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Die Welt · 1899-11-17 · 46 (17.11.1899) · p. 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
46 (17.11.1899)
Article
Unseres Volkes Erwachen
Date
1899-11-17
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 46 „Die Hc Welt“ Seite 15 Wir heben ab die Nacht von Deinen Blicken, Von Deinem Leib die Müdigkeit und Last. Dann fühlst Du stolz mit staunendem Entzücken Das Gottesfeuer, das Du wieder hast. Zweifel an der herrlichen Botschaft. Es lauscht erregt und kann den Traum nicht fassen, Doch wieder kraftlos sinkt das Haupt zurück: „O! zeiget nicht ein trügerisches Glück. Mir ist kein Heil! — Mein Gott hat mich verlassen! „Und hör'* ich neue Kraft mir auch verkünden, Ich finde nie ein Heim und nie ein Bleiben, Die dunklen Boten, die mich rastlos treiben Von Land zu Land, wann werden die verschwinden?“ Gottes-Trost! Sie sind verschwunden! — Denn ein eig’nes Hans, Ein gottgeweihtes, wollen wir Dir bauen. Auf eig’nem Boden stehend, sollst Du schauen Nach Ost und West und üb er's Meer hinaus! Wie in den alten Zeiten soll Dich grossen Das gold’ne Korn, von Deiner Hand gesät, Und wieder siehst Du lächelnd Dir zu Füssen Die stillen Fluten des Genezareth! Gott ist mit uns! — Siehst Du nicht sein Gebieten In uns'rer Augen zukunftsfrohem Glanz? Er nimmt von Deinem Haupt den Dornenkranz Und schmückt mit Rosen Dich, mit jung erblühten. Erhebe Dich, mein Volk! Dein Retter naht! Der Tag ist da und leuchtet uns zur That! Das Erwachen! Und als sich Sonnen blick und sein Blick fanden, Da ist mein Volk in Strahlen auferstanden! Der Talmudbauer. (Aus dem Leben der Juden in Palästina.) Von H. York-Steiner. (Fortsetzung.) Man versammelte sich im Hause des Administrators bei offenen Fenstern, vor denen jeder ruhig zuhören durfte. Als nun alle versammelt waren, trat der Colonist Smilovics vor und verlangte, dass ihm der Weingarten hinter dem Hause der Witwe Bondikoff zugesprochen werde, den Preis erlege er bar. Er begründete sein Verlangen mit dem Gesetz und entkräftete den Einwand des grossen Besitzes damit, dass er drei Söhne habe, die einstens alle auf der Scholle leben sollten. Die Stimmung war für ihn. Da erhob sich Schönberger und wendete sich zu Frau Bondikoff: „Ihna Mann war a braver Colonist, und die Gärten sei’n alle sehr schön, besonders der beim Haus. I hab’ in Oesterreich mei Weib verloren und weii’s unter lauter Christen war dorten, hab' ich's bei Nacht und Nebel wegführen müssen, damit’s an ehrlich’s Grab find't. ln Tamnitz da is’s begraben: das is’ im Ungarischen, wo i her bin.“ Chajim horchte hoch auf. Das war ja die Heimat seiner Eltern! — „Na, da hab’ i g’nua g’habt! Dann bin i nach Amerika. Dort hat’s m'r a net g’fällen, weii’s so viel schwer is’ mit’n Englischen, wann ma so seine Vierzig aufm Buckel hat Na, und da hab' i g’hört, dass dahier jüdische Dörfer sei’n und da bin i kommen und da möcht’ 1 bleiben. Es hat mir eh immer in Tamnitz so a Talmudist g’sagt, i soll daher nach Palästina gehen, da san m’r z'haus. — Ihna Mann is’ g’storben und So wollen z’ruck nach Russland, wo ’s soviel kalt is,“ wendete er sich an die Witwe. „Da denk’ i mir halt also : Sö hab’n kan Mann, i hab’ ka Frau. Sö hab’n a schönes Güterl, i hab’ a paar Groschen Geld, dös legen m’r an für lhnere zwa Kinder und mir zwa heiraten z’sammk“ Die stattliche Frau wurde feuerroth, sie strich verlegen ihr schweres, schwarzes Haar zurück und sah zu Boden. Man iiess ihr aber keine Zeit zur Ueberlegung. Es war. als freue sich jedermann dieser prächtigen Lösung, und Smilovics war der erste, der ihr sein „Masel tov“ zurief. Als Chajim sich dem Brautpaare näherte, schlug ihm Schönberger auf die Schulter. „Nun, Sie Obertalmudist, Sie, dösmal war i der G'scheitere, und der Herr Smilovics mit die ganzen alten Herren vom Talmud, die hab’n ’s Nachsehn! Der nächste Anrainer werd i jetzt sein.“ Die Männer lachten über diesen derben Witz, die Witwe Bondikoff aber, die bisher wie betäubt auf ihrem Stuhle gesessen war, fuhr auf, sie machte eine Bewegung, wie um sich der Menschen zu erwehren, dann schluchzte sie laut auf und wollte die Stube verlassen. Schönberger stand beschämt in einer Ecke. Der Administrator hielt die Frau zurück, winkte den Männern, die sich langsam entfernten, dann nahm er Schönberger bei der Hand und führte ihn zu der Frau. Leise und eindringlich sprach er zu. „Jeder Colonist, jede Frau, ja jedes Kind ist mir ans Herz gewachsen; dass Sie, liebste Frau, uns verlassen wollten, war mir schwer zu tragen. Wenn ein anständiger, gesunder Mann, der aus Liebe zu Zion zur alten Heimat gekommen ist, seine Hand in die Ihre legt, um das zerstörte Haus wieder aufzurichten, dann sollten Sie das als eine Schickung Gottes betrachten, der ein Vater ist den Witwen und Waisen.“ Frau Bondikoff hatte sich einigermassen beruhigt, so dass man sie mit Schönberger allein lassen konnte. Durch die offenen Fenster in die stille Nacht hinaus drang ein unterdrücktes Sprechen, ein heisses Werben. „I bin scho über Fufzig, aber seit achtzehn Jahr’ fahr' i ohne Heimat in der Welt herum, und immer hat’s mir in die Ohren klungen, das Reden von dem Talmndisten in Tamnitz. wo mei’ Selige begraben is. Geh nach Palästina, hat er g’sagt, dort is unsere Heimat! Jetzt glaub’ i wirkli, dass der liebe Gottmi herg’schickt hat; i hab’ alles g’funden, Heimat, Haus, Hof, Weib und Kinder. Erbarmen S’ Ihna meiner, sonst bleib’ i a heimatloser, alter G’sell! I kann ja net a so liab daherreden wiar a Junger, aber gern will i Ihna hab’n, wiar der Jüngste, i will Ihna ’s danken mein ganzes Leben!“ Das Schluchzen hörte auf, ein leises Sprechen, ein Flüstern — eine lange, lange Pause —-und dann nach einer Weile führte Schönberger seine Braut zu ihrem Hause. Die Männer vom Comite und auch Chajim, sie drückten sich an die Wand des Hauses, um nicht gesehen zu werden. Der Mond schien mit Tagesheile, und die tiefen Schatten und die Stille in der Natur venlethen die nächtliche Stunde. Chajim athmete schwer. Er hatte jedes Wort der Werbung gehört, und ihm war es, als ob er sie immer wieder an sein Ohr schlagen fühlte: „I kann net so liab daherreden wiar a Junger.“ Was er wohl damit meinte? Im Talmud stand, dass man mit achtzehn Jahren heiraten solle, das war ein Gebot, die Ehe ein Stück Religion, dann war ihm auch eine Stelle bekannt, die da lautet: „Baue Dein Haus, pflanze Deinen Weinberg und nehme ein Weib,“ aber von lieb daherreden, da fand sich doch nirgends ein Wort. Das gehörte wohl zur sündigen Liebe der „Fremden“ — ach, diese Colonisten! Wie sein Herz schlug — vor Schreck über diese Sündhaften. — Drüben in Kattra — das Mädchen — ja, das war auch so eine Arge, sie konnte auch lieb daherreden. Diese.-Das Blut stieg ihm in die Schläfen. Das war die böse Begierde, wahrhaftig! Er schlug die Hände zusammen und krainpfte sie fest ineinander, wie um einen Halt zu finden gegen die andrängenden Gedanken. Wie hiess es doch? „Der böse Trieb ist zuerst wie ein Spinnfäden, bald aber wird er stark wie ein Wagenseil.“ Er wollte nicht der Sünde verfallen. Von den Weingärten her tönten die winselnden Schreie des Schakals, nie und da knallte ein Schuss, um diese Traubenräuber zu verjagen — dann lagerte wieder tiefe Stille über Dorf und Berg. Die Männer des Waad hatten sich in ihre Häuser zurückgezogen, auch die Arbeiter waren zu ihren Schlafstätten gegangen, nur der Waisenknabe aus Rumänien folgte Chajim wie ein Schatten. Der Knabe hieng an ihm wie ein treuer Hund, obwohl er nichts für ihn thun konnte. „Geh’ schlafen, mein Kind, es ist spät Deine Frau wird scheiten,“ „Die schilt immer.“ „So suche ihre Gunst zu gewinnen.“ „Ich will nicht, ich will keine Dienstmagd werden, sondern ein Feldarbeiter.“ . „Du bist noch zu jung zur Feldarbeit.“ „Bis Sie heiraten und ein Co Ion ist werden, dann gehe ich zu Ihnen als Knecht.“ „Wie kommst Du auf diesen Gedanken?“ «Die Männer sagen alle, aus Ihnen wird ein tüchtiger Colonist, und meine Frau hat gesagt, wenn Sie erst den Kaftan ablegen und die Pajes zurückstreichen, dann werden Sie eine schöne Frau kriegen.“ Chajim wurde ernsthaft böse. Er den Kaftan ablegen, mit einem kurzen Rocke dahergehen — Unsinn! Das wäre das Zeichen des Abfalles. Nie könnte er wieder seinem Vater unter die Augen treten! — Aber Herr Eisenstein, der Administrator, ja sogar Doctor Rapp, sie trugen keinen Kaftan. Freilich waren sie auch keine Gelehrten. Er aber auch nicht mehr, er wollte ja ein Bauer werden! (Fortsetzung folgt.)

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