Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 47 (24.11.1899)
- Article
- Judenknecht
- Date
- 1899-11-24
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 47 „Die H Welt“ Seite 3 Eine nicht minder empfindliche Züchtigung hat fast zur selben Zeit der „Judenknecht“ Jules C i a r e t i e in Paris erhalten. Sie war nicht minder verdient als die des Professors in Prag. Glaubt M a s a ry k nicht an den Ritualmord, so will Jules C 1 a r e t i e von der Schuld des jüdischen Capitans Drevfus nicht Überzeugtsein. Ja, noch mehr, er behauptete, in Rennes von dessen Unschuld überzeugt worden zu sein. Das ist aber ein Verbrechen, für das heute in Frankreich jedermann bestraft wird, der in einer Stellung ist, die es ermöglicht, ihm an den Leib zu rücken. Oberst Jouaust, der Präsident des Gerichtshofes in Rennes, dem nur ein vollendeter Cretin den Vorwurf machen kann, dass er nicht alles gethan, um Drey fus von seinen Anklägern zerfleischen zu lassen, wird gleich dem Major Brennt — diese zwei gaben das Votum „Nichtschuldig“ ab — durch die allgemeine Missachtung dafür bestraft, dass er, seinem Eide gemäss, nach seiner > Ueberzeugung geurtheilt hat. Gemieden, verfolgt, beleidigt werden alle, die Drey fus nicht für schuldiglialten, da es doch klar zutage liegt, dass er ein — Jude ist. Jules Clareti e, der früher ein erbitterter Gegner der Dreyfusards gewesen, fühlte sich, nachdem er in Rennes bekehrt worden, von seinem Gewissen bewogen, seinen Gesinnungswandel öffentlich zu bekennen. Nun ist auch er als Judenknecht gebrandmarkt, und die vornehme Welt von Paris ist erfreut, den Umstand, dass Clareti e nicht nur Romanschriftsteller,sondern auchTheaterdirectorist, benützen zu können, um ihn in seinem Theater zu beschimpfen. Man sieht, der neue Rechts- und Moralcodex ist ein gar harter, nicht nur für die Juden, die von vorneherein durch ihn verurtheilt erscheinen, sondern auch für jene, die nicht zustimmende oder mindestens schweigende Zuschauer dieses Verfahrens bleiben wollen. Auch die „Judenknechte“ sind vogelfrei. Vogelfreiheit, das ist nämlich die einzige Freiheit die man den Juden noch gönnt. Adam. Zionistische Agitationsmittei. Ein Zionist, Herr A. Neufelda us Warschau, Hörer der kgl. technischen Hochschule zu Berlin-Charlotten bürg, zur Zeit in Davos-Dorf in der Schweiz, unterbreitete dem Actions-Comite nachfolgenden Plan für zionistische Schaustellungen, um die Agitation für den Zionismus in die weitesten Kreise des Judenthums und insbesondere dorthin gelangen zu lassen, wohin bisher die Kunde von dem Erwachen des Judenthums, von der grossen Bewegung des Zionismus nicht gedrungen ist, aus Ursachen, die nur zu bekannt sind. Das Bild ist eines der mächtigsten Agitationsmittel. Der Herr Projectant denkt sich das durch das Bild Veranschaulichte durch das Wort unterstützt: In hebräischer Sprache oder im Jargon soll ein „Magid“ die Erläuterungen geben und das Volk für den Zionismus begeistern. Wir halten die Idee für sehr beachtenswert, wollen jedoch auch die Meinung aller unserer Freunde aus den verschiedensten Kreisen darüber hören und bringen daher die Angelegenheit zur öffentlichen Erörterung; Entwurf eines allgemeinen Programms für die zionistischen Schau* Stellungen. I. Laterna magic a. 1. Landschaften aus Palästina (am geeignetsten nach den photochromischen Aufnahmen der Gesellschaft „Photoglob“, Zürich). 2. Aufnahmen der jüdischen Wohlthätigkeitsanstalten in Palästina, der Gebäude und Landschaften in den Colonien. 3. Porträts der berühmten Juden und Zionisten-Führer. 4. Die bekanntesten alttestamentlichen Bilder: nach den Zeichnungen von Gustav Dore, sowie nach den berühmtesten Gemälden. 5. Bilder und Typen von den Zionisten-Gongressen. 6. Actie der Jüdischen Colonial-Bank. 7. Die Armut und das Elend der Juden in ihren bisherigen Wohnsitzen, illustriert durch Bilder von Wohnungen und durch Typen; dazu im Gegensätze die jüdischen Colonien in Palästina und das Leben der Bauern und der Jugend. Typen aus den Colonien* II. K i n e m a t o g r a p h. 1. Der Eiserbahnzug Jaffa-Jerusalem in Bewegung. 2. Die auf der Projectionswand bewegliche Landschaft (möglichst der Colonien), gesehen aus dem dahinrollenden Eisenbahnzuge. 3. Das Leben und Treiben auf den Bahnhöfen Jaffa und Jerusalem und im Hafen von Jaffa. 4. Scenen aus den Colonien : Landwirtschaftliche und gewerbliche Arbeiten, die Schuljugend von Mikweh-Israel an den Feldarbeiten, das Familienleben, z. B. Sabbath, „Semiroth“-Singen, Hochzeitszug (beide letzteren Scenen wiedergegeben durch den Phonograph). 5. Scenen aus Jerusalem: die Klagemauer Freitag abends, das Treiben in der Lämmel-Schule, in den jüdischen Wohlthätigkeits-Anstalten. Anmerkung: Für sämmtliche Bilder sind mehrsprachige Inschriften vorzubereiten. III. Phonograph. (Construction : ohne Ohrenschläuche, mit einer Metalltube, vernehmbar auf einmal für den ganzen Zuhörerraum.) 1. Gesprochene Autorisation des Jerusalemer Rabbiners. 2. Bekannte synagogale Lieder. 3. Vocale Illustrationen zu den palästinensischen Schul- und Familienscenen. 4. Bekanntere Volksmelodien: die jüdischen Opernarien (ein Genre von Goldfaden), Volkslieder etc. 5. Die zionistische Hymne. Anmerkungen: 1. Nur die Walzen für III., 3. sind in Palästina zu füllen. Die übrigen Walzen sind mit Sorgfalt in den betreffenden Ländern zu füllen, um nur das wirklich Actuelle zum Vortrage zu bringen. Zionistische Hymne in der betr. Landes- oder Zuhörersprache. Die Liedertexte sind an die Anwesenden zu vertheilen. 2. Das obige Phonograph-Programm ist auf die polnischjüdischen Volksmassen zugeschnitten. Für andere Kreise eine Umänderung des Programms : Aufnahme der Congressreden, Beiträge der Zionisten-Hauptführer in den betreffenden Ländern etc. IV. Polygraphisches Material. 1. Ansichten und Ansichtskarten etc. aus Palästina mit verschiedensprachigeil, hauptsächlich hebräischen, eventuell Jargon-Erklärungen. 2. Zionistische Literatur in verschiedenen Sprachen, auch speciell vom religiösen Standpunkte, im Jargon oder Hebräisch. 3. Zionistische Flugblätter in verschiedenen Sprachen (Gratisvertheilung). Die Woche. Wien, 22. November 1899* Die stehende Rubrik. Die barocke Weissagung pessimistischer Propheten ist nun in Erfüllung gegangen : Die Judenkrawalle bilden in den Tageszeitungen endlich eine „stehende Rubrik“. So wie es einen „Localen Th eil“, „Communalnachrichten“, einen „Gerichtssaal“ u. s. w. gibt, so finden sich jetzt auch in den Blättern ständige Plätzchen, wo Tag für Tag gewissenhaft über die judenfeindlichen Ausschreitungen referiert wird. Die Judenexcesse sind in Böhmen und Mähren zu einem dauernden, ehernen Bestandtheile des öffentlichen Lebens geworden. Man kann sich eigentlich nicht mehr diesen rabiaten Zug von der Physiognomie des österreichisch-slavisehen Gesellschaftskörpers so recht wegdenken. Es würde eine überaus fühlbare Lücke bleiben. Die Herausgeber von Reisehandbüchern haben gewiss auf diesen Gegenstand schon ihr Augenmerk gerichtet, und die nächste Ausgabe des „Führers durch Böhmen und Mähren“ wird unzweifelhaft neben den anderen typischen Landeseigenschaften auch