Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 46 (17.11.1899)
- Article
- Bolechów / S. N.
- Date
- 1899-11-17
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 46 „Die $ Welt“ Seite v verkauften hiesige Bauern einigen jüdischen Kaufleuten ein Grundstück, das seither im Weile bedeutend gestiegen ist. Die Bauern wurden nun von Leuten aus der sogenannten „Intelligenz“ aufgestachelt — man denke nur: mich 20 Jahren — Eigenthumsansprüche auf das Grundstück geltend zu machen, unter dem lügenhaften Vorwände, sie hätten das Grundstück seinerzeit den Juden bloss v e r pfände t. Da diese ihre Pappenheimer gründlich kennen und sich von Seiten der Bäuerin aller möglichen Eide vor Gericht versahen, waren sie genöthigt, das betreffende Besitzthum, trotzdem es ihr ehrlich erworbenes Eigenthum ist, zu räumen. — Vor einigen Tagen wurden liier auf antisemitische Denunciationen hin einige jüdische Viehhändler, deren Unschuld sich später herausstellte, verhaftet. S. N. Wien. Die vom „Zionistischen Frauen verein“ auf Samstag, den 11. d. M. abends 8 Uhr ins Restaurant Khuner «unberufene erste Winterversammlung war sehr gut besucht Es sprach Frau Dr. K a h n über den 3. Baseler Congress. Das ausgezeichnete Referat gipfelte in dem Wunsche, es möchte der Rednerin am nächsten Congresse Gelegenheit geboten sein, über nennenswerte Fortschritte der zionistischen Bewegung in den Kreisen der Wiener Frauen und Mädchen zu berichten. An den mit grossem Beifall aufgenommenen Vortrag schloss sich der des Herrn Dr. Siegmund W erne r über das jüdische Weib und die jüdischen Renaissance- Bestrebungen, Zu Beginn des Vortrages die Geschichte der jüdischen Frauengestalten, der Bibel besprechend, kam Redner zu dem Schlüsse, es sei die Hauptaufgabe der „Zionistischen Frauen vereine“, das alte, jüdische Familienleben wieder zur Geltung zu bringen, damit unsere Kinder wieder Juden werden, hierin ihren Stolz sehen und die Kenntnis der jüdischen Geschichte auf die gleiche oder richtiger auf eine höhere Stufe stellen wie die der übrigen Völker, weil nur so es möglich sein könne, ein neues, ein jüdisches Geschlecht zu erziehen, das Judenthum wieder neu zu beleben. Wien, 15. November. Die gestrige, im „Hotel Continentala abgehaltene Versammlung der Oesterreichischisraelitischen Union gestaltete sich zu einer zionistischen Demonstration, wie wir sie öfters wünschten. Von Herrn Dr. Ehrmann wurde die Versammlung mit einer kurzen Begrüssung der zahlreich Erschienenen eröffnet. Hierauf gab Herr Redacteur Fleischer ein ausführliches, sachlich gehaltenes Resume der eingeleiteten Abwehr- resp. Rechtsschutz - Action, deren Einzelheiten sich der öffentlichen Mittheilung bis auf weiteres entziehen. Sodann sprach Herr Siegmund Mayer über .,die Lage der Juden in Oesterreich“, wobei er hervorhob, dass der Standpunkt jeder Partei ein anderer sei, und alle nur darin übereinstimmten, dass sie die Juden gleich massig hassen und bekämpfen, weil diese es keinem Recht machen können. Herr Hofrath Kar eis ermahnte zur Einigkeit. Herr Lucian. Brunner sieht alles Heil in der Gründung einer demokratischen Partei. Reichsraths-Abgeoidneter Dr. Strauc h er besprach die empörenden Zustände, die im Parlamente herrschen. Redner tritt warm für den Zionismus ein, der, wenn er auch noch nicht am Ziele halte, so «loch wenigstens dem Indifferentismus zu leibe gerückt sei und das Solidaritätsgefühl unter den Juden wieder geweckt habe. Herr Egon Lederer sagt, dass die Zionisten mit den Ansichten der Herren M a y e r und IS r u n n e r übereinstimmen, aber daraus nicht die gleichen Consequenzen ziehen könnten. Man will uns Juden in keiner Partei und daher müssen wir uns auf den einzig richtigen, den Nationalitätsstandpunkt stellen auf Grund des zionistischen Programm es. In ähnlicher Weise spricht auch Herr D r u b- I owi'cz. Den anwesenden — der Union nicht an gehör! gen — Zionisten war durch Majoritätsvotum die Theilnahme an der Debatte gestattet worden, entgegen dem Wunsche des Vorsitzenden, der dieses nur einigen „in der Oelfentlichkeit stehenden, angesehenen Persönlichkeiten“ zugestehen wollte. B. England. London, 10. November. In dieser Woche wurde in B r a d f o r d im Schosse der hier seit langer Zeit heimischen deutschen Reformgemeinde ein zionistischer Verein gegründet. Er führt den Namen „Montefiore“, und ein M o n t e f i o r e, Sir Francis, steht seiner Gründung nahe. Zwei Männer vor allem sind die Stützen des neuen Vereines, Dr. S trau ss, der unabhängige Rabbiner der Reformgemeinde. und Mr. Moser, der grösste jüdische Kaufmann des englischen Wollhandels. Da auch die Orthodoxen sich dem Vereine angeschlossen haben, so ist factisch fast jeder Bradforder Jude Zionist. Neben Sir Francis halfMr. Greenb erg dem Vereine in den Sattel. — Alle Zionsvereine Englands werden am 26. November (erste Chanuka-Nacht) Versammlungen abhalten. — Die Schekelsammlungen sind in vollem Gange und versprechen ein noch reicheres Ertragnis als im Vorjahre, das die Resultate des Jahres 1897 weit üb er troffen hatte. — Mr. Louis S. Cohen ist zum Bürgermeister von Liverpool erwählt worden. Dieses Amt bringt es mit sich, dass er bei gewissen officiellen Anlässen in der Kirche erscheinen muss. Dagegen ist er fest entschlossen, am Freitag-Abend und Samstag keine Amtsstunden zu halten! Ein ähnlicher Fall begab sich, als der letzte jüdische Lordmayor von London den üblichen Zug durch die Stadt unternahm. Damals verliess der Gewählte, der sonst kein Frommer war, als der Zug das jüdische Viertel erreicht hatte, die Bürgermeister-Kutsche und durchschritt dasselbe hinter dem Wagen zu Fusse! So gross ist in England der Respect vor der Religion, und gerade die Männer der Oeffentlichkeit müssen sich da inacht nehmen. Zur Zeit des Jubiläums veranstaltete die jüdische Gemeinde einen Festgottesdienst. Der jüdische Lordmayor Sir George Fandet Phillips sass neben dem „Parnes“, Lord Rothschild. Als das „God save the Queen“ gesungen wurde, behielt Rothschild, getreu dem Synagogenbrauch, den Hut fest auf dem Kopfe. Der Lordmayor nahm aber den dreieckigen Hut, der zu seiner Amts- 1 rächt gehört, ab, was ihm von der Gemeinde übelgenommen wurde. Ein Witzling meinte damals: „Hut ab vor dem Manne, der den Hut awfbehältP London, 20. Qctober. In einer sehr interessanten Versammlung der letzten Woche sprach der Schatzmeister der English Zionist Association, Mr. J. Cowen, über das Programm, das der zionistischen Thätigkeit der nächsten Zeit zugrunde liegen müsse. Redner erklärte, er habe sich in einer eingehenden Unterredung mit Dr. Nordau gewisse Hauptpunkte zu eigen gemacht. Die Zionisten hätten vor allem ihre Streitkräfte zu organisieren und zur Gewinnung neuer Mitglieder, sowie zur Stärkung des Solidaritätsgefühles unter den bereits gewonnenen Mitgliedern reguläre Versammhingen abzuhalten, Freiconcerte zu geben und Turnwie Sportclubs zu gründen. Die letztere Idee sei bereits in Glasgow verwirklicht worden, wo ein Karlfahrerclub existiere. Wichtig sei ferner die Einrichtung von Lehrcurson. in denen jüdische Geschichte, Literatur lind Sprache gepflegt werden sollten. Die Fähigkeit, hebräisch zu conversieren, sei nicht so schwer zu erlangen. Die Juden müssten mit einer gemeinsamen Sprache, mit genauer Kenntnis der eigenen Geschichte und mit gesunden, starken Leibern den Boden der Heimat wieder betreten. Es sei selbstverständlich, dass dem Religionsunterrichte sein volles Recht werden müsse. Mr. S. C h a i t, der bekannte Essayist, bedauert die assimilatorischen Tendenzen, die in «len englisch-jüdischen Gemeindeschulen die Erziehungsmethode beherrschen. Mr. J. de Haas erklärte sich mit Mr. Cowens Programm einverstanden, macht Mittheilung von demnächst im Eastend zu eröffnenden historischen Lehreursen, erörtert die Aussichten des Concert-Projectes. meint aber, die Hauptschwierigkeit liege in dem Mangel ge- «Mgnetei* Geldfonds. Wäre Geld da, so könnte im Londoner Eastend ein zionistisches Hauptquartier ohnegleichen etabliert werden. Mr. Cowens Ausführungen fanden den lebhaftesten Beifall der von der Bnei Brith einberufenen Versammlung. Russland. Petersburg. Der „Priazowskij Kraj“ meldet: Der Obereommandant des kaukasischen Grenzgebietes, Genera 1a d j utantFürstGalitzyn, machte beim Kriegsminister Vorstellungen, betreffend die Aufhebung der Ausnah m s b e s t i m m u n g e n, die den Juden die Ansiedlung in den kaukasischen Gebieten Ter und Kuban und ihre Freizügigkeit daselbst verbieten. Sein judenfreundliches Auftreten motiviert Fürst Galitzyn mit dem grossen Einflüsse der dortigen Juden auf Handel und Gewerbe im ganzen Kaukasus. Angesichts der Zweifel, die infolge des Ink» all-