Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 45 (10.11.1899)
- Article
- Der Zionismus und die Presse [Kommentar]
- Date
- 1899-11-10
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 45 „Die H Welt44 Seite 13 Das von unserem wackeren Gesinnungsgenossen Herrn W. Schur in Chicago herausgegebene vortreffliche hebräische Wochenblatt, dass sich bisher „Hapisgah“ (Die Anhöhe) nannte, erscheint seit dein Ende v. M. unter dem neuen Titel „Hatechijah“ (Die Wiedergeburt). Wir empfehlen diesesunser Bruderorgan, das nach wie vor echt zionistische Gesinnung pflegt, dev Aufmerksamkeit und Förderung unseres Leserkreises.- Das Novemberheft der von Dr. Kur rein in Teplitz herausgegebenen „Jüdischen Chronik“ weist folgenden Inhalt auf: Monatsschau: Grosse Protestversammlung in Prag. — Synagoge und Rumpelkammer. Von Dr. Adolf Kurrein. — Das Todesurtheil auf Grund von Indicien. Von Dr. J. J. Unger. — Der synagogale Gottesdienst. Dargestellt von Dr. M. H. Friedländer. — Rabbi Isaac Kampanton, oder der Religionsstreit in Spanien unter dem Papste Benedict XI! 1. Eine Erzählung von Josef Löwenstein. — Feuilleton: Ein allegorisches Märchen. Von Marcel Weismann. — Jüdische Weltchronik. — Recensionen. Die letzte Nummer der in Paris erscheinenden „Revue des Revues“ enthält eine interessante Studie über die neuheb r ä i s c h e Literatur aus der Feder des Herrn A. Ludvipol. Der Verfasser zeichnet in grossen Zügen die Etappen dieser eigenartigen Literatur seit ihrem ersten Auftreten zu Beginn dieses Jahrhunderts und gibt zum Schlüsse eine interessante Aufzählung der aus dieser Literatur emporgewachsenen Zeitschriften. Bücherwelt. J. Jampolski: „Der Zionismus“. Eine genaue Erklärung der Ziele des Zionismus etc. Klein-Octav, 90Seiten. Preis 40 kr. Drohobycz 1899. (Jargon.) Der Verfasser dieser Jargon-Broschüre hat sich die Aufgabe gestellt, das Misstrauen, das verschiedene Schichten der galizischen Judenhelt noch gegen den Zionismus hegen, zu zerstreuen. Diese Aufgabe hat er mit grosser Geschicklichkeit gelöst, denn die Broschüre ist in der That sehr geeignet, die Bedenken dieser Kreise, die in den meisten Fällen nur auf die Unkenntnis des wahren Wesens des Zionismus zurückzuführen sind, zu verscheuchen. Jenen unserer galizischen Gesinnungsgenossen, die unsere Idee namentlich in orthodoxen Kreisen propagieren wollen, dürfte die in leichtfasslicher Sprache geschriebene und mit zahlreichen Citaten aus Talmud und Midrasch belegte Broschüre gute Dienste leisten. j. z. bzH Eine Sammlung von Zionsliedern. Herausgegeben von der Bialystoker zionistischen Jugend. Warschau 1899. Diese Liedersammlung enthält eine Auswahl der besten hebräischen Zionslieder, darunter Lieder von Gordon, Massel, Imb er etc., die sich sämmtlich zum Vortrage bei zionistischen Feiern und Festabenden eignen. Auch eine ausgezeichnete hebräische Uebertragung des bekannten Dr. FelcTschen Liedes „Dort wo die Ceder“ findet sich in dieser Sammlung vor, die anlässlich der herannahenden Makkabäerfeiern eine erhöhte Actualität erhält. j. z. „Echt jüdisch“ Bekenntn i s s e. I. Das Leben, das ich bisher führte, die Handlungen, die ich begieng, und mehr noch diejenigen, die ich nicht begieng, erlauben es mir, dass ich mich für einen leidlich guten Menschen halte. Natürlich habe ich eine Menge Fehler, aber da ich' mein Thun und Lassen niemals als etwas absolut Richtiges ansehe, bin ich besserungsfähig. In der That habe ich auch schon manche schlimme Gewohnheit abgelegt. Ueberhaupt finde ich, dass eine gewisse innere Unsicherheit, ein gelegentliches Zweifeln an sich selbst die Entwicklung fördert. Doch kann man dadurch auch gehemmt und aus dem Gleichgewichte gebracht werden. Ich für meinen Theil habe unter dem Worte: „Echt jüdisch!" viel gelitten. Ich habe diesen Ausdruck in der Schule, als Kind schon gehört, ich habe ihn in vielen Büchern gelesen, er kam mir später in Zeitungen oft genug zu Gesichte und hat mich immer erschreckt. Alle möglichen Eigenschaften, Eigenheiten, Tbaten und Aussprüche fand ich so bezeichnet und suchte stets in mir selbst, ob sich nicht auch hoi mir Spuren von dem zeigten, was man „echt jüdisch“ nennt. Ich war sehr geängstigt, denn es schien mir, dass ich wohl alle meine sonstigen Fehler abzulegen imstande sei, nur die echt jüdischen nicht. Dieses echt Jüdische war mir ausserhalb menschlicher Gewalt, ein Gebrechen, ein Abzeichen, das mir die Natur gegeben, ein Schicksal, . dem man nicht zu entrinnen vermag. Jahrelang war ich vor diesem Worte auf der Flucht, jahrelang war cs hinter mir her und stöberte mich überall auf,, wo ich gerade ein bissehen Ruhe gemessen wollte. Von dieser Jagd ist auch heute noch, da ich dem Gele ge jenes Wortes längst entsprungen und in eine freiere Menschlichkeit entkommen bin, soviel Wachsamkeit in mir, dass sieh in diesem Angern blicke, in dem ich all das niederschreibe, die alte Stimme in mir vernehmen lässt und mir, weil ich ln diesen Zeilen ein wenig von meiner unwichtigen Person rede, spöttisch zuflüstert: „Echt jüdisch!“ Allein, ich bin nicht der einzige, den dieses Wort querfeldein gejagt hat. Auf meiner Flucht hatte ich viele Genossen, d-e alle in heller Angst davonrannten, und sich hinter das Buschwerk fremder Arten und fremder Eigenschaften zu verbergen suchten. Ich weiss nicht, wieviele sich gleich mir gerettet haben, ich erinnere mich nur, dass wir oft, ein ganzes Rudel Wild, hinter so einer Deckung beisammen hockten, bis man uns wieder aufscheuchte. Nicht ohne Beschämung denke ich daran, wo wir uns überall verborgen hielten. Wir sassen hinter dem Dialect und ahmten alle Laute des landesüblichen Idioms nach, damit man uns nicht erkenne, wir steckten uns hinter die nachlässige Pschütl- Sprache der Vornehmen und hofften da Sicherheit zu linden. Wir haben die Wacht am Rhein gesungen, Begeisterung in der Stimme, Angst im Herzen, wir haben getrunken und getrunken, und wenn uns übel davon ward, dachten wir, es sei der Jude in uns, der sich gegen den Alkohol sträubte, und dann tranken wir noch mehr. — Ich bin froh, dass ich aus diesen Revieren entwischt bin; aber wenn ich heute so viele meiner Brüder vor diesem Worte und vor sich selbst retirieren sehe, dann kenne ich wenigstens alle ihre Schlupfwinkel und dann lächle ich im Stillen. Meine Rettung begann, als ich mich eines Tages umwandte und dem fürchterlichen Worte ins Gesicht sah. Was ist das eigentlich — „Echt jüdisch?“ . . . Ich war im besten Zug und erholte mich .rasch. Vielleicht wird man sagen, ich hätte aus der Noth eine Tugend gemacht. Derselbe Gedanke befiel auch mich und unterbrach meine Ueberlcgungen. Ich war ganz erschrocken, und alles schien umsonst. Doch, ist nicht jegliche Rasse eine Noth? Unter Umständen kann man es auch als Malheur empfinden, ein Deutscher, ein Franzose oder sonst etwas zu sein. Da sich alle Rassen untereinander, befehden, schmähen sie sich auch gegenseitig; von diesen Schmähungen befreit man sich überall durch das einfache Verfahren, das allen erlaubt ist, nur den Juden nicht. Wollten die Juden so primitiv verfahren, man würde sie auslachen, und sie würden sich untereinander selbst verspotten. Es bleibt also nichts übrig, als die Wahrheit zu sagen. In späteren Tagen, als ich mich von jener Phiaso schon emancipiert hatte, machte mir ein Ausspruch, den ich irgendwo las, viel Kopfzerbrechen. Es war von dem „Schuldgefühl“ die Rede, das die jüdische Rasse in sich haben soll. Im ersten Augenblicke schien mir die Wahrheit jenes Satzes frappant. Wenn ich ihn auf