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Die Welt · 1899-11-10 · 45 (10.11.1899) · p. 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
45 (10.11.1899)
Article
Echt jüdisch
Date
1899-11-10
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seite 14 Nr. 45 „Die A Welt“ mich anwandte, dann musste ich seine Richtigkeit zugebon. War meine Angst vor dern „Echt jüdisch“ nicht geradezu aus einem dumpfen Schuldgefühl entstanden, das an irgend einer Stelle meiner Seele schlummerte? Und war das augenblickliche Zurückweichen vor diesem Worte nicht wie Gewissensbisse? Gewissensbisse über irgend eine dunkle That, die meinem (Gedächtnisse entschwunden war und mir nur das Gefühl von sich zurückgelassen hatte. Ich weiss heute, dass dieses Schuldgefühl wirklich in mir existierte. Unter der Schwelle des Bewusstseins war es vorhanden, und ich spürte seine Regungen, so oft mich der Vorwurf: «echt jüdisch!“ traf. Ich meine nicht, so oft mir der Vorwurf gemacht wurde. Er traf mich immer, auf wen sonst er sich auch beziehen mochte. Das ist übrigens nur natürlich, denn man meint ja alle Juden, wenn man eine Niedrigkeit oder eine Lächerlichkeit „echt jüdisch“ nennt. Auch jetzt noch, da ich längst keine Anklage gegen das Jüdische ungeprüft aufnehme, gebe ich es zu: der Mann, der von dem „Schuldgefühl der jüdischen Rasse“ sprach, hatte recht. Unrecht war es nur, dass er, wie ich mich entsinne, so triumphierend davon gesprochen hat. Dieses Schuldgefühl beweist absolut nicht das, was er dadurch erwiesen haben wollte — die Schuld. Die Juden 1 iahen ein ausgesprochenes Schuldgefühl, aber nicht etwa, weil sie den Heiland gekreuzigt haben, noch weil ihre Inzucht oder sonst angebliche Vergehen gegen die Menschheit ihr Gcwi-sen bedrücken. Das Schuldgefühl haben die Juden erst in späten Jahrhunderten erworben; es ist dasselbe Schuldgefühl, das man in jedem erzeugen kann. Wenn ein Kind von klein auf geprügelt wird wegen aller erdenklichen Fehler, die inan ihm zuschiebt, wenn es fort uncl fort gescholten wird um Laster, die es haben soll, dann wird es doch endlich scheu, unsicher in sich selbst und erschreckbar werden, und ohne dass es jene Fehler und Laster wirklich bosässe, wird es doch von all den Vorwürfen und Anklagen das Gefühl der Felder und der Laster bekommen. Nun, man hat uns gescholten und geprügelt genug, man hat uns beschuldigt, angeklagt und misshandelt, verspottet und lächerlich gemacht. Das ist so gründlich geschehen, so von allen Seiten, so andauernd — ja, wir müssten wirklich noch z^hntausendmal frecher sein, als man uns nennt, wenn wir nicht endlich zu glauben angefangen hätten, dass diese Anklagen doch berechtigte, dass diese Prügel verdiente seien, und so ist uns seit Jahrhunderten das Schuldgefühl eingebläut worden, auf das mein Anthropologe so stolz verweist. Dieses Schuldgefühl ist das Resultat nicht der Verbrechen, die wir begangen haben, aber der Strafen, die wir erleiden mussten. Wofür? Die ganze Geschichte lehrt, dass es die Jucdn in diesem Punkte ausserordentlich bequem hatten. Sie brauchten sich nicht mit Uebeltha'en abzugeben, man verlangte gar nicht von ihnen, dass sie sich mit allerlei Verbrechen bemühen sollten, das besorgten andere mit liebenswürdiger Gefälligkeit für sie — sie hatten nichis zu thnn. rein nichts, als die Strafe zu empfangen. Mein Gewährsmann, dessen Name mir constant nicht einfäiit, will schon in der Bibel Spuren dieses Schuldgefühles entdeckt haben. Ich bin ihm dankbar für diese Lüge, denn sie hat mir zum Rechten geholfen. Er gieng bis auf die Bibel zurück,;um zu beweisen, dass das Schuldgefühl „.echt jüdisch“ sei. Ich bin ihm nachgegangen und habe dort nichts von dem „Schuldgefühl der Rasse-“"bemerkt. Im Ge'gentlieile, ich habe gefunden, dass; e$. eint Unsinn sei, dergleichen zu behaupten; ein Unsinn oder eine directe Fälschung. Was man in der Bibel fihdet, ist vielmehr ein Hochgefühl der Rasse, beinahe Chauvinismus. Man ist in der Bibel stolz auf sein Judenthum. Die Verheissungon vom auserwählten Volk lassen ein Schuldgefühl wahrlich nicht aufkommen. Die Zerknirschungen, die man etwa bei Propheten oder bei schlechtgelaunten Psalmisten gelegentlich antrifft, stammen aus allgemein menschlichen Sündhaftigkeiten, aus dem Bewusstsein der eigenen Kleinheit vor Gotttes Grosse, der eigenen Schwäche vor Gottes Allmacht. Nun ist mir der Name jenes Mannes plötzlhh eingefallen, aber da ich ihn so blossgestellt habe, kann ich ihn wohl nicht mehr nennen. Schliesslich bin ich ihm ja verpflichtet. Er hat mir durch sein dreistes Anklagen viel geholfen, denn ich habe mich geprüft — ich erkläre mich für unschuldig und spüre kein Schuldgefühl mehr. Mit diesen Fragen wird man gründlich fertig, wenn man ihnen einmal nachgeht, und ich möchte es allen Juden, die jetzt vor dem Jüdischen davonrennen, dringend empfehlen, sich zunächst mit ihrem Schuldgefühle ruhig auseinanderzuselzen. Wenn man sich hernach exculpiert hat, tritt man dem Schreckensworte: „Echt jüdisch“ leichten Herzens entgegen. Wollen wir es einmal genau besehen? Und wollen wir es einmal ganz auseinanderlegen, ich meine : in alle seine Bestandteile auflösen? Du lieber Gott! Was wird aus den Dingen, wenn man sie in der Nähe betrachtet. Dieses gefürchtete „Echt jüdisch“ ist wie ein grosser Koffer, da hinein die ganze Menschheit ihre schmutzige Wäsche gepackt hat. Echt jüdisch sind krumme Beine, echt jüdisch ist die Feigheit, der Schmutz, der Geiz, die Wucherei, die Geldgier, die Verschwendung, die Protzerei, die Zudringlichkeit, der beschränkte Fanatismus, Rachsucht, Gemeinheit, Inferiorität, Grausamkeit u. v. a. in. Das könnte man nun alles hübsch beisammen liegen lassen und namens einer kosmopolitischen Duselei gegen ein „Echt Jüdisches“ oder sonst ein „Echt“ protestieren. Allein ich habe in neuerer Zeit eine völlig andere Auffassung vom „Echt Jüdischen“ erhalten. Da muss denn der alte Krempel ausgeräumt werden, der in dern Worte steckt, damit man es wieder gebrauchen kann. Sehen wir uns also die Eigenschaften an, die man seit Jahrhunderten übereingekommen ist, „echt jüdische“ zu nennen, und beginnen wir bei den krummen Beinen und bei der Feigheit. F. S—n. Der Talmudbauer. (Aus dem Leben der Juden in Palästina.) Von H. York-Steiner. (Fortsetzung.) Chajim wunderte mit den Kindern und mit dem feingebildeten Lehrer, einem weisshaarigen Herrn, der aus Rumänien hierhergezogen war. Die Unterrichtssprache war Hebräisch. Chajim kannte selbstverständlicherweise die Sprache seiner Väter und der heiligen Bücher, aber hier sprach man sie sephardisch, mit dem Nachdrücke auf der letzten Silbe, es klang fast wie arabisch. Aber sein Ohr und seine Zunge gewöhnten sich bald an diese fremdartige Aussprache, da er sie oft in Jerusalem von den orientalischen und spaniolischen Juden gehört hatte. Er lernte mit den Kindern, wusste bald die Namen der Pflanzen, er lernte das Githier kennen und hörte vieles über die Bearbeitung des Bodens Am nächsten Tage, da Ständer in Reih’ und Glied auf iKm Felde, mit der Harke in der Hand; es galt, das hoch aufgeschossene Unkraut auszujäten, um freie Bahn zu schaffen für die Weinlese, die in den nächsten Tagen beginnen konnte. Er sollte sein Th eil von der Olivenallee am Fahrwege bis zur hohen Cactusliecke zum Abende rein he-' kommen Dafür waren ihm zehn Piaster ausgesetzt. Das war denn doch eine schwierigere Arbeit als Mörtel tragen. Die Sonne brannte heiss auf seinen .Rücken, der Schweiss rann ihm über das Gesicht. Erst wischte er ihn ab, dann liess er

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