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Die Welt · 1899-11-24 · 47 (24.11.1899) · p. 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
47 (24.11.1899)
Article
Der Talmudbauer
Date
1899-11-24
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 47 „Die A Welt“ Seite 15 uns. Gewiss sind wir Gelehrte, aber Bildung ist doch kein Unglück.“ „Immer schimpfen sie, diese bessarabischen Bauernschädel“. „Wer schimpft“, entgegnete ein Mann aus Ekron, der auch aus Bessarabien stammte. „Ihr schimpft auf den Kellermeister. Was soll er machen, er wiegt und übernimmt und presst — aber es gibt sehr viele Trauben, mehr als der Keller verträgt. Darum haben wir auch Fruchtbäume gepflanzt, wir ,bessarabischen Bauernd“ Der Kellermeister, ein schlanker Mann mit freundlichem Gesichte, aus dem Wohlwollen und Freude an seinem Berufe sprach, kam durch die Menge geschritten. Lächelnd strich er den schwarzen Schnurrbart. „Nur keinen Streit“, begütigte er. „Danken wir Gott für seine Gaben und im übrigen Geduld. Heute muss Kattra fertig werden.“ .„Rechoboth“, rief er laut. Chajim stellte sich in seine Nähe. „Ihr müsst warten. Schickt den Araber zurück und bittet, man solle sich noch einen Tag gedulden“. „Es geht zuviel verloren, wenn die Körbe gepackt und die Trauben geschüttelt sind. Ja, aus jedem Korbe fehlen schon einige Pfund“, schmälte ein Mann aus Kattra. „Immer noch viel, was da ist“, bemerkte der Kellermeister ernst. „Der Wein ist kostbar, aber die Keller sind voll. Man kennt uns und unseren Wein noch zu wenig in der Welt. Na, es wird schon werden.“-Chajim hieng an seinen Lippen. Er sah ganz wirr in diese neue Welt hinein. Nebenan hämmerten sie in der Schmiede, dass die Funken stoben unter den gewichtigen Hämmern, in einem anderen Raume formten sie Hölze»- zu Riesenfässern. Hier die zahlreichen Männer mit ihren Früchten. Die Körbe wurden gehoben, in eine Oeffnung geschüttet, die Trauben glitten in den Keller, sie wurden gewaschen, gewogen, gepresst. Der Most floss von den Pressen in Riesenbottiche. Es geschah alles so rasch, so reinlich, so ohne sichtbare Mühe. Ueberall geheime Kräfte, Maschinen. Und wie kühl es im Keller war. Kaltes Wasser strömte unsichtbar durch zahllose Röhren. Ach, und hier ein Riesenfass am arideren, dort tausende von Flaschen. „Die gehen nach London“, sagte ein Arbeiter. „Sind Sie auch ein Jud’?“ trug leise Chajm. „Freilich“, lachte der Mann. „Hier ist alles unsere Arbeit, Fässer und Maschinen, Keller und Häuser, alles unsere Arbeit.“ Chajim wanderte langsam durch die unterirdischen Räume, sein Auge überflog mit liebevollem Blicke die Fässerreihen. Wie so oft, wenn sein Herz voll war von den Eindrücken des neuen Lebens, wanderten seine Gedanken nach Jerusalem. „O Vater, wenn du das sehen könntest,“ flüsterte er vor sich hin. Hinter dem Kellergebäude breitete sich ein prächtiger Garten. Saftiggrüne Orangenbäume, Palmen und Bananen ragten in die Luft. Seltsam geformte Blumen strömten Wohlgerüche aus. Es war die erste grössere Garten an läge, die er zu sehen bekam. Weder der sterile Boden von Jerusalem konnte Aehnliches bieten, noch die junge Colonie Rechoboth. Er kam sich wie verzaubert vor. Es gieng auch zu merkwürdig zu in diesem Garten, aus den dichten Zweigen der Bäume, aus den Palmbüscheln, überall lugte ein kleines Mädchenangesicht. heraus, ein rosiges Gesicht mit hellen, flinken Augen und mit einem allerliebsten Stumpfnäschen -Kattra. Es waren Männer aus Kattra da — ob er sie fragen sollte? Nach ihr? Nein, nein — er betrachtete eifrig die Pflanzen und Blumen, zog dann durch die sandigen Strassen des Ortes — aber er hielt sich ferne vom Keller. Er wollte nicht fragen. Endlich kam seine Zeit, der Inhalt der Körbe wanderte in den Keller, das Gewicht wurde aufgeschrieben, er bekam seine Papiere, und gegen Abend zog er heimwärts nach Rechoboth. In dieser Zeit der aufregenden Arbeit kam der Sabbath mit erlösender Macht. Es war eine grosse Sehnsucht nach Ruhe in den Menschen, ein starker Wunsch, einen Tag lang den Schatten des Hauses mit der brennenden Sonne zu vertauschen. Die Männer sassen am Freitag-Abend ermattet in den Bänken der Synagoge und der Feldmesser, der als Vorbeter fungierte, war wohl der einzige, der Kraft genug besass, die Sabbathbraut mit heller Stimme zu begrüssen. Als man den Betraum verliess, kam aus dem Beduinenlager ein Mann den Hügel herab gelaufen. „Ein Chajal (reitender Araber) hat erzählt, dass in Kattra Eure Brüder, die Juden, erschlagen werden, eilt ihnen zu Hilfe!“ „Bis wir hinkommen, kann die ganze Colonie vernichtet sein,“ hiess es. „Ach was, wir setzen uns aufs Pferd!“ „Heute — Samstag —?" „In Todesgefahr gibt es kein Sabbathgesetz!" „Arbeit am Sabbath ist gleich dem Götzendienst!“ rief eine Stimme. Chajim stand eine Weile wie traumverloren. „Aber es heisst auch: „Der, welcher zur Abwendung der Gefahr herbeieiit, ist lobenswert.“ Ich denke, wir reiten nach Kattra.“ Er hatte es gesagt, ohne recht zu wissen, was die Folge sein sollte. Reiten — er hatte ja noch nie ein Thier bestiegen — und am Sabbath! Aber sollte er liier bleiben, wenn in Kattra das Blut seiner Brüder und seiner Schwestern vergossen wurde? Seiner Scwestern. Das rosige, kleine Gesicht Mirjams stieg auf vor seinen Augen. Sollte sie aus Russland hierhergeflüchtet sein, um elend- Nein, hier mussten alle Bedenken schweigen! Er sass auf dem gepolsterten Sattel eines Pferdes, die Füsse in den Steigbügeln, die Beine hoch hinauf. Er sass wirklich und wahrhaftig auf einem Pferde. Man reichte Schaufeln und Hacken als Waffen, einige Männer hatten Flinten umgehängt. Chajim konnte keine Waffe ergreifen, er musste sich festhalten auf seinem Pferde. „Reh Chajim, ich hab' eine Holzhacke!“ Es war der Waisenknabe, der den berittenen M ännern nach lief. „Junge, Du wirst ja ermüden!“ „O nein, die Araber laufen auch jedem Pferde nach, oft auch einen ganzen Tag. Was die können, kann ein Jud' auch!“ Und hurtig trabte er hinter dem Pier de, dann packte er es an der Mähne, hielt sich fest und lief immer heftiger. Man kam zum Wadie, dem trockenen Wildbach: da war es gut, dass er das Pferd führte, sonst wäre Chajim über den Kopf der Mähre hinuntergestürzt. Hinunter die Rinne und hinauf, das wiederholte sich einigemalo. Je mehr Chajim sich an seinen Sitz auf dem Pferde gewöhnte, desto freier schweiften seine Gedanken, desto kräftiger schlug sein Herz. Eisenstein, der stramm sein Ross zügelte und der Administrator ritten ihm zur Seite. Sie freuten sich seines Impulses. „So ist es recht!“ rief ihm Eisenstein zu. „Was ein rechter, freier Colonist werden soll, der fürchtet keinen Araber. Hier gibvs keine Polizei, da heisst es selbst zugreifen.“ Chajim erwiderte, dass er erstaunt sei über sich selbst. Das macht der Boden, meinte der Administrator. Hier ist jüdisches Heldenblut geflossen. Der grosse Makkabäer hat bei Gederat, dem jetzigen Kattra, eine Schlacht geschlagen. Wir zeigen, dass wir seine würdigen Nachkommen sind. Es war scherzhaft gesagt, aber in Chajim fanden diese Worte starken Wiederhali. Alle Muskeln spannten sich, er sass plötzlich frei auf seinem Pferde, reckte sich in die Höhe und blickte frei um sich. Das Blut wirbelte in ihm. Ah, diese Araber, sie sollten sich vorsehen. Man kam in das Araberdorf unterhalb Kattra. Die elenden Erdhütten warfen ihre Schatten ins Leere. Kein Baum, kein Strauch, aber auch kein Mensch. Vom nächsten Hügel glänzten die weissen Steinhäuser von Kattra. „So, hier, wo die schönen Weingärten beginnen, das ist jüdischer Boden.“ hiess es. „Gleich werden wir oben sein in der Colonie.“ Die Pferde wurden nochmals angetrieben. Ein lautes Rufen. Einige Männer schossen ihre Flinten ab. „Hurrah!“ Sie stürmten wild hinauf, das letzte Stück des Weges. Das erste Haus war erreicht. Feierlich glänzten die Sabbathlichter aus den Fenstern. Aber von einem Araber keine Spur. Nach und nach kamen die Colonisten, erschreckt durch die Schüsse und durch das Geschrei, vor die Thüre. Niemand wusste etwas von einem Ueberfall. Ein Araber war zu spät mit seinen Karneelen von Risclion gekommen, man wollte ihn am Sabbath nicht bezahlen, was einen kleinen Streit verursacht hatte. Die Uebertreibung der Araber hatte einen Ueberfall daraus gemacht. ‘ Die Aufregung löste sich in ein allgemeines Gelächter auf. Die Frauen und Töchter brachten den „Rettern“, was an Speise und Trank im Hause war, man lagerte sich, ruhte aus und war nach dem scharfen Ritte munterjund guter Dinge. Chajim war wie gelähmt. Das Schütteln des Sattels hatte ihn ermüdet, die Aufregung, die Angst vor der Gefahr, in der sich seine Brüder befanden, seine Phantasie erhitzt. Nun aber, da alles sich löste, fiel es ihm schwer aufs Herz, dass er den Sabbath entheiligt hatte. Er mochte das Pferd nicht einmal mehr ansehen. In der Gruppe der Leute aus Rechobot wurde eifrig discutiert, wie man heimkehren wolle. Das Herreiten war durch die vermeintliche Rettung sanctioniert, aber in Rechobot gab es doch keine Gefahr, zurück konnte man nicht reiten. Die Plerde am Zügel führen, hiess es. Aber auch das war nicht gestattet. Heisst es doch ausdrücklich in der Bibel, gegen die es keinen Widerspruch gibt: „Dein Knecht soll ruhen, Dein Ochse, Dein Pferd.“ (Fortsetzung jblgt.)

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