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Die Welt · 1899-11-17 · 46 (17.11.1899) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
46 (17.11.1899)
Article
Judensteuern in Russland
Date
1899-11-17
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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„Die H Welt“ Seite 8 Nr. 46 Bierbraueien; 4. 1 °/0 von dem der Glasfabrikanten, Metallgiesser und Viehhändler; 5. 3°/0 von dem Nachlass von Vermögen und 6. für das Tragen jüdischer Kleidung von Männern und Frauen im Alter von 10—60 Jahren und zwar von Kaufleuten ä 5 Rubel, von Bürgern und Handwerkern ä 2 Rubel und für das Käppchentragen ä 5 Rubel. — Hievon werden verwendet: 22.308 Rubel 25 Kop. oder 8'5 Percent zur Tilgung von Staatsschulden für die kleineren Gemeinden, die nicht imstande sind, solche zu zahlen; 247.143 Rubel 13 Kopeken für örtliche Zwecke. Zu letzteren gehören: 1. Verschiedene Staatsgebüren — 40.983 Rubel oder 16*6 Percent; 2. Unterhalt von Gebethäusern — 22*432 Rubel oder 9 Percent; 3. Altenheime, Begräbnisse von Armen etc. 25.722 Rubel oder 14*4 Percent; 4. Unterhalt von Talmud-Thora-Schulen — 12.250 Rubel oder 5 Percent; 5. Medicinische Einrichtungen — 57.105 Rubel oder 23T Percent; 6. sanitäre Vorkehrungen 8810 Rubel oder 3*5 Perc.: 7. Verstärkung der Polizei 56(36 Rubel oder 2 3 Percent; 8. Feuerwehr 14.059 Rubel oder 9*7 Perc.; 5. Badeanstalten 3814 Rubel oder 1*5 Percent und 10. diverse Ausgaben 46*000 Rubel. Da die jüdische Einwohnerschaft des Gouvernements Kiew sich auf etwa 500.000 Seelen beläuft, so hat jeder über 50 Kopeken an Abgaben zu zahlen und fast alles auf indirectem Wege, so dass die Armen am härtesten betroffen werden. Ausserdem haben die Juden des Gouvernements Kiew noch 30.270 Rubel jährlich an Sabbathlichtersteuerzu zahlen. Diese Gelder, auf directem Wege eingehoben, sollten bloss für jüdische Schulzwecke benützt werden. Im hiesigen Gouvernement gibt es aber bloss drei jüdische Schulen,die von diesen Geldern erhalten werden : inBerditschew. Rad omvsl und Swenigorodka. Die „Alliance Israelife Universelle“ hat die Universalerben der Baronin Hirse h auf Auszahlung des Legates von zehn Millionen Francs verklagt, da die Erben die Auszahlung verweigerten. Dieses Legat wurde eigentlich der „Jewish Colonization Association“ vennacht, aber mit der Bestimmung, dass die Zinsen von dieser Gesellschaft an die „Allianz“ zur Erhaltung der jüdischen Schulen im.Orient abzuführen sind. Die Erben haben nun erklärt, dass dieses eine Gesetzesumgehung sei, weshalb sie das Legat nicht auszahlen wollen. Professor Masaryk über den Mord in Polna. Der Prager Professor Masaryk hat bekanntlich eine Broschüre geschrieben, in der er die Revision des Kuttenberger Processes für nothwendig erklärt. Die Broschüre wurde confisciert. Abgeordneter Kronawetter brachte daraufhin im Abgeordnetenhause die Broschüre in einer Interpellation zur Verlesung. Im Nachfolgenden bringen wir einige markante Stellen der Interpellation. Der Mord erfolgte am Wahrscheinlichsten in einer Wohnung und zu einer Zeit, da die Ermordete entkleidet war. Dafür zeugt der Umstand, dass die Leiche nur mit Stiefeletten, Strümpfen und dem Ueberreste eines Hemdes bekleidet war. Von den Haaren heisst es, dass sie „zerzaust“ waren, das bedeutet doch, dass sie schon aufgelöst waren, die Mörder im Walde hätten sich bei der grossen Eile, wi6 darauf hingewiesen wird, nicht mit dem Auflösen der Frisur aufgehalten. Dafür, das der Mord in einer Wohnung verübt wurde, bürgt ein Umstand, für den mir Herr Med.-Univ.-Dr. J. Bulova in Karolinenthal einsteht. Dr. Bulova war gleich mir von dem Umbiegen der' Füsse frappiert und gab mir eine Erklärung durch Uebertragen der Leiche — ich dachte an das Ueberführen derselben. Dr Bulova forschte weiter und stellte an den Kleidern der Getödteten fest, dass das Jäckchen, welches nach der Anklage die Leiche „an beiden Armen über die Ellbogen hinaufgestreift“ hatte, zugeknöpft war. Zogen ihr die eiligen Mörder das Jäckchen aus, knöpften sie es dann zu und streiften es auf die Arme? Und Notabene: Bei aller Eile der frechen und verwegenen Mörder geschah das Zuknöpfen so behutsam, dass auch nicht ein Knöpfchen, nicht ein Knopfloch beschädigt ist, wie mein Zeuge sich überzeugte. Ein zugeknöpftes Jäckchen kann selbstverständlich nicht über die Brust und den Kopf ausgezogen werden! Doktor Bulova theilt noch ein neues Faktum mit: an dem von aussen und innen befleckten Jäckchen wurden einzelne Haare gefunden und ausserdem ein etwa fünf Centimeter langer Haarabschnitt von parallelen Haaren (also von aufgelösten, durch gekämmten Haaren). Herr Dr. Bulova und seine Frau, eine Kennerin von Handarbeitern (sie hatte einmal eine Nähschule), konstatierten, dass das Hemd und seine Bestandteile zerschnitten waren — mit einer Scheere! Eine Scheere im Walde? Die Anklage, die Zeugen und die Aerzte standen offenbar unter der Suggestion eines Ritualmordes. Es wird daher viel von einem Schächtermesser gesprochen, wie wenn der eigentliche Mord damit verübt worden wäre. Wir hören unausgesetzt von einer „Schnittwunde, vom „Schneiden“ und „Unterschneiden des Halses“. Diese Art der Bezeichnung entspricht wohl dem allgemeinen Aberglauben, entspricht aber nicht dem Befunde an der Leiche. Der Agnes Hruza wurde der Hals nicht unterschnitten, sondern sie wurde erstochen : die Wunde an der linken Halsseite wurde durch Stechen und einen gewöhnlichen Schnitt zugefügt. Selbst die Sachverständigen erläutern, dass die Wunde in der Lage mit dem Gesichte zur Erde zugefügt wurde, damit angeblich das Blut ringsum nicht spritze; auch zu dieser Vermuthung passt nur das Erstechen, keineswegs das Unterschneiden. Die Wunde ist nur acht Centimeter lang, das ist kein Unterschneiden. Ausserdem ist die Wunde tiefer, als sie ein Schächtermesser verursachen kann. Ein solches Messer ist ohne Spitze, abgerundet, und kann mit ihm nicht gestochen, sondern nur wagrecht geschnitten, „unterschnitten“ werden. Das Messer, das angeblich Hülsner vor dem Morde bei sich führte und mit welchem laut der Anklage das „Unterschneiden des Halses“ verübt wurde, „hatte keine Spitze“, seine „Spitze war abgerundet“. Ein Schächtermesser wäre überhaupt beim Schneiden auf den Knochen hinter dem Ohr aufgestossen und konnte nicht in die Tiefe bis zum Rückgrat dringen. Die Anklage sieht in der Art des Mordes etwas Heimtückisches, er sei kühn und frech während des hellen Tages auf einem Wege, wo die Leute zu gehen pflegen, verübt worden; er sei ein Meuchelmord von besonderer Grausaumkeit, er sei in Eile, ja sogar in grösster Eile geschehen. Dagegen habe ich aus der Beschreibung des Fundortes und aus den gefundenen Gegenständen den Eindruck, dass der Ort um die Leiche herum mit den der Ermordeten gehörigen Gegenständen direct herausfordernd bestreut worden ist. Nicht nur, dass zur Eile die schon erwähnte Zusammenlegung der Tücher und die Zuknöpfung des Rockes nicht passt, wie wird bei davon eilen den, dabei kühnen und frechen Mördern erklärt, dass sie auf einen Ort den Korb, in einiger Entfernung das Portemonnaie, wieder weiter diese zwei zusammengelegten Tücher u. s. w. gelegt haben? Ritualmörder und schliesslich Mitglieder einer geheimen Beete hätten sich selbstverständlich geh e i m benommen, wenn sie einen bestimmt durchdachten Plan hätten. Aber was für ein Geheimniss sollte da sein, wenn der Ort des angeblichen Ueberfalies von Polna selbst, gut sichtbar ist? Zu einem Geheimnisse und durchdachten Plane passt es auch nicht, dass die angeblichen Mörder, wie es die Anklage beweist, zu dem Orte ihres Verbrechens direct spornstreichs, nota bene durch die Stadt am hellen Tage gelaufen sind, Dr. Masaryk schliesst: Ich habe nicht den ganzen Prozess detaillierter durchgenommen, weil ich dadurch auf mancherlei Personen aufmerksam machen würde, die bei der nöthigen Revision des Prozesses werden verhört und beobachtet werden. Darum habe ich auch einige Vermuthungen nicht angeführt, die der neuen Untersuchung vorgreifen würden. Uebrigens sind in einigen Aussagen Dinge, die zu Zweifeln und zu einer weiteren Nachforschung geradezu herausfordern. Diese Nachforschung und Untersuchung wird sich von der sorgfältigen Analyse der-Facten leiten lassen müssen, von der auch ich mich leiten liess. Dass es aber zur Revision kommen wir d und kommen muss, daran zweifle ich nicht.“ Correspondenzen. Oesterreich-Ungarn. Bolechöw. Die antisemitische Agitation macht hier Riesenfortschritte. In der Schule und von der Kanzel herab wird gegen die Juden gehetzt. Die Parole „Kauft nur bei Juden“ ist ausgegeben und wird von einem grossen Theile der Bevölkerung pünktlich befolgt. Den Juden wird die Existenzmöglichkeit immer mehr eingeschränkt. Vor 20 Jahren

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