Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 48 (1.12.1899)
- Article
- Lemberger Brief
- Date
- 1899-12-01
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „Di© rhr Welt?* Nr. 48 pries selbstverständlich die muthigen Thaten „unseres“ grossen Führers, die Anwesenden applaudierten u. s. f., wie es gewöhnlich bei solchen „gehobenen“ Momenten zu geschehen pflegt Da die ganze Feier sonst den Charakter einer ganz gewöhnlichen Komödie gehabt hatte, liess unser Volksretter eine Rede vom Stapel, in welcher er sich bemühte, die „erspriessfichen“ Leistungen der sogenannten Fortschrittspartei für unsere jüdische Gemeinde aufs genaueste zu beweisen und ausserdem einigen anwesenden polnischen Gemeinde Vertretern und der polnischen Presse sein wahres patriotisches Polenherz offenk u n d i g zu entdecken. Auf Grund um gemodelter Historie wollte er festgestellt wissen, dass, solange Polen frei und unabhängig war, die Juden ein wahres Paradies in diesem Lande gehabt hätten, erst mit dem Verfalle des Reiches und seiner Machtstellung hätte sich ihre Lage verschlimmert und sich so traurig gestaltet, dass er von ihr . . . lieber nicht reden wolle. Mit emphatischer Begeisterung und mit dem Brusttöne der Ueberzeugung rief er, zu den polnischen Gästen gewendet: „Unterscheiden wollen wir uns nur in der Religion, im übrigen wollen wir uns vereinigen und unerschrocken und unerschüttert, trotz des Mangels an Gegenseitigkeit, beim Assiinilationsprograinme verharren! Im Glauben an seine Zukunft wollen wir an ihm festhalten! Wir sehnen uns nicht nach Zion, Palästina und Jerusalem! (Welch geistreiche Klimax?!) Das sind für uns bloss historische und religiöse Erinnerungen. Wir wollen diesem Lande angehören, wo wir geboren, wo die Knochen unserer Väter ruhen!*’ Solches und Aehnliebes predigt der grosse Redner gerade zu einer Zeit, da sowohl im Osten wie auch im Westen des Landes grosse Meetings abgehalten werden, um zu seiner Interpellation Stellung zu nehmen, in einem Augenblicke, da die polnische Presse (und nicht die ausgesprochen antisemitische) gelegentlich einer an die studierende Jugend gerichteten Aufforderung, in den Verwaltungsdienst einzutreten, nicht genug Worte findet, davor zu warnen, dass man ja nicht auf den Einfall komme, gar Juden aufnehmen zu wollen. Unwillkürlich mussten bei dieser Stelle die anwesenden jüdischen Zuhörer ihr Augenmerk auf die beiden den. neuen Sitzungssaal der Cultusgonieinde schmückenden Bilder werfen. Das eine Bild stellt nämlich den Augenblick dar. da Joseph von seinen Brüdern an die midianitinischen Kaulleute verkauft werden sollte. Der auf dem Felde herumirrende Joseph antwortete bekanntlich einige Momente vor dieser Scene einem ihn mit der Frage: »Was suchst Du?“ angehenden Manne: „Meine Brüder suche ich!11 Auch die bei der „Einweihung“ anwesenden Juden konnten angesichts des oben erwähnten Gesalbaders vergebens nach ihren Brüdern forschen, und da sie diese gefunden zu haben wähnten, mussten sie an das Geschick Josephs erinnert werden, der von seinen aufgefundenen B r ü d e ]• n a n F r emde v e r schach er t wurde, nachdem ihn einige sogar hatten tödten wollen. Das zweite Bild wiederum, das die Prophetin Hulda darstellt, wie sie Israels trauriges Schicksal voraussagt, sobald es fremden Götzen dienen werde, wurde von dem wahrlich sehr intuitiven Geiste des Redners dahin gedeutet, dass es Pflicht der Juden sei, treu zum . . . Land (scilicet Galizien) zu halten! Um seiner Rede die Krone aufzusetzen, forderte unser Volksvertreter die anwesenden Eunctionäre der jüdischen Gemeinde auf, nicht nur in polnischer Sprache, sondern auch in echt polnischem Geiste zu w i r t s c h a f t e n. Nicht mit Unrecht fragte sich so mancher Anwesende, ob der Redner als Muster einer guten Wirtschaft* di e Kieszkowski, Kilianski, Knitter, Szydlowski, Zima e tutti quanti, die bereits alle einen Weltruf haben, vorzeigen wollte. Es mag noch hervorgehoben werden, dass der Führer des Judenthums es für angemessen hielt, auch an die Orthodoxen ein Promemoria zu richten und üa daran zu erinnern, dass sie von den Fortschrittlern allergnädigst geduldet werden, und dass sie daher aufhören mögen, gegen dieselben zu wühlen. Offenbar hatte er dabei den in letzter Zeit nicht ohne Erfolg gegen das neue Gemeindestatut geführten Kampf der Orthodoxen im Sinne, bei welchem Kampfe einige Zionisten mit Rath und That mitwirkten. K. Tribüne. (Für Form und Inhalt des in dieser Rubrik Gebrachten ist die Redaction nicht verantwortlich.) Der Verein für unentgeltlichen Arbeitsn a cli weis, W i e n, II/j, Taborstrasse 59, ersucht uns um Veröffentlichung des folgenden Aufrufes: Wien, im October 1899. Mitbürger!Glaubensgenossen! Je mehr die Einsicht in das wirtschaftliche Elend der Massen wächst, desto stärker wird die Erkenntnis, dass durch Almosen in den allermeisten Fällen bloss eine momentane Linderung der Notblage erzielt wird; erspriessliche, dauernde Hilfe erwächst den Bedürftigen nur durch die Möglichkeit, ihre Arbeitsfähigkeit zu bethätigen.* Dieser Erkenntnis haben wir es zu verdanken, dass Corporationen und Vereine sich die Aufgabe gestellt haben, den Arbeitswilligen zur Erlangung lohnender Beschäftigung behilflich zu sein, und auch in Wien ist, neben einer Anzahl genossenschaftlicher Anstalten, das grosse communale Arbeitsvermittlungsamt in Thätigkeit, welches, von dem ganzen Gemeinwesen unterhalten, auch der gesäumten Bevölkerung -zustatten kommen sollte. Leider ist dies nicht der Fall! Jener Geist der Unduldsamkeit, welcher gegenwärtig im Rathhause herrscht und selbst vor unschuldigen Waisenkindern nicht Halt gemacht hat, macht sich auch in der Leitung dieser communalen Institution geltend. Gerade jene Partei, welche den-Juden in feindseliger Weise Arbeitsscheu zum Vorwurfe macht, ist bemüht, ihnen die Möglichkeit der Arbeit zu benehmen! Wer die unsagbar traurigen Verhältnisse kennt, unter welchen der jüdische Handwerker sich in seiner Lehrzeit und als Gehilfe bis zur selbständigen Arbeitsfähigkeit durchringen muss; wer sich vor Augen hält, unter welch harten Kämpfen und Ueberwindung unseliger Vorurtheile der jüdische Gewerbsmann seine Existenz aufrecht erhält; wer die Entsagungen und Opferermisst, die der jüdische geistige Arbeiter zu bringen genöthigt ist, der wird nicht nur die Grosse des Unrechts, die Ungeheuerlichkeit und Gewalttätigkeit begreifen, die darin zum Ausdruck gelangen, dass man die Juden von der Erwerbsmöglichkeit ausschliessen will, sondern er wird sich auch gedrängt fühlen, diese Unbill abzuwehren. Unter solchen Umständen ist. so beklagenswert auch confessionelle Differenzierungen sein mögen, die Errichtung einer Arbeitsvermittlungsstelle für Juden eine dringende, unabweisiiehe Notwendigkeit. Eine unentgeltliche Arbeitsvermittlung für unsere arbeitsfähigen Glaubensgenossen wird dieselben nicht bloss als nützliche und würdige Staatsbürger erhalten, sie wird auch verhüten, dass viele derselben aus Mangel entsprechender Arbeit auf unsere Wohlthätigkeit angewiesen werden, und sicherlich auch unsere confessionelle n W ohlthätiglceitsa ns t alten entlasten, welche bei Fortdauer der gegenwärtigen Zustände stets wachsenden und kaum zu befriedigenden Ansprüchen gegenüberstehen. Dieser Gedankengang war es, welcher den israelitischen Humanitätsverein „Wien“ (B’nai B’rith) bestimmte, unter Mitwirkung des Vereines zur Unterstützung israelititischer Handwerker und Kleingewerbetreibender, den Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis ins Leben zu rufen, der in erster Linie die unentgeltliche Aufsuchung* von Arbeitgebern für Arbeitnehmer, überdies aber auch, nach Massgabe der vorhandenen Mittel und der Dürftigkeit der Arbeitsnehmer, die Gewährung von Unterstützungen an letztere sich zur Aufgabe gestellt hat. Wir sind uns der vollen Grösse dieser Aufgabe bewusst, und wenn wir den Muth haben, an dieselbe heranzutreten, so geschieht dies in der Ueberzeugung, dass alle edeldenkenden Israeliten sich uns in dem Bestreben anschliessen werden, dem allgemeinen Ansturm zu begegnen, welcher nicht allein gegen die politische Gleichberechtigung der Juden, sondern auch gegen deren wirtschaftliche Existenz unternommen wird.