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Die Welt · 1899-11-24 · 47 (24.11.1899) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
47 (24.11.1899)
Article
[Ohne Titel] / Rosenberger, Erwin
Date
1899-11-24
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seile 1 „Die A Welt“ Nr. 47 die judenfeindlichen Erneuten namhaft machen. Beim Ausbruche der Unruhen hat der Zeitungsleser das Auftauchen der Excessberichte als „Sensation“ empfunden, heute würde es auf jedermann einen ungemein befremdenden Eindruck machen, wenn eines Tages die Blätter ohne die obligate Excessrubrik aus der Presse kämen. Wenn einmal, was kaum zu erwarten ist, der judenfeindliche Rummel ein Ende nehmen wird, dann werden gewiss an die Zeitungen aus Leserkreisen energische Briefe ungefähr folgenden Inhaltes kommen: „Sehr geehrte Redaction! Als ich vor einigen Wochen Ihr geschätztes Blatt abonnierte, enthielt selbes eine reichhaltige Rubrik über Tumulte in Böhmen und Mähren. Mit der gestrigen Nummer haben Sie diese Rubrik plötzlich sistiert. Dieses Vorgehen erscheint mir keineswegs correct. Ich habe das Blatt einschliesslich der genannten Rubrik abonniert und werde jetzt meine ConSequenzen ziehen. Achtungsvoll etc.“ Und die Blätter, die es ja der Leser weit gegenüber niemals an weitgehendstem Entgegenkommen fehlen lassen, werden dann gezwungen sein, ju den feindliche Revolten einfach mit frei schaffender Phantasie zu erfinden, damit der Leser die liebgewonnene Kost nicht länger entbehre. Die gerechte Strafe. Die Gerechtigkeit waltet bereits in Mähren kräftig Ihres Amtes. Die Theilnelimer der Excesse werden mit mehr oder minder empfindlichen Arrestbussen bedacht. Sechs Holleschauer Juden sind am 20. November auf Grund der bekannten Vorgänge zu Freiheitsstrafen verurtheilt worden. — Soweit ist alles in der Holleschauer Affaire durchaus logisch und dem herkömmlichen Brauche entsprechend; allein das Seltsame und Groteske liegt in folgendem : Sämmtliche Verurtheilten haben gegen die Schuld und das Strafausmass die Berufung angemeldet. — Die Holleschauer Juden scheinen ein bisschen verrückt zu sein. Vielleicht haben ihre Verstandeskräfte durch die grossen Aufregungen der Excesstage etwas gelitten. Die sonderbaren Leutchen bilden sich doch hoffentlich nicht ein, dass Bürger, die bei Excessen eine hervorragende Rolle spielen, in einem Rechtsstaate den Händen der Nemesis entschlüpfen können. Am Ende haben die Holleschauer Juden gar gedacht, dass man ihnen für ihre Theilnahme an den Excessen noch eine besondere Auszeichnung verleihen werde. Es ist thatsächlich unglaublich, welch aberwitzige Rechtsauffassung in manchen Köpfen ihren Sitz hat. Rituelles. Auch in den letzten Tagen hat sich die Judendebatte mit majestätischem, breitem Wogenschwalle durch die Verhandlungen des österreichischen Parlamentes gewälzt. Die schäum lebten Wellenkämme — um bei dem wässerigen Bilde zu bleiben — waren blutig gefärbt, Blut von armen Opfern, die den rituellen Weg des Fleisches gegangen. Ein demüthigendes Gefühl musste jeden Juden heim Lesen dieser widerlichen Debatte überkommen. Die gutgemeinten Ausführungen der jüdischen Abgeordneten, die den Vorwurf des „Ritualmordes“ zu entkräften trachteten, waren fast noch niederdrückender, als die Anschuldigungen selbst, Mit wissenschaftlichem Ernste, mit einer adamantrhischen Gewissenhaftigkeit waren die jüdischen Deputierten bemüht, die Blutfabel zu widerlegen. Das ist gewiss lobenswert: aber' dass es überhaupt nothwendig ist, eine derartige handgreifliche Dummheit ernst zu nehmen, das ist das Enimuthigende an der Sache. Der Jude ist gezwungen, sich mit diesem unsäglichen Stumpfsinne zu befassen, weil es ein gefährlicher Stumpfsinn ist, weil die fanatische Secte, die auf den Blutaberglauben schwört, in Böhmen und Mähren über die Juden tobsüchtig herfällt und Unheil anrichtet. An sich ist ja die ganze Ritualsache eine unbezahlbare Posse, und man fühlt im ersten Augenblicke in sich natürlich die Neigung, herzhaft aufzulachen. Aber da zeigt sich die durchaus nicht harmlose Beziehung der Posse zu Hollesehau und Wsetin und verscheucht gewaltsam jede Lustspielstimmung. Dieser Widerspruch zwischen komischem Gegenstände und seiner tragischen Wirksamkeit ist es, der in dem jüdischen Zuschauer das dissonierende missliche Gefühl erzeugt. Das Glöcklein einer Schellenkappe wird zur Trauerglocke für geplünderte jüdische Familien. Erwin Rosenberger. Wir siegen. i. Saulus, Paul u s. Es war am 22. April 181)9 gegen 10 Uhr abends, als man in der „Israelitischen Union“ zu Wien von einem jüdischen Volke sprach. Das muss damals zum erstenmale geschehen sein, denn der Vorsitzende dieser Versammlung, Herr Siegmund M a y e r, stand auf und äusserte sich ziemlich unwirsch über diesen Ausdruck. End wie entstand diese Debatte? Die „Union“ hatte sich durch ihr Rechtsschutzbureau ein stattliches Deficit angeeignet — und man berieth die Mittel, es zu tilgen. Da gierig ein Zionist auf die Tribüne und empfahl den Herren, sich an das jüdische Volk zu wenden, nicht aber bei den bekannten jüdischen G rossen zu schnorren, die dann uns Juden so behandeln-wie man eben Schnorrer behandelt. So kam es, dass Herr Siegmund M a v er unwirsch wurde. # * * Es war am li. November 1899 gegen 10 Uhr abends, da stand Herr Siegmund Mayer auf der Tribüne der „Israelitischen Union“ und sprach etwa wie folgt: „Meine Herren! Auf Empfehlung eines unserer Boiräthe haben wir uns mit einem Circular an zahlreiche unserer jüdischen Mitbürgerin Wien und in der Provinz gewandt, um Mittel für unser Rechtsschutzbureau zu finden. Wir erhielten 15.000 fl. Davon kamen 12.MO fl. vom Mittelstände, von kleinen und kleinsten Leuten in Beiträgen von I bis 5() fl. Unsere grossen Leute, die Herren der zahlreichen Millionen, haben J000 fl. beigesteuert. Geradezu niederdrückend waren die Begleitschreiben. Der eine schrieb nur die Worte hin : „Ein-für allemal.“ Das ist einer, der uns gewissennassen eine Abfertigung gegeben hat. Ein anderer sandte einige hundert Gulden und wollte in den Listen des Vereines nicht genannt sein — der will sich nicht zu „denkenneu geben“, und ein anderer, dessen Vermögen mit zwei Millionen ziemlich richtig taxiert ist — sandte uns zwei Gulden.“ „Wir aber“, so meinte Herr Mayer, „sollen uns öffentlich lossagen von diesen Herren, die mit uns nicht solidarisch sind — für die wir leiden, weil man ihre ungezählten Millionen sieht und uns mit ihnen identifieiert. Sie gelten als Symbol der Ausbeutung — und wir — wir leiden unter der Ausbeutung genau so wie die armen Christen.“ Dann schlug er eine Organisation vor nach Interessengruppen — mit Ausschluss der Protzen, eventuell gegen sie. In diesem Augenblick war es, als marschierten sie durch den Saal mit ihren nullenförmigen Bäuchen, die „grossen Juden“, wie Nordau sie geschildert hat, mit ihren Reitpferden und Maitressen — inmitten ihrer „Gesellschaft“ der abgetakelten Aristokraten und abgelegten Aristokratinnen. Diese eingebildeten Parvenüs, die nicht glauben, dass ihr«' Fenster auch ans Glas sind, „leb fühle mich so sicher, wie der Fürst Schwarzenberg“, soll,eine dieser grossen Nullen gesagt haben, so erzählte ein Redner. Und ein Wuthschrei ertönte in der Versammlung: jeder Jude fühlte den Fusstritt, den dieser Jude seinem Volke versetzte. In Polna, in Holleschau, in Chodorow und Wsetin wird geplündert — „Er“ aber, „Er“ ist sicher — wie ein christlicher Fürst — „Er“, die grosse Null — die nicht zum Judenvolke gehört.

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