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Die Welt · 1899-12-01 · 48 (1.12.1899) · p. 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
48 (1.12.1899)
Article
Die Kastanien
Date
1899-12-01
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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1fr.-48 Seite 5 „Die H Welt44 empfindliche Brandwunden. Das pyrotechnische Wagestück wird noch immer von den ungezogenen Kindern der Prager Alma mater mit stürmischen Pfuirufen begrüsst, und Professor Masaryk sah sich sogar genöthigt, seine Zuflucht zu einem kleinen Urlaube zu nehmen. Originell ist in dieser Affaire das Verhalten der hohen akademischen Behörden. Statt die stürmischen Vorlesungen, welche die Schüler ihrem Lehrer halten, auf energische Art zu sistieren, sistieren sie die Vorlesungen des Professors. Eine echte Gelehrtenzerstreutheit. Es wird sich übrigens als Ersatz für Professor Masaryk leicht eine Lehrkraft finden lassen, die den Prager akademischen Ritualmordbürgern sehr angenehm sein dürfte. Der Abg. Schneider wird, wenn man auf schickliche Weise den Ruf an ihn ergehen lässt, gewiss nicht Nein sagen. Er kann zwar nicht czechisch, aber auf dem Gebiete der rituellen Schächtkunde kann man sich auch durch pantomimisches Docieren einem intelligenten Publicum verständlich machen. Eine quälende Frage, die uns alle schon seit langem beschäftigt, ist um ein kleines Stückchen ihrer Lösung näher gerückt worden. Wo hausen gesinnungstüchtigere Antisemiten: in Welschland oder in Alldeutschland? Die diesbezügliche Wagschale scheint sich gegenwärtig auf die Seite Alldeutschlands hinzuneigen. Wir erfahren nämlich, dass in nächster Zeit in Paris auf dem Pcre-Laehaise der Judenstämmling Heinrich Heine ein Denkmal bekommen soll. Wahrlich, einen solchen groben Verstoss gegen die primitivsten Axiome des Antisemitismus kann man bisher nicht einer einzigen deutschen Stadt nach weisen. Erwin Rosenberger. Die jüdische Nationalbibliothek in Jerusalem. Was lange bestehen soll, entsteht langsam. Schopenhauer. Als ich vor Jahren den Plan fasste, eine jüdische Nationalbibliothek in Jerusalem zu begründen, schwebte meinem Auge folgendes Zukunftsbild vor: Die Colonisation Palästinas nimmt gewaltige Dimensionen an. Neues Leben flutet erfrischend durch das ganze Land. Handel und Gewerbe, Kunst und Wissenschaft gehen einer herrlichen Blütezeit entgegen. Mittlerweile aber ist Jerusalem, die Stätte unserer Sehnsucht, zu einer Culturmetropole ersten Ranges herangewachsen. In einer der schönsten Strassen der Stadt erhebt sich ein mächtiger Bau, stolz und ragend, ein Bau, dessen Inneres die gesammelten Geistesschätze des jüdischen Volkes in sich birgt. Und ein jeder, der unser Schriftthum, unsere Geschichte, irgendein Erzeugnis jüdischer Wissenschaft oder jüdischer Kunst etc. kennen lernen will, der sucht unsere Nationalbibliothek in Jerusalem auf und findet hier das Gewünschte, in welcher Sprache immer er es suchen mag... Wie gesagt, ungefähr diese Perspective malte ich mir aus, als ich an das Werk gieng, welches seither zu meinem Lebensinhalt geworden ist. Nunmehr sehe ich zu meiner grössten Freude und stolzesten Genugtuung dieses Gebilde meiner Einbildungskraft mählich greif bare Form annehmen. Ueber 15.000 Exemplare Hebraica und Judaica befinden sich gegenwärtig in der Nationalbibliothek zu Jerusalem. Auch Bilder,Zeichnungen und andere wertvolle Kunstgegenstände. Ja, ich kann es kühn sagen: Diese Bibliothek bildet heute schon das jüdische Culturcentrum Jerusalems: in ihren Räumen fühlen sich die Anhänger aller Parteirichtungen einig. In der Bibliothek werden auch Vorträge gehalten, die für die Hebung des Gulturniveaus unserer Brüder in der Heiligen Stadt von grösster Bedeutung sind. Soweit wäre alles danach angetan, mich mit den besten Hoffnungen für die Zukunft zu erfüllen. Und wenn auch die Zahl der Bücher verhältnismässig noch gering ist und manch wertvolles und kostbares Werk noch immer der Erwerbung harrt, so hat das bei einem derartigen Institute, von dem das Wort „Aller Anfang ist schwer“ in erhöhtem Masse gilt, nichts zu bedeuten. Was mir jedoch ernste Sorge verursacht, das ist der Umstand, dass die Nationalbibliothek noch immer keine eigene Behausung hat. Wenn ich daran denke, wie die Bücher bei den häufigen Uebersiedlungen der Bibliothek durch holperige Gässchen geschleift werden, wobei arge Beschädigungen unvermeidlich sind, so beschleicht mich tiefes Weh. Bisher sind an Spenden einiger Gesinnungsgenossen 5471 Francs für die Zwecke der Nationalbibliothek eingelaufen. Man sieht, ein lächerlich geringfügiger Betrag. Ich erwarte jedoch, dass sich idealgesinnte Söhne unseres Volkes für das Unternehmen ein setzen und ihm durch kräftige materielle Unterstützung auf die Beine helfen werden. Wahrlich, es ist hoch an der Zeit, dass ein Volk, welches so energisch daran arbeitet, sich eine Heimstätte zu gründen, auch für die zerstreuten Denkmäler seiner Cultur' ein wenig Sorge trage. Ich erachte es für ganz müssig, viel Worte über die Bedeutung dieser Anstalt zu verschwenden, ebenso über die Notwendigkeit der Schaffung einer jüdischen Gemäldegallerie. Worauf ich jedoch hei dieser Gelegenheit die Aufmerksamkeit aller national fühlenden Juden lenken möchte, das ist die unumgängliche N o t h w e li d i g k e i t, in allernächster Zeit ein eigenes Haus für die jüdische Nationalbibliothek in Jerusalem käuflich zu erwerben. Ich bleibe meiner Sache treu wie zuvor. Mögen andere kommen und die Angelegenheit aufgreifen. Es darf nicht sein, dass die nächsten Generationen mit einem Gefühle der Beschämung an ihre Ahnen zurückdenken. ßialysto k. im November 1899. Dr. Josef C h a s a n o w i c z. Lemberger Brief. Die Einweihung des jüdischen Gemeindehauses. Der Generalrepräsentant des jüdischen Volkes in Oesterreich, der Reichsraths-Abgeordnete Dr. Byk, hält bekanntlich in jeder Reichsrathssession eine „grosse“ Rede, macht mutige und den Gegner niederschmetternde Zwischenrufe, I)ringt eine tapfere Interpellation ein oder . . . rettet das Judenthum auf eine andere heldenhafte Weise, natürlich sobald ihm seine überaus judenfreundlichen Clubgenossen ä laKozlowski, Merunowicz, Pastor die Erlaubnis zu geben geruhen. Nach einer jeden solchen Heldentat begibt er sich eiligst zurück ins „Land“, um sich daselbst, wenn auch nicht den Wählern, so doch einem engen, „das Gesammtjudenthum Galiziens repräsentierenden“ Kreise ihm ganz ergebener Wahlmacher zu zeigen und von ihnen den wohlverdienten Dank zu empfangen. Gewöhnlich ergibt sich auch dafür ..zufälligerweise“ eine entsprechende Gelegenheit, und wenn es augenblicklich keine gibt, veranstaltet der Retter des Judentums, ähnlich seinen christlichen Coli egen vom Polenclub, ein grosses politisches Bankett und . . . wird gefeiert. Auch gegenwärtig hat bekanntlich Dr. Byk beim Wiederzusammentritte des Reichsrathes auf Grund der ihm vom Clubobmaime gegebenen Erlaubnis eine ganz Antisemitenreich sehr aufregende Polna-Interpellation eingebracht. Es fügte nun der „Zufall“, dass einige Tage darauf der hiesige Cultusverstand sein neu errichtetes Gemeinde ii a u s einweihen sollte. Der Cultuspräsident kam nun eiligst nach Lemberg, um an der Einweihung persönlich theilzunehmen. Natürlich nahm auch diese Feier den Charakter einer Manifestation zugunsten des eben zurückgekehrten Helden an. Der Ex oftö-Dolmetscli der dankbaren Gefühle des „Judentums“ war diesmal Advocat Dr. Gottlieb; er

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