ihrige zu thun zur Linderung der in Boryslaw herrschenden Nothlage. Auch in anderen deutschen Städten haben sich derartige Comites gebildet. Von diesen verdient das unter der Leitung des Ortsrabbiners Dr. Kopfstein stehende Beuthener Hilfscomite in erster Reihe erwähnt zu werden. Dasselbe entfaltet eine ungemein segensreiche Thätigkeit, die alle Anerkennung verdient. Nicht nur dass es zur Linderung der momentanen Noth eine ansehnliche Summe aufbrachte, hat es auch noch einer grösseren Anzahl der beschäftigungslosen Boryslawer Bergarbeiter in verschiedenen Beuthener Industrie-Etablissements lohnenden Erwerb verschafft. Brand in einer jüdischen Ansiedlung. In der jüdischen landwirtschaftlichen Colonie „Sitnja“, Gouvernement Minsk, entstand vor einigen Tagen eine Feuersbrunst, welche viel Schaden anrichtete. Die Häuser sind fast alle abgebrannt und der grösste Theil der Bevölkerung ist obdachlos geworden. Dreyfus als „Gevatter“ eines ungarischen Kindes. Aus Neu- Verbäsz wird geschrieben : Die in Ecska wohnende Frau Ida Braun, Tochter des hiesigen Kaufmann es Philipp Schweiger, hatte vor einiger Zeit erklärt, sie werde, wenn ihr der Storch ein Knäblein ins Haus brächte, das Kind nach Alfred Dreyfus benennen und diesen ersuchen, bei dem Kinde Pathenstelle zu vertreten. Als nun der Himmel den Eheleuten thatsächlich einen gesunden Jungen schenkte, hatten die glücklichen Eltern nichts Eiligeres zu thun, als Dreyfus telegraphisch anzufragen, ob er geneigt sei, die Kundgebung warmer Sympathie zu accoptieren und die Pathenstelle anzunehmen. Dreyfus nahm die ihm angebotene Pathenstelle dankend an, legte seine Visitkarte und die seiner Frau dem Schreiben bei und schloss mit der Bemerkung, der Ausdruck so warmer Sympathien aus fernem Lande habe einen mächtigen Eindruck auf sein Herz geübt. Ein Gottesmann. Dem „Wiener Tagblatt“ wird aus Gaya vom 21. d. geschrieben: „Jn dem nahegelegenen Miloticz fungiert als Seelsorger der ehemalige Reichsraths-Abgeordnete Pater Weber, der bekanntlich infolge eines Machtwortes des Erzbischofs von Olmütz seine Abgeordnetencarriere aufgeben musste. (Pater Weber ist jedoch noch immer mährischer Landtags-Abgeordneter. A. d. R.) In dem Orte leben zwei jüdische Kaufleute in bestem Einvernehmen mit der Bevölkerung. Der eine derselben, Herr B. Reis, betreibt neben seinem Kaufmannsgeschäft auch eine grosse Oekonomie und beschäftigt daher ein grosses Personal. Herrn Pater Weber passte dieses gute Einvernehmen der Bevölkerung mit den jüdischen Familien nicht, und er begann, in seinen Sonntagspredigten von der Kanzel herab gegen die Kaufleute loszuziehen. Er drohte allen, welche bei denselben ihre Einkäufe besorgten, mit dem Fluche der Kirche; aber der beabsichtigte Boycott blieb aus. Pater Weber verschmähte es nicht, sich in eigener Person vor dem Geschäfte des Herrn Reis aufzustellen und jeden christlichen Käufer vor dem Betreten des jüdischen Geschäftes zu warnen. Der Erfolg war aber nur gering. In der letzten Sonntagspredigt nun forderte Pater Weber von der Kanzel herab das anwesende Dienstpersonal des Kaufmannes Reis, unter welchem sich auch die Amme eines noch nicht einjährigen Kindes befand, auf, den Dienst dem Juden sofort zu kündigen, widrigenfalls sie der schwerste Fluch der Kirche treffen und ihnen der Eintritt in die Kirche einfür allemal verboten sein würde. Die Wirkung dieser Drohung blieb nicht aus. Die Amme war die erste, welche ihrer Dienstgeberin den Dienst kündigte. Die junge, vierundzwanzigjährige Frau des Kaufmannes versuchte vergebens, die Amme von ihrem Entschlüsse abzubringen. Sie wies auf die Folgen hin, welche ein Wechsel der Nahrung bei einem Säuglinge nach sich ziehen könne; aber die Amme erklärte mit Thränen in den Augen, dass