Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 48 (1.12.1899)
- Article
- Wie man Antisemitenführer wird
- Date
- 1899-12-01
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3315796-3315845-3392444--16115-3392601- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 48 Seite 3 „Die A Welt44 ebenste, die sie leisten, mit klingender Münze, aber niemals mit Ehren und Würden bezahlt zu werden wünschen. Müssen wir die Partei, die hierin eine Ausnahme macht, nennen? Wer die antisemitischen Parteien aller Länder und ihre Führer an der Arbeit gesehen hat, wird wohl sofort errathen haben, dass wir nur sie gemeint haben können. Man mag unter den Antisemiten aller Länder Umschau halten, und man wird überall Beweise für die Richtigkeit unserer Behauptung finden. Wer nur den Befähigungsbeweis dafür erbracht hat, dass er ein Feind der Juden ist, dass er gegen sie zu hetzen und schüren versteht, darf — mag er ein noch so bemakeltes Individuum sein — die Hoffnung hegen, dereinst noch eine führende Rolle zu spielen. Einer der ältesten Väter des Antisemitismus in Oesterreich, Zerboni di Sposetti, war längst mit dem Strafrechte in Collision gerathen gewesen, bevor er die Gemeinschädlichkeit der Juden erkannt hatte. Er brauchte, nachdem ein wenig Gras über seine Vergangenheit gewachsen war, nur gegen die Juden zu schimpfen, und er fand sofort Freunde, Gönner, Anhänger. Der Mann hat in Oesterreich Schule gemacht, er hat viele Jünger gefunden, die ihn im Judenhasse wie in der Lumperei übertreffen, und die doch prächtig Gandere gemacht haben. In Ungarn hat ein Verhovay mit der Lehre des Antisemitismus zahlreiche Anhänger um sich scharen können, obwohl man sich von ihm erzählte, dass ihm die Feinfühligkeit fehle, zwischen Mein und Dein,Unterschiede zu machen. Selbst als sich herausstellte, dass der Mann Gelder unterschlagen, die er angeblich für die verhungernden Csangös gesammelt hatte, zerstreuten sich seine Anhänger noch immer nicht. In Deutschland hat man Aehnliches mit A li 1 w a r d t, dem Rector aller Deutschen, erlebt. Eine Mustercollection der gemeinsten, erbärmlichsten Lumpereien circulierte von Ahlwardt, das hinderte aber nicht, dass er als der Apostel der antisemitischen Heilslehre in weiten Kreisen des Volkes der Dichter und Denker als geehrter, gefeierter Mann reden und wirken konnte. Nun hat auch Frankreich diese interessante Gallerte von Aiitisemitenführera um einen Charakterkopf bereichert und gezeigt, wie ein Herab gekommener in die Höhe kommen kann, wenn er nur als Antisemit auftritt. Monsieur Guerin, der Präsident der Antisemiten-Liga, ist es, an dem wir diese lehrreiche Studie machen können. Die Dinge, die von dem Herren gelegentlich seiner Vernehmung beim Staatsgerichtshofe erzählt wurden, haben in Paris kaum Ueberraschung hervorgerufen, denn sie bildeten längst ein öffentliches Geheimnis. Man wusste, dass Guerin ein rücksichtsloser, verwegener Speculant gewesen, dem jedes Mittel gut genug war, wenn es seinem Geschäfte galt, und finden das Wort Geschäft zu allen Zeiten das Geld — anderer bedeutete. Man wusste, dass Guerin in die unsaubersten Affairen verwackelt war, dass er wiederholt mit einem Fusse im Criminal gestanden, und dass er nur darum nicht auch, mit dem zweiten hineingerieth, weil er die Finten und Schliche kannte, mit denen die geriebenen — Abenteurer sich helfen. Man wusste, dass Guerin, gleich seinem Vorbilde und Genossen im Antisemitismus, dem famosen Marquis Mores, ein Freund der Juden und ihres Geldes war, so lange er eben von den Juden Geld herauspressen konnte. Aber das alles hinderte nicht, dass Guerin, als er mit allen seinen anderen unsauberen Geschäften gescheitert war, im Antisemitismus seinen Rettungsanker suchen und finden konnte. Mit dem Antisemitismus konnte es der verkrachte Mann aber nicht nur zu Geld, sondern auch zu Ehren und Würden, zu politischem Ansehen und hohen gesellschaftlichen Verbindungen bringen. Der Hepp-Hepp-Ruf erwies für ihn auch in Frankreich seine Zauberkraft. Mit dem Programme „Nieder mit den Juden!" kam er alsbald empor, von dem Schlagworte: „Tod den Juden!“ konnte er gar trefflich leben, durch die Tirade über die Corruptiou und Verworfenheit der Juden konnte der corrupte und verworfene Speculant sich die ideale Freundschaft und die praktische Gönnerschaft gar hoher, mächtiger und reicher Herren erwerben. Monsieur Guerin ist ein Kind seiner Zeit, und er versteht seine Zeit. Er weiss, wenn nichts mehr gellt, so hat doch die Hetze gegen die Juden ihren Gours. Mit dem Antisemitismus hat es in unseren Tagen noch jeder zu etwas gebracht, auch wenn er wegen seiner sonstigen Qualitäten Anlass zur bescheidensten Haltung im diseretesten Dunkel gehabt hätte. Der Antisemitismus verleiht eben seine Würden und Beneficien auch mit Nachsicht aller — moralischen Integrität, auf welche die anderen Parteien nicht verzichten können. Daher ist der Zauber, den der Antisemitismus namentlich auf alle innerlich angefaulten Streber übt, ein so ausserordentlich grosser*. Darum büsst er auch nichts von seiner Kraft ein, wenn auch bald der eine, bald der andere emporgekommene Antisemitenführer so unvorsichtig ist, auch mit solchen Punkten des Gesetzes zusammenzustossen, wo der Schutz der antisemitischen Gesinnung versagt, Wer nicht gerade aus dein Zuchthause kommt, kann durch den Antisemitismus schon etwas zuwege bringen, wenn er nur geschickt dem Zuchthause auszuweichen, verstellt. Die Garriere des Monsieur Guerin bietet einen classischen Beleg hierfür. Adam. Jüdische Colonialhank. BEKANNTMACHUNG. Im Aufträge des Directoriums und in wiederholter Beantwortung mehrfacher Anfragen nimmt der General-Secretär Veranlassung, nochmals zu erklären, dass die sämmtlichen Zutheilungsbriefe der ersten Zutheilung schon längst expediert und nicht mehr im Besitze der Londoner Centrale sind. Diejenigen Zutheilungsbriefe, welche trotzdem noch nicht in die Hände der Adressaten gelangt sind, müssen entweder von den Behörden irgendwo aufgehalten oder wegen ungenauer Adresse den betreffenden Adressaten nicht ausgeliefert worden sein. Der General-Secretär weist besonders darauf hin, dass grössere Geldbeträge bei den Banken und Zahlstellen ohne Avis, Brief oder Liste eingezahlt worden sind, und dass es trotz grösster Mühe und grossem Kostenautwande noch nicht gelungen ist, die Subscribenten auf diese angezahlten Actien zu eruieren; es kann daher sein, dass viele derjenigen, die noch keine Allotment-Briefe erhalten haben, sich unter diesen anonymen Zeichnern befinden und sich jetzt beklagen, noch nicht in den Besitz des Zutheilungsbriefes gekommen zu sein. Solche Subscribenten werden hierdurch aufgefordert, ihre Zeichnungen sofort in gehöriger Weise und mit allen Details nach London melden zu wollen. Ausserdem ist es vorgekommen, dass viele Allotment-Briefe von einer Adresse an die andere hin- und hergeschickt werden und sogar öfters nach London zurückgelangen, wo sie der Reclamation seitens der betreffenden Actionäre harren. Es war ferner nothwendig, viele tausende von Briefen von der ersten Zutheilung auszuschliessen und die Erledigung derselben bis zum zweiten Allotment aufzuschieben, weil es unmöglich war, eine so ungeheure Anzahl von Briefen innerhalb des für die erste Zutheilung einmal angesetzten Termins fertigzustellen. Die auf diese Weise rückständigen Briefe werden nun innerhalb der nächsten 14 Tage expediert werden. Um die Arbeit richtig zu würdigen, ist es nothwendig, dass sich die Herren Actionäre einen Begriff davon machen, was die Erledigung von über 113.000 Anmeldungen eigentlich bedeutet. Es ist