Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 45 (10.11.1899)
- Article
- Der Talmudbauer
- Date
- 1899-11-10
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 45 „Die Welt“ Seite 15 ihn fliessen. Bis gegen Mittag hatte er mehr als die Hälfte der ihm zugewiesenen Fläche bearbeitet. Das Unkraut lag in hohen Haufen auf dem Wege. Der Knecht, der ihn in seine Rotte aufgenommen hatte, schmunzelte. Unten vor der Küche wusch er sich die Hände, wie’s geboten ist, aber auch das Haupt und das Gesicht kühlte er beim Brunnen. Und er dankte inbrünstig seinem Schöpfer, der das Waschen befohlen hat. Für zwei Piaster bekam er ein kräftiges Mittagbrot. Chajim meinte, er hätte nie vorher gewusst, welch ein Genuss im Essen liege. Die Brust hob sich ihm freudig bei jedem Bissen, die Augen glänzten lebhaft; denn bei jedem Brocken, der seinen Magen füllte und den Körper kräftigte, empfand er zugleich jene hohe Genugthuung, die uns die Arbeit und die Selbständigkeit verleiht. Gewöhnlich wurde das Gebet nach Tisch leise und rasch gesprochen, aber Chajim in seiner Herzensfreude begann laut: ,-Meine Herren, wir wollen den Segen sprechen/4 — „Der Name Gottes sei gelobt von jetzt bis in alle Zeit,44 respondierten die Arbeiter, und jubelnd erklangen die Stimmen: „Gelobt sei Gott, chr uns die Nahrung gegeben hat. Er gibt Brot allem Fleische. Ewig währt seine Gnade.44 Und über die jubelnden Stimmen hinaus jauchzte nun Chajim den zweiten Abschnitt des Gebetes. Täglich hatte er ihn recitiert, aber heute erst verstand er ihn. „Wir danken Dir, Gott, unser Herr, dass Du unseren Vätern ein gutes, schönes Land zum Besitze und Erbe gegeben hast, dass Du uns aus dem Lande Mizraim geführt hast, uns Deine Gotteslehre offenbart hast.44 Jeder Satz, jedes Wort war ihm eine geheime Mahnung, hatte eine tiefe Beziehung zu seinem Leben. „Mache uns frei, Herr, von allen Sorgen und Nöthen, dass wir der Menschen Gaben nicht benöthigen, dass wir uns nicht zu schämen haben, nie und nimmer bis ans Ende.44 Eine Weile lang sassen alle erschüttert von der Kraft und Innigkeit, die der Jüngling in seine Worte gelegt hatte, dann erhob man sich, ordnete sich wieder in Reihen und Herr Eisenstein, der Gärtner, stimmte ein Lied an. Er wollte keine allzu feierliche Stimmung auf kommen lassen, ein frisches Jargonlied war es, das gesungen wurde. „Jud, Jud, Jud, Muth, Muth, Muth! Nimmer schleppst Du schwere Binkel, Schacherst nicht im dunklen Winkel, Fröhlich sich ernährt. Wem das Land gehört. Jud, Jud, Jud, Muth, Muth, Muth! Niemand kann das Licht Dir rauben, Sonne reift Dir schwere Trauben. Ei, wie gut und fein Schmeckt der Juden wein! Am nächsten Morgen erwachte Chajim aus ein ein tiefen, erquickenden Schlafe. Vor dem Fenster hörte er Stimmengeräusch. Die Arbeiter versammelten sich bereits, um in die Weingärten zu marschieren. Rasch legte er die Philakterien um, sprach eilig das „Schema64 und das Achtzehn-Gebet, eilte zur Küche, frühstückte und lief, die restlichen Gebete murmelnd, dem Truppe nach. Mit der Harke in der Hand betete er noch immer, was er dem lieben Gotte schuldig geblieben war. Sein Herz war beschwert. Die Arbeit und die Gottesgebote, sie schienen sich doch nicht gar so leicht vereinen zu lassen. So kam der Freitag heran. Chajim hatte zwar tapfer ausgehalten bei der Arbeit, aber sein Körper war doch von Tag zu Tag schwächer geworden. Am Nachmittag des Freitags unterbrach man frühzeitig die Arbeit, der Sabbath wurde eingeleitet. Das war wieder ein neues Gefühl für ihn, diese herannahende Ruhe, dieses stille ln sich versinken. Das Gefühl der Weihe hatte an keinem Sabbathvorabend seinem Herzen gefehlt, aber heute verstand er es auch, was die Ruhe bedeutet, die dem Knechte, der Magd, ja sogar dem lieben Vieh am siebenten Tage geboten ist. Wie gütig vom Allmächtigen, (lass er, der doch keine Müdigkeit kennt, am siebenten Tage vom Schöpfungswerke ruhte, um seinem Volke ein Beispiel zu geben. Am Sabbath, da fand er sich wieder zurück zu sich selbst, er dachte der Eltern, und auch sein Wissen kam zur vollen Geltung. Mit Herrn’,Eisenstein, dem Gärtner, mit dem Lehrer und auch mit dem Administrator konnte er von Thora und Talmud sprechen. Da war er beschlagen, und alle anerkannten sein tiefes Wissen und seine glatte Art, frei von Sophistik und Rabulistik. Am meisten aber bewunderte ihn der Waisenknabe aus Rumänien, der ihm nicht von der Seite wich. Man hatte ihn bei einer Familie untergebracht, die ihn im Hause beschäftigte; er musste Holz spalten, Wasser tragen, die Kinder warten; er aber jammerte immer: „Ich will ein Arbeiter werden, wie Sie, Reh Chajim, und ein „Lerner44 dazu.44 Auch der „Australier44, wie sein Reisegenosse genannt wurde, folgte ihm gerne und lauschte seinen Worten. Das grösste Glück aber verschaffte ihm sein Oberknecht. Als er nämlich eine grosse Auseinandersetzung mit dem Gärtner beendet hatte, in der er Sieger geblieben war — es war vor dem Bethause unter einem hohen Eucalyptus — da trat er auf ihn zu, klopfte ihm auf die Schulter und rief: „Und wenn Sie noch so viel Talmud können, aus Ihnen wird doch ein guter Colonist!44 Alles lachte. Und Schönberger meinte: „Na, wann die bei uns in Oesterreich an Idee hätten, dass es solchene Bauern gibt, wie wir da mit an and', do möchten schau’n!44 Ihm, der nur wenig von Bibel und Talmud wusste, kam alles so fremdartig, fast komisch vor. Besonders aber kränkte ihn, dass der Talmud seinen Coneurrenten mit dem schönen Grundstück der Witwe Bondikoff bevorzuge. Er eiferte sehr heftig gegen diese Bestimmung und ergieng sich in geheimnisvollen Andeutungen über Mittel und Wege, den alten Herrn vom Talmud ein Schnippchen zu schlagen. Am Sabbathausgang sollte nämlich clie entscheidende Sitzung des Waad stattfinden. (Fortsetzung folgt.) Für Geburts- oder Namenstage, Hochzeiten, Jubiläen empfehle meine bekannt vorzüglichen lebensgrossen Porträts in gediegenster und garantiert genauester Ausführung sammt elegantem Rahmen in Crayon a fl. 8.50, in Platin ä fl. 15.—, Oelporträts von fl. 17.— aufwärts Ludwig Klepetar, Prag, Zeltnergasse 20 neu. Gegen Erkühlung des Kopfes empfehle : Nachtmützen weiss oder schwarz II. 20—30 kr. Garn-Nachtmützen weiss oder schwarz, hocliprima 60 kr. Reinwoll-Nachtmützen weiss oder schwarz fl. 1.25. Seiden-Nacht mutzen weiss oder schwarz, hoch prima fl. 1.20—2.50. Schneehauben, Reinwolle, fl. 1.45—2.10. 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