Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 47 (24.11.1899)
- Article
- Der "Ritualmord"
- Date
- 1899-11-24
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 47 „Die A Welt“ Seite 9 erst bei seiner Grossjährigkeit in Gen Besitz vier Hinterlassenschaft gelangen wird. .Das Gesetz verordnet nun, dass man den mündigen Sohn nur der Mutter und nicht den nahen Verwandten, die den Verstorbenen, wenn er keine Nachkommenschaft zurückgelassen hätte, beerbt haben würden, zur Erziehung anzuvertrauen habe. Als Grund wird nun ein Fall erzählt, wo die nächsten Verwandten so einen unmündigen Sohn am Rüsttage des Pessaclifestes ermordet haben, um sich in den Besitz der Hinterlassenschaft zu setzen. — Es fragt sich nun, warum die Erbschleicher den Rüstetag des Pessachfestes als geeigneten Zeitpunkt zur Vollgiehung ihres Verbrechens erachtet haben? Die Sache ist sehr plausibel: Jeder Verbrecher sucht ja bekanntlich seine ünthat so weit als möglich geheim, unbekannt zu halten. Der moderne Erbschleicher sucht hierfür die raffiniertesten Gifte heraus und sucht sein Opfer in der möglichst unaufTallenden Weise beiseite zu schäften. Nicht anders war es bei jenen Erbschleichern, von welchen in der angeführten Talmudstelle die Rede ist. Denn vor allem war es eben den Uebelthätern darum zu thun, dass man sie bei ihrer Unthat nicht überrasche, also mussten sie eine Zeit wählen, wo sie unbeobachtet sein konnten. Von allen Tagen des Jahres gibt es aber zwei, wo das religiöse Leben die ganze Thätigkeit eines Juden absorbiert und ihn völlig in Anspruch nimmt. Diese beiden Tage sind: der Rüstetag des Pessach- und des Jom-kippur-Festes. Der Talmud erzählt nun von dreien seiner berühmtesten Gelehrten, die zu den Säulen der gesummten talmudischen Tradition gehören und deren jeder der berühmte Schüler des andern war, nämlich R. Jochanan ben Sakkai, R. Eliezer ben Hyrkanos und R. Akiba ben Josef, dass sie alle nie am Tage vom Lehrhause sich entfernten, Bausser am Rüstetage des Pessach- und Jom-kippur-Festes, um die dem Gesetze entsprenden Vorschriften für das bevorstehende Fest zu treffen.*) An diesen beiden Tagen konnte man auf die längere Abwesenheit mancher Personen von und an irgend einer Stelle mit Bestimmtheit rechnen, um etwas vorzunehmen oder auszuüben, was bei ihrer Anwesenheit unmöglich gewesen wäre. In der That wird im Talmud ein Fall erzählt, als man die Leiche des berühmten Talmudgelehrten überführen wollte und wusste, dass die Bevölkerung, welche in Anbetracht des grossen Ansehens des Verstorbenen und sei neuer YVunderthätigkeit dessen Leichnam in ihrer Mitte haben wollte, die Leberführung auf eine andere Stelle nicht zugehen würde, so musste der Rüstetag des Jom-kippur- Festes hierzu gewählt werden.**) Es hätte aber so gut der Rüstetag des Pessach-Festes gewählt werden können, wenn die Lustrationsgesetzebezüglich dieses Festes es gestattet hätte. _Dr. N. J. Weinstein. Tribüne. (Für Form und Inhalt des in dieser Rubrik Gebrachten ist die Redaction nicht verantwortlich.) Offener Brief an den Herrn Reichsraths-Abgeordneten Dr. Benno Straucher. Mit Vergnügen las ich in den Zeitungen von Ihrer T heilnahm e an den Verhandlungen der „Union“, und freue mich, dass Sie nicht mehr „mfluenziert“ waren. Um so lieber erkenne ich an, wie Sie Ihr mir mehrmals gegebenes Wort gehalten haben, und bringe dies zur allgemeinen Kenntnis. Mit gebotener Achtung Phil.-Dr. S. K r e n b e r g e r, Präsident des Einzel Vereines „ Fünfhaus*' des „Zion“. Wien, 17. November 1X(.)(J. Allgemeiner hebräischer Sprachverein. Mittwoch den 20. November IN'.M) beginnt Hof- und Gerichtsadvocat Dr. Leopold Kahn den an gekündigten Fürs IV: „Gallerie berühmter Männer der Lehre und That in Israel um und seit der Zeit der Unterdrückung durch die Römer (DieTanaim)“ mit dem Eröffniingsvortrage: „Rückblick auf die Feriode des zweiten Tempels, religiöse und politische Hauptrichtungen: Schimon hazadik, Schimon ben Schotach und Jeliuda hon Tabai.“ Zeit: 7,X Uhr abends. — Ort: IX., Türkenstrasse 0. Bureau des Zionisteneongresses. *) S u k k a 28 a und Fes s a c b! m lO'.i a. **) B a b a M e z i a. Mb. F r e q u e n zkarte n u n e n t g e 111 i c h zu erhalten: I. in obigem Bureau, IX., Türkenstrasse!> (auch vor Eröffnung bis 7 Uhr); 2. Vereinslocal des Jüdisch-nationalen Volkvereines, II., Haasgasse 8; 3. bei Dr. Leopold K a h n, II. ) Obere Donaustrasse 47. Anzeige. Die zionistischen Corporationen Wiens veranstalten Donnerstag, den 30. d. in den Sofien-Sälen eine Makkabäer- F e i e r m i t anschliessen d e m T a n zkränzche n. Herr Conrad Loewe, k. k. Hofschauspieler, hat seine freundliche Mitwirkung zugesagt. Die Musik besorgt eine k. u. k. Regimentscap ehe. Tanzarrangement: Professor Singer. Saaleröffnung 8 Uhr. Beginn präcise 81/., Uhr. Soiree-Toilette. Eintrittskarten im Vorverkaufe: Familienkarten äfl. 1 *80. Einzelkarten fl. —.00 An der Abendcasse: Familienkarten ä fl. 2.—, Einzelkarten fl. —.80. Karten sind erhältlich: I. Bezirk: Restaurant Khuner. Adlergasse. CafV* Arcaden. Universitätsstrasse. II. „ Cafe Dogenhof, Praterstrasse. Restaurant Guth. Stephaniestrasse. VI. „ Cafe Electra, Mariahilferstrasse. Restaurant Loebl, Schm alzhofgasse. IX. „ Administration der „Welt“, IX., Türkenstrasse. C afe City, Po i z eil an gas s e. C af e J äge rhof, Porzellan - gasse. Akad. Verb dg. „Kadimah“, fX., Rögergasse 3 ((>—8 Uhr abends). Akad. V erb dg. „Unitas“, IX.. Hahngasse 33 (f>-X Uhr abends). X. „ Restaurant Krautstoffl, Himbergerstrasse. Weltchronik. Antisemitismus und Philosemitismus im classischen Alterthum. 13 of. Zach e r in Breslau schreibt über den Handel und die Handelseigenschafteil der Juden in griechisch-römischer Zeit wie folgt: „Von den Elementen des modernen Antisemitismus entfällt für das classische Alterthum gänzlich oder fast gänzlich das des Anticapitalismus. Die Anklage des Wuchers oder der geschäftlichen Unredlichkeit finden wir von den Judenfeinden des Alterthums nie gegen die Juden erhoben. In Unredlichkeit und geschäftlicher Geriebenheit konnten ja auch Griechen und Syrier nicht überboten werden, und die Römer gaben diesen nicht viel nach. Als Capitalisten aber haben die Juden weder in Rom noch in den hellenistischen Städten eine Rolle gespielt. Sie haben sich zwar in der Regel hier nicht als Landwirte ernährt (das thaten sie nur in Palästina selbst, in Babylonien und einigen anderen Gegenden Innerasiens), sondern überwiegend als Handwerker und Handeltreibende; aber wenn auch manche von ihnen zu behaglichem Wohlstände und auch Reicht bum gelangten, so war doch, soviel wir ersehen können, irn ganzen ihre Stellung im Gew erb sieben keine glänzende oder gar dominierende, sondern eher eine gedrückte: der Grosshandel und das Grossgeldgeschäft wurde beherrscht, durch die römischen Senatoren und Ritter und nächst diesen durch Griechen und Syrier. Eine Ausnahme machte das Ptolemäerreich in Aegypten, in dem die Juden sich ganz besonderer Begünstigung seitens der Herrscher zu erfreuen hatten und sowohl als Handelsmänner wie als St euer pächter zu bedeutendem Einflüsse gelangten; dies Land wurde denn auch zur eigentlichen Heimat des Antisemitismus. und auch hier nur, nicht an anderen Orten, merken wir etwas von Rassen-Antipathie, für die ausserhalb Aegyptens in dem Kosmopolitismus der hellenistischen Reiche und des weltlichen Römerreiches keine Stelle war.“ Auf dem letzten Orientalisien-Congresse in R o m befanden sich unter den circa 80Theilnehmern J Juden, und zwar die Herren Dr. G a s t e r, Rabbiner H. G ollanc z, Professor () p p e r 1, Professor David M ü 1 I e r, Professor G o 1 dz i h o r, Rabbiner V o g e 1 s i ei n , S i m onse n, G u 11m a n n und Israel L c v i. Von Zangwill ist ein neuer Novellen band unter dem Titel: „T h o y I li a t w a I k i n d a r I; n e s s , < ihclto-