Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 46 (17.11.1899)
- Article
- Los von Juda
- Date
- 1899-11-17
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „Die H Welt?* Nr. 46 Fremde verträgt wenigstens die Kritik. Er hat es bewiesen, dass in .ihm eine Fülle lebendiger Gottheit ist. . . . „Deshalb lassen wir willig die Bekenntnisse der Vergangenheit vor uns erklingen. Wir wissen genau, dass es zunächst fremde Bekenntnisse sind, aber indem wir sie hören, bildet sich in uns unser eigenes Bekenntnis. — — -»Wir möchten vom Inhalte nichts verlieren, wenn wir ihn in deutsche Schalen giessen. Das fühlen wir alle, dass im neuen Zeitalter des deutschen Volkes auch die Religionsgedanken der Deutschen sich etwas wandeln werden. Aber wie das geschieht, ist bis heute ein Geheimnis, dessen Schleier keiner von uns heben kann.“ — Dieser gegenwärtigen oder künftigen Wandlung der Religionsgedanken des deutschen Volkes weiter nachzuforschen, kann nicht unsere Sache sein. Uns genügt es, darauf hinzuweisen, dass nun einmal über die Thatsache nicht hinwegzukommen ist, dass im Judenthum die religiösen Anschauungen der heutigen C ul tur Völker wurzeln, und dass aller Bass gegen uns Juden das historische Factum nicht zu tilgen vermag, dass unser Schriftthum eine wesentliche ßildungsquelle auch des deutschen Volkes geworden ist. So sehr man sich dagegen sträuben mag, ungeschehen lässt es sich nicht mehr machen. „Ewig still steht die Vergangenheit.“ Gerade die grössten Söhne des deutschen Volkes, Luther, Goethe und Schiller und viele andere haben den Einfluss, den speciell unsere heilige Schrift auf ihre Geistesentwicklung geübt, laut' bekannt. Wenn wir national gesinnte Juden dankbar anerkennen, wieviel von unserer heutigen Cultur wir den Völkern entlehnt haben, in deren Mitte wir leben, so dürfen wir andererseits mit gerechtem Stolz auf das blicken, was von jüdischem Geiste in den Besitz der gesammten Menschheit übergegangen ist. S. Die Erzählungen des Prinzen Alois Liechtenstein. Als neulich im österreichischen Parlamente der Abgeordnete Schneider den vornehmen, wahrheitsliebenden, erleuchteten und vorurtheilslosen Grafen Julius Andrassy als Kronzeugen für den Rifcualmord citierte, erhob sich Prinz Alois Liechtenstein als Gewährsmann Schneiders und erklärte : „Mir gegenüber hat Graf Andrassy erklärt, dass er selbstverständlich daran glaube, in Tisza-Eszlar sei ein Ritualmord verübt worden.“ Wir haben bereits in wenigen Worten gesagt, wer Graf Andrassy war. Ist es iiöthig zu sagen, wer Schneider ist? Wir glauben nicht. Zur Kennzeichnung des Prinzen Alois Liechtenstein dürfte aber der blosse Hinweis darauf genügen, dass er nicht nur der Gewährsmann, sondern auch der Freund und Gesinnungsgenosse Schneiders ist... . An dem Charakterbilde des edlen ungarischen Staatsmannes Andrassy werden die posthumen Mittheilungen des Prinzen Alois Liechtenstein nichts ändern . . Aber überraschen dürfte es wohl niemanden, wenn Se. Durchlaucht nächstens im Parlamente folgende Erklärungen zum Besten geben würde: „Der verstorbene Professor M e y n e r t hat mir auf meine Frage, was er von der früheren, namentlich bei den Frommen in Schwang gewesenen Theorie halte, wonach die Wahnsinnigen von bösen Geistern besessen seien, die man austreiben müsse, geantwortet: „Natürlich, lieber Prinz, theile ich diese Ansicht. Ganz natürlich. Sie ist die gescheiteste, die ich bisher in der Psychiatrie kennen gelernt haben . . . .“ 11. „Ich habe seinerzeit Gelegenheit genommen, den leider inzwischen verstorbenen Professor H el m h o 11 z zu fragen, wie er sieh zu dem System des Copernicus stelle. Der berühmte Mann erwiderte mir lächelnd: „Selbstverständlich halte ich das ganze System für einen ganz gemeinen Schwindel. Selbstverständlich . .“ . . ■ , , . , , III. , . / f.'} ‘',^.„1 , „Ich habe den leider gleichfalls schon vor längerer Zeit verstorbenen Rechtsgelehrten I h e r i n g einmal über seine Ansicht betreffs der Tortur beim Gerichtsverfahren im Mittelalter gebeten, lhering versicherte mir treuherzig: „Ich schwöre es Ihnen, Durchlaucht, ich schwärme geradezu für dieses Verfahren. Ich finde nämlich, das ist das einzige Processual-Verfahren, bei dem der Angeklagte zum Geständnis zu bringen ist.“ * Da niemand den Prinzen Liechtenstein für nicht wahrheitsliebend halten wird, dürften s e 1 b s t v e r s t ä n d 1 i ch auch diese Erzählungen genau denselben Glauben finden, wie jene, zu deren Helden er den Grafen Andrassy stempelte. Eines. Jüdische Colonialbank. BEKANNTMACHUNG. Im .Aufrage des Directoriums wird zur Kenntnis der Actionäre der „Jewisli Colonial Trust“ (Jüdische (lolonialbank) Limited gebracht, dass die Herren B e n t w i c h, Watkin W 1.11 iams & Gra y, Guildhall Yard, London E. C., welche seit der Gründung dieser Gesellschaft als Rechtsanwälte derselben fungierten, dieses Amt niedergelegt haben, und dass Herr Harry Reginald Lewis, B. A. (5, Old Jewry, London E. C. von nun ab diese Function übernimmt. ' Es wird ferner bekanntgegeben, dass Herr Herbert Be ntwic h, welcher bis jetzt die Stelle eines Londoner Vertreters von im Auslande wohnenden Gouverneuren bekleidete, dieselbe nieder gelegt hat. James II. L o e w e, General-Secretär. * In der Bekanntmachung in Nummer io haben sich zwei Druckfehler eingeschlichen. Die Zahl der Actien ist 2 5 0 015 und nicht 250.01(3, und ferner soll es heissen Zutheilungsbrie f statt „Zahlungsbrief“. Tribüne. Die jüdische Vereinigung „Jordania“, Verein der zionistischen Handelsangestellten und Beamten, .veranstaltet Donnerstag den 23. November a. c. in den Ressource-Sälen, I. Reichsrathstrasse, eine öffentliche Vereinsversammlung mit nachtehender Tagesordnung: 1. Ueber die Bedeutung des Zionismus für die Handelsangestellten. Referent: Herr Alfred Weissberger; 2. Discussion. Gäste aller Parteischattierungen herzlichst willkommen. Beginn 8 Uhr abends. Jüdische Vereinigung „Jordania“. Rob. Schwarz, Wilhelm E p s t e i n, Schriftführer. Vice-Präses. Weltchronik. Aus dem immunen Lande. Am Budapester Polytechnicum kam es am jüngsten Samstag, wie die ungarischen Blätter berichten, zu stürmischen Seenen zwischen jüdischen und antisemitischen Hörern. Eine Gruppe von Technikern, Mitglieder einer ausgesprochen antisemitischen Studentenverbindung, beschimpfte einige jüdische Coli egen, was sich diese natürlich nicht ruhig gefallen Hessen. Eine allgemeine Rauferei' war die Folge. Der Rector musste intervenieren, um die streitenden Parteien zu trennen. Zwölf „Forderungen“, fast durchweg von jüdischer Seite, sind infolge dieser Scenen erfolgt, doch ist es sehr wahrscheinlich, dass die antisemitischen Hörer ihren jüdischen Uollegen— nach bekanntem Muster-— Satisfaction verweigern Werden. Preisstiftüng; Wie russische Blätter melden, hat der bekannte Ödessäer Wohlthater W. Wissot-zky in der kaiserlichen Bank zu Moskau ein Capital von 5000 Rubel