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Die Welt · 1899-11-24 · 47 (24.11.1899) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
47 (24.11.1899)
Article
Ein Freund Friedrichs des Grossen über den Ritualmord
Date
1899-11-24
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 47 „Die # Welt“ Seite 7 Beschuldigung, dass sie Christenblut zu ihrem Osterfeste benöthigen, und knüpft hieran folgende Betrachtung: „O. sind die Juden nicht ein hartes und bösartiges Volk! Sie bezeigen gegen die Christen, unter welchen sie doch beständig leben, gar keine zärtliche Liebe, da die Christen zu ihrem Besten und um ihnen die Augen zu öffnen, sie mit einem heiligen Eifer vertilgen und aus lauter Frömmigkeit in die Sclaverei versetzen und ihnen in grösster Andacht alles Hab und Gut nehmen wollen Ich kann mich des Lachens nicht enthalten, wenn ich der thörichten Forderung der Europäer nachsinne. Aber die Haut schauert mir, wenn ich bedenke, was für entsetzliche Wuth Menschen, die für gesittet und wohlgezogen angesehen sein wollen, an armen, elenden Leuten ausüben, die man umsomehr Ursache zu beklagen hat, da sie bloss deswegen unglücklich sind, weil sie sich den Begangen ihres Gewissens gemäss verhalten .... Hat also ein alter Schriftsteller nicht mit gutem Grunde gesagt, dass die grlmmigsten unter den unvernünftigstenThieren nicht so grausam gegen die Menschen, als diese gegen einander selbst verfahren." Wenn man diese Worte liest, dann drängt sich einem unwillkürlich der Gedanke auf. dass unser hochcivilisiertes Jahrhundert gar wohl manches von dem veralteten französischen Marquis lernen könnte. Berlin im November. Esra Sofer.. Der Kindesleichnam in der Judenschenke. (Original-Bericht der „Welt".) Polna greift um sich. Das böhmische Städtchen hat das Bestreben, seinesgleichen zu gebären. In den verschiedensten Ländern will ein Polna erstehen: Mähren hat gekreisst, Ungarn hat in der Gegend von Turocz-Szt. Marton dieselben Regungen gezeigt, und jetzt wird ein sensationeller Fall gleicher Kategorie aus Galizien gemeldet. Donnerstag, 16. November, abends gegen 6 Uhr, kam ein besser gekleideter Pole in den Laden des jüdischen Schenkers Hirsch Markus zu Podgorze. In der Schenke waren nur Herr Markus und dessen Frau anwesend. Der Gast fiel schon beim Eintritte durch sein scheues AVesen auf. Er verlangte Schnaps und Kuchen. Nachdem er die Zeche beglichen hatte, griff er — gewiss ein Symptom ungewöhnlicher Zerstreutheit — noch einmal in die Tasche, holte eine handvoli Münzen heraus, und wollte ein zweitesmal bezahlen. Markus fragte seinen sonderbaren Gast, weshalb er so verstört aussehe? „Das geht keinen etwas an!“ war die barsche Antwort. Dabei suchte der Pole fortwährend unter seinem Pelze herum. Dann griff er, offenbar um Zeit zu gewinnen, nochmals in die Tasche und legte eine Krone auf den Tisch, mit den Worten: „Was bin ich schuldig?“ Der Schankwirt wies ihn energisch ab, da er ein Mitglied von der häufigen Gilde der Provocateure vor sich zu haben glaubte, drehte ihm den Rücken und machte sich bei den Flaschen zu schaffen. Diesen Augenblick benützte der Mann, um zu der am entgegengesetzten Ende des Schanksaales sitzenden Frau Markus hinüberzugehen; er beugte sich zu ihr nieder, als wollte er sie liebkosen. Inzwischen war ein Gast eingetreten, ein Jude, der einen Thee bestellte. Frau Markus wollte den neuen Gast bedienen und forderte den zudringlichen Kerl im Pelze auf, beiseite zu gehen. Hierbei bemerkte sie, dass der Pole mit einem Paket unter der Bank manipulierte — einem blutigen Fetzen, aus dem die Füsse eines Leichnams starrten. Auf das entsetzte Geschrei der Frau eilte der Schankwirt herzu. Der Pole schob nun kaltblütig das Paket unter den Pelz zurück und wollte sich entfernen. Herr Markus packte ihn beim Kragen und rief um Hilfe. Inzwischen traten etwa sechs Christen ein, die ursprünglich für den Polen Partei nehmen wollten; als sie den Sachverhalt erfuhren, halfen sie den Mann dingfest machen. Der Jude holte einen städtischen Polizisten, und der Pole wurde auf den Magistrat gebracht. Hier gab er an, er heisse Jan Grochol, sei Bergmann aus Wieliczka, seine Frau wäre im Lazar-Spital niedergekommen, das Kind wäre gestorben, und den Leichnam hätte er mit Erlaubnis des Arztes genommen, um ihn in Wieliczka beizusetzen. Den Erlaubnisschein habe er verloren. Es wurde nun telephonisch bei dem betreffenden Arzte angefragt, und dieser gestand, den Leichnam ohne Schein, ohne vorgeschriebenen Sarg ausgefolgt zu haben. Der Kindeswegleger wurde auf Initiative des städtischen Wachtmeisters arretiert und nach Krakau übergeführt, dort aber — entlassen. Auf Intervention des Krakauer Cultuspräsidenten Dr. Leon Horowitz wurde der Bergmann nochmals ausgeforscht, es wurde nochmals ein Protokoll mit ihm aufgenommen und eine Strafanzeige formuliert. Frau Markus wurde unterdessen infolge der Aufregung von einem Blutsturze heimgesucht und schwebt in Lebensgefahr, da eine Fehlgeburt unter operativem Eingriffe bevorsteht. Der Schankwirt Hirsch Markus ist ein Sohn des Krakauer Schriftstellers Ahron Markus. Die mehr oder weniger antisemitische Polenpresse sucht natürlich den Vorfall zu entstellen und zu vertuschen. Der Kindeswegleger wird als unschuldiges Opferlamm hingestellt. Er hat selbstverständlich den Leichnam nur so von ungefähr unter die Bank fallen lassen, ohne sich etwas dabei zu denken. Beiläufig, wie man einen Gigarettenrest wegwirft. Das Ganze war nur purer Zufall. Nach der Ansicht der polnischen Blätter ist es ein ganz alltägliches Ereignis, dass jemand mit einem todten Kinde unter dem Pelze spazieren geht. Die Polenpresse ist offenbar überzeugt, dass diese Art des Lustwandeins sehr weit verbreitet ist. Man schaut eben nicht jedem unter den Pelz. Aber man möge es nur auf einen Versuch ankommen lassen und die Spaziergänger einer gründlichen Leibesvisitation unterziehen. Es wird sich herausstellen, dass jeder dritte Mann ein Paket mit einem Kindesleichnam unter dem AVinterrocke versteckt hat. Also wozu wird von der Poclgorzer Affaire so viel Aufhebens gemacht? Der „Gzas“ erzählt treuherzig: „Ein armer Bergmann, der sein Kind begraben wollte, wurde von den Juden angefallen und beschuldigt, er hätte die Absicht gehabt, die Leiche wegzulegen.“ „Begraben“ hat er sein Kind wollen. Und gerade in der Schenke eines Juden. Bisher war es nicht bekannt, dass in Galizien die jüdischen Schankstuben gemeiniglich als Friedhöfe benützt werden. Dem „Czas“ blieb es Vorbehalten, diese culturhistorisch interessante Thatsache zur Kenntnis weiterer Kreise gebracht zu haben. Der „Glos Narodu“ bringt unter dem Titel: „Auf dem Diebe brennt der Hut“ folgende überaus unverfängliche Darstellung der Sache: „Am 15. d. M. nachmittags brachte der Bergmann Jan Grochol aus Wieliczka seine Frau Marie auf die gynaekologische Klinik. Die Frau, die sich im dritten Stadium der Schwangerschaft befand, war völlig bewusstlos. Sie gebar einen todten Knaben. Der verzweifelte Grochol, der schon 7 Kinder begraben hatte, bat inständig den Dr. Dobrovolski, Primarassistenten der Klinik, um die Erlaubnis, die Reste des Kindes an sich nehmen zu dürfen. Er wolle auch dieses letzte Kind in Wieliczka bei sich haben.

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