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Die Welt · 1899-11-17 · 46 (17.11.1899) · p. 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
46 (17.11.1899)
Article
Petersburg
Date
1899-11-17
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 „Die $ Welt“ Nr. 46 tretens des neuen Gewerbegesetz'es aufgetaucht sind, erklärt eine Special commission, dass die Bestimmungen bezüglich des Aufenthaltes jüdischer auswärtiger Kaufleute in Russland durch das neue Gewerbegesetz nicht berührt werden. * Der regierende Senat entschied in der Frage jüdischer Ansiedlungen auf dem Grenzgebiete des Ausuahmsrayons wie folgt: § 187 des Passgesetzes verbietet die Einbeziehung derjenigen Juden, bei denen dies vor dem Jahre 1858 noch nicht der Fall war. in die Grenzgemeinden (das heisst solche Gemeinden, die 50 Werst von der Grenze entfernt sind), gestattet jedoch die Einführung solcher Juden, die HTthümlichenveise oder infolge einer Un genau igkeit, trotz ihrer Zugehörigkeit zu diesen Gemeinden, in der Gon-' scriptionsliste der jüdischen Bevölkerung übergangen wurden. Warschau. (Ein Finale der Drftyfu s -Affair e.) Nr. 38 der Zeitschrift ..Bola“ brachte die interessante Nachricht. dass für das Vorhandensein des Dreyfus-Syndicates endlich ein unwiderlegbarer Beweis erbracht sei. Aus authentischester Ouelle habe das genannte Blatt das ,,neue Pactum“ festgestellt, dass der jüdische ..KahaP von Grodzisk allein 3000 Rubel für die heilige Drevfus-Saehe gesammelt habe. Daraus folgt, wie gewöhnlich bei jüdischen Angelegenheiten, der verallgemeinernde Schluss, dass überall eine Syndicatssteuer eingehoben wurde, und zwar in der Weise, dass die Rabbinen jedem Gläubigen einen Dreyfus-Zusohlag in der Höhe von 2 Kopeken von je 10 Rubeln auferlegten. Die nach diesem Modus in särmn fliehen ..K ab als" gesammelten Gelder flössen dann in die grosse Pariser Syndicatscasse. — Zur Charakteristik der „Rola" trägt der „Tzraelita“ noch .Folgendes nach : Einst veröffentlichte die „Rola“ ein hebräisches Elaborat, das mit den Unglück verheissenden orten „Chudim pojlym" begann und mit einer polnischen Uebersetznng versehen wav. deren Inhalt nur empören konnte. Der „hebräische" Text war natürlich ein Kauderwelsch unverständlicher Laute, ohne Sinn und Bedeutung. Uje frommen Leser der ..Bola" aber nahmen es selbstverständlich als echtes, unverfälschtes Hebräisch hin. Das System des Blattes erfordert es, dass Berichtigungen grundsätzlich nicht gedruckt oder dass sie verstümmelt werden. Bialystok. Die Statuten der hiesigen neugegründeten Handelsschule wurden vor kurzem bestätigt. Der Gouverneur von Grodno hat angeordnet, dass in dieser Schule nur 50% Juden aufgenommen werden sollen. Die jüdischen Gründer der Anstalt, welche zu deren Errichtung ein Capital von 24.000 Rubel aufgewandt hatten und sich dem Finanzministerium gegenüber verpflichteten, auch fernerhin einen gewissen Percentsatz der Erhaltungskosten auf sich zu nehmen, finden nun, dass bei der erwähnten, gegen die Juden gerichteten Einschränkung clie Schule überhaupt nicht bestehen kann. Die Sache verhält sich nämlich so, dass hier in Bialystok die Zahl der christlichen Kaufleute verhältnismässig sehr gering ist, und wenn sogar angenommen würde, dass christliche Kinder aus allen Ständen die Handelsschule besuchen werden, so würde dennoch auch in diesem Falle die Zahl der Schüler nicht gross genug sein. Daher haben die Gründer der Anstalt an competenter Stelle nachgesucht, die leeren Stellen durch jüdische Schüler besetzen zu dürfen, und es steht zu erwarten, dass ihnen hierzu die Bewilligung ertheilt wird. Amerika. New-York. Am 5. November fand in New-York City die Jahresversammlung der New-Yorker Federation of Zionists statt. Die Rechenschaftsberichte der abtretenden Functionäre wurden genehmigt und die Functionäre für das folgende Jahr gewählt. Zum Zwecke einer strafferen Organisation wurde eine Anzahl kleinerer Gesellschaften vereinigt. Mr. Simon und die jüdische Mission. Der 15. October hat Anspruch darauf, in unseren Kalender als denkwürdiger Tag eingetragen zu werden. Am jüdischen Horizonte ist ein neuer, freilich kein grosser Stern aufgegangen. Mr. Oswald John Siin ön, der nicht länger zu den Antizionisten gezählt werden darf, ist unter die Prediger von der „Jüdischen Mission" gegangen und hat seine Thätigkei.t in diesem neuen Berufe an oben dem 15. October angefangen, au welchem er vor einer theistischen Gemeinde in Piccadilly predigte. Die Theisten sind Leute, die das Christenthum verwerfen, aber nicht nur den Glauben an Gott, sondern auch die Lust an gottesdienstlichen Veranstaltungen beibehalten. Das Experiment ist nicht besonders gelungen, aber Mr. Simon lässt sich nicht so leicht abschrecken und hat einen Saal gemietet, in dem er während der kommenden Wintersaison Gottesdienst halten will. Der Charakter desselben soll jüdisch, die Sprache englisch sein, und „eingeladen werden alle ohne Unterschied des Bekenntnisses". So verkünden es Placale im Londoner Westend. Der Fastend, soll später in die Arbeit genommen werden. Mr. Simon ist offenbar mit viel Math gewappnet, denn er steht ganz allein. Orthodoxe und Reformer hat er gegen sich, den einzigen Mr. Claude G. Montefior n für sich — und den nicht sicher. Als Zionist kann ich nicht umhin, den Mann zu bewundern, der in so entschlossener Weise die Missionstheorie auf die praktische Probe stellt. Wenn ich aber die möglichen Consequenzen bedenke, so muss ich befürchten, dass Mr. Simon das gerade Gegentheil von dem, was er beabsichtigt, bewirken wird. Auf einen Christen, den er für seine Gemeinde gewinnen mag, kommen gewiss neun, die er verletzen muss. Und so wird dieser Mann, der „englischeste" und spirituellste aller englischen Juden, dessen Ideal es ist, die verschiedenen religiösen Richtungen miteinander auszusöhnen, wahrscheinlich nur eine Provocierung des Judenhasses auf sein Gewissen laden. Er und sein Werk treten zu einer äusserst kritischen Zeit auf. Noch niemals ist von hohen kirchlichen Würdenträgern das Ueberläuferthum mit so leidenschaftlichem Wohlwollen belohnt worden, wie eben jetzt. Die Bischöfe gehen nach einem genau überlegten Plane vor, eine umfassende Organisation steht im Dienste der Idee, den Juden die Mission des Christenthums zu predigen. Und nun kommt Mr. Simon mit der jüdischen Mission angerückt, der Friedensstifter, der Kampf säen wird. Von dieser Seite betrachtet, sieht die Sache Mr. Simons nicht ermutigend aus. Auf noch trübere Gedanken kommt man aber, wenn man die Haltung beobachtet, die von gewissen schwindelhaften Hohlköpfen in dieser Frage eingenommen wird. Wir meinen die Leute, die uns Zionisten entgegenhalten, die jüdische Mission sei die vornehmste und wichtigste Aufgabe des Judenthums, während sie sich wohl hüten, Mr. Simon, der doch die gleiche Anschauung in die Praxis umsetzen möchte, Gefolgschaft zu leisten. Sie wissen wohl, warum. Sie sehen genau so gut wie ich und meine zionistischen Gesinnungsgenossen ein, wohin Mr. Simons Thätigkeit führen kann, und dass es um die jüdische Freiheit nicht so bestellt ist, als dass es ein Jude ungestraft wagen dürfte, jüdische Mission zu treiben. Was geschieht aber dann mit dieser viel gerühmten Mission? Sie kann, wie in Mr. Simons Fall, Ausdruck einer ehrlichen persönlichen üeberzeugung, sie kann blosses Agitationsmittel gegen den Zionismus sein, und das ist sie für die theoretischen Anhänger und praktischen Verleugner Mr. Simons. In Ansehung ihrer Wirkungsfähigkeit ist sie aber eine passive Idee, die nichts mit dem jüdischen Leben als solchem zu thun hat und die deshalb eigentlich gar nichts mit der Frage zu thun hat. ob die Juden sich besser assimilieren, in der Zerstreuung bleiben oder sich coneentrieren. Ja, wenn man bedenkt, dass die Annäherung an verschiedene-Umgebungen specifisch-jüdischc Charakteristica des Glaubens und Denkens in dem einzelnen Individuum neutralisiert,.so wird man zugeben, dass es mit der „Musterhaftigkeit“ und der passiven Propaganda der in ihrer heutigen Lage beharrenden Juden schlecht bestellt sei. Nur wo nachahmenswerte Ideale auf breiter .Grundlage von grossen, zusammenhängenden Massen demonstriert werden können, ist von einer Mission überhaupt erst zu reden. Das ist meine zionistische Antwort auf die •Mission; es ist zugleich die Antwort der englischen Juden-

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