Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 46 (17.11.1899)
- Article
- [Ohne Titel] / Rosenberger, Erwin
- Date
- 1899-11-17
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 46 „Die H Welt“ Seite 5 und die an geklagten Herrschaften benehmen sich vor dem Staatsgerichtshofe so ungeniert, als wären sie unter Polizeibewachung im Fort Chabrol. Liebe alte Bekannte sind es. die da als Angeklagte und Zeugen in den Hochverrathsprocess verwickelt sind. D e r o u 1 e d e, R o c h e f o r t. G u e r i n, die G y p, General lloget. Drumont, und viele andere vertraute Physignomien. Das öffentliche Leben Frankreichs besteht jetzt ausschliesslich aus Gerichtsverhandlungen. Man pflegt die verschiedenen Zeitalter, um die ohnehin complieierten Geschichtsdaten noch mehr zu verwirren, mit gewissen Attributen zu versehen. So spricht man von einem „Zeitalter der Erfindungen", von einem „Zeitalter des Dampfes" u. s. w. Nach diesem Muster könnte man sagen : Frankreich befindet sich jetzt in der „Aera der Untersuchungshäftlinge“. Wenn man nicht von Zeit zu Zeit etwas über französische Processe lesen könnte, so vergässe man vielleicht sehr bald, dass jenseits der Vogesen eine grosse Nation wohnt. Da cler Hauptinhalt moderner französischer Geschichte in Criminalaffairen besteht, so wäre es beispielsweise den französischen Blättern zu empfehlen, dass sie an die Stelle des Leitartikels die bei weitem bedeutendere Gerichtssaalrubrik dauernd verlegen; Frankreich ist ja auf dem besten Wege, einer neuen Classeneintheilung der Bürger zum Durchbruch zu verhelfen: 1. Die bereits Abgestraften, und zwar: a) die unschuldig Verurtheilten; b) die zu Recht Abgestraften: 2. die Sitzenden; 3. die noch nicht Abgestraften; 4. die in contumaciam verurtheilten Flüchtlinge. Als Parteioberhaupt der letzten Glasse hätte E steril a z y zu gelten. * 2 * Die drangvollen Zeiten haben es also doch bewirkt, dass die von vielen Juden empfohlene „Pflege der hebräischen Sprache und Geschichte“ thatsächlich in weiteren Kreisen Anklang findet. Ja, ja, die drangvollen Zeiten! Freilich sind das keineswegs jüdische Kreise. Denn wenn auch der Antisemit Schneider letzthin im österreichischen Reichsrathe ein klangvolles, fliessendes Hebräisch sprach, so ist er gleichwohl nicht einmal soviel Jude, wie irgendein tadellos getaufter Jude, der kein Wörtchen Hebräisch kann. Ein neuerlicher Beweis, dass nicht die Sprache die Rassenzugehörigkeit bestimmt. — Schneider wird sich übrigens durch sein hebräisches Auftreten die Gunst vieler jüdischer Antisemiten, die ihrem Gesinnungsgenossen bisher sehr zugethan waren, verscherzt haben. £ . i- * Es wird jetzt viel vom Weituntergang gesprochen. Aber die Zeiten sind vorüber, wo das Volk solche Gerüchte bereitwillig geglaubt hat. Mit Respect kann man es sagen : Das Volk ist heutzutage gebildet. Wie gebildet das Volk ist, lässt sich daraus ersehen, dass auf Grund des Weltunterganggerüchtes, keine ausgedehnteren Judenexcesse entsanden sind. Denn man muss doch annehmen, dass das Volk, wenn anders es nur halbwegs den Weltuntergang erwartet hätte, sofort über die Juden hergefallen wäre und ihnen Hab und Gut geraubt hätte, um die letzten paar Stunden noch in dulci jubilo zu verbringen. Erschlagen hätte das Volk die Juden nicht — in Anbetracht des tröstlichen Umstandes, das alles Jüdische ohnehin baldigst durch den Weltuntergang zugrunde gehen würde. — Da all diese Ereignisse nicht eingetreten sind, so kann man mit gutem Gewissen das Wort verpfänden, dass das Volk an den Weltuntergang nicht geglaubt hat. Und im Grunde genommen: Wozu braucht denn das gebildete Volk erst den Vorwand des Weltunterganges? Es weiss sich, wie die Judenexcesse in Böhmen und Mähren beweisen, auch ohne solche astronomische Anlässe zu helfen. — Die Anlässe sind nicht astronomisch, sondern — wenn man die ritualmörderische Speisekarte der Juden in Betracht zieht — gastronomisch. Erwin Rosenberger. „Los von Juda“. Wie erinnerlich, wurde auf dem Parteitage der Deutsch-socialen Reformpartei in Hamburg ein Sturmlauf gegen unsere Bibel, das „Alte Testament", unternommeil und die Ausscheidung derselben aus dem christlichen Religionsunterrichte „zur Befreiung deutsch - christlichen Geisteslebens vom jüdischen Einflüsse“ gefordert. Dass bei dieser Gelegenheit die ehrwürdigen Gestalten unserer heiligen Schrift in der rohesten, gemeinsten Weise beschimpft wurden, kann uns nicht überraschen. Aber trotzdem von dem Referenten auf die „Uebereinstiminung mit ernst denkenden Theologen“ hin gewiesen wurde, musste schliesslich aus Rücksicht auf die schweren Anfeindungen, die man sich aus den Kreisen zuziehen würde, die das Alte Testament als göttliche Offenbarung auffassen, die bezügliche These zurückgezogen werden. Offenbar in Beziehung zu dieser „Los von Juda“- Bewegung steht ein Artikel, den der Führer der deutschen „National - Socialen“, Pastor Naumann, in seinem Organ „Die Hilfe“, und zwar in Nummer 42 des laufenden Jahrganges, veröffentlicht. Der Artikel ist betitelt: „Deutsches Christenthum“ und trägt als Motto die Worte des Apostels Paulus: „Warum zwingst Du denn die Heiden, jüdisch zu leben?“ Wir wollen die wichtigsten Sätze dieses Artikels hier reproducieren. „ Warum haben wir Deutschen keine deutsche Religion? Können wir nicht Gott in unseren Wäldern haben, in unseren Flüssen, in den Wellen der Nordsee und Ostsee, in unseren Helden und deutschen Propheten? Wozu wollen wir uns Offenbarung borgen, da wir doch von Offenbarung des Lebens umgeben sind? Auf, lasst uns die Bücher verbrennen, die uns die fremde Religion bringen! Wie werden wir aufathmen, wenn naturwüchsig, unverdorben durch Judenthum, Griechenthum, Römerthum nur deutscher Glaube uns beseelt! „Es sei so, wie wir gesagt haben! — —-— — „Wir haben den Bann der Vergangenheit abgeschüttelt und wollen nur den Gott um uns und in uns suchen. Was sage ich? „Gott“ wollen wir suchen. Ist es möglich, dieses Wort noch zu sprechen, wenn wir die Geschichte Gottes verbrannt haben? Das, was die alten Deutschen Gott nannten, che die Missionäre zu ihnen kamen, passt nicht für uns. Wir wissen zuviel von der Natur, um an die alten Wald-, Wind- und Wolkengötter zu glauben. Das, worauf wir trauen und bauen, muss grösser sein. Es kann nicht bloss aus dem Wechsel von Wärme und Kälte, Sommer und Winter, aus alten Pflanzen und vergrößerten Stammesführern bestehen. Es findet sich kein Zusammenhang zwischen den versunkenen Gottheiten der alten Germanen und uns. „Nichts also ist in unseren Händen, woran wir glauben können, nachdem der griechisch-römische Jesus aus Palästina verbrannt ist. Ohne seine Geschichte sind wir leer und haben ein Gefühl des Vertrocknens. Ihn können wir auch schwer ganz verlassen, da er zu tief in die Köpfe unserer Vorfahren eingeprägt 'wurde. Soviel Arbeit ist nie vergeblich. Kr soll bleiben! Wir nahmen ihn aus seiner Zeit heraus und vergessen den Zwischenraum, der zwischen ihm und uns liegt. Ihn statten wir aus mit allem, was wir Deutsche für hoch, edel, tapfer und treu halten. So entsteht ein neuer „Heiland“, ein nationaler Heiland, der zwar schwarze Haare hat, aber blaue Augen und ein. deutsches Herz. „Was ist nun mit diesem deutschen Heiland gewonnen? Er verträgt keine historische Kritik, denn er ist nicht geschichtlich. Ihn hat es nie gegeben. Der deutsche Wahrheitssinn sträubt sich gegen diesen „deutschen Jesus“ und verlangt brennend nach dem wenigen, was wir von dem wirklichen, orientalischen Jesus wissen. Dieser Jesus aus der