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Die Welt · 1899-11-10 · 45 (10.11.1899) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
45 (10.11.1899)
Article
Lemberg
Date
1899-11-10
Page
10 (sequence 1)
Language
German
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Seite 10 „Pie Welt“ Nr* 45 der Einweihung des hiesigen jüdischen Gemeindehauses gesagt, im Beisein des Bürgermeisters Dr. Malachowsky. Und was der Dr. Byk, sei es als Cultuspräsident, sei es als Reichsrathsabgeordneter, in deutscher oder polnischer Sprache verkündet, das steht bekanntlich unumstösslich fest. So weiss alle Welt, seitdem Herr Dr. B y k es vor einigen Jahren im Reichsrathe ausgesprochen hat, dass es bei „uns“, in Galizien, keinen Antisemitismus gibt. Beweis: das Wohlbefinden und die ungetrübte Esslust des Dr. Byk. Fernerer Beweis: Die Theilnahme des Bürgermeisters Dr. Malachowsky an dem jüdischen Gemeindefestessen in Lemberg, wobei es dem Dr. Byk gegönnt war, dem Poriz — „wir“ sind unter uns — mit einem tönenden „Mah jufiss“ aufzuwarten. Was ficht „uns“ Chodorow und S c h o dn i c a und Boryslaw und die K ö 1 k a R o 1 n i c z e an, wenn „wir“ mit einem Poriz zusammen tafeln oder mit Schnapphansky im Club fraternisieren und Tarock spielen können! „Wir“ gravitieren also nicht nach Zion, wo es in absehbarer Zeit keinen Polenclub, ja nicht einmal einen Parade-Goi zur Theilnahme an Kahalschmausereien geben dürfte. Denn „unser“ Sinnen und Trachten ist (bis hinauf zu unserer Küche) ausschliesslich polnisch.— sagt der Dr. Byk,... AL N. Lemberg. Die Schüler der Jesuiten-Golleglen in Polen, aus deren Alitte die Elite der polnischen Gesellschaft während dreier Jahrhunderte hervorgegangen ist, hatten die liebe Gewohnheit, sehr oft ein bisschen „Demonstration“ gegen die Juden zu machen. Dabei wurde gewöhnlich gemordet und geplündert nach Herzenslust, bis die Juden sich zusaimnenthaten und einen sogenannten „Kozubalec“ (Loskauf) zugunsten der „Demonstranten“ (vel: PJünderer) erlegten. Derartige „Demonstrationen“ waren Usus in allen polnischen Städten, wo nur ein Jesuiten-Collegium vorhanden war. Diese Landesplage nannte der jüdische Volksmund „Schülergeläufe“ und die „Pinaxe“ (Gemeindebücher) sind voll haarsträubender Erzählungen, wie die „Scholaren“ die Judenstadt belagerten, bombadierten, gegen die Mauer Sturm liefen, bis sie endlich erlag; und die gottgelahrten Schüler hausten in den Judenhäusern wie wilde Bestien: eine Anzahl getödteter und schweiverwundeter Juden war dann gewöhnlich das Facit. Hie und da „hatte der liebe Gott Erbarmen mit seinem Volke Israel“, die Scholaren Hessen sich durch die Intervention des Rector Magnificus besänftigen, gaben sich mit einem „KozubaLec“ zufrieden, unterdessen die Belagerung und kehrten zu ihren Studien zurück. In unserem Jahrhundert haben die „Schülergeläufe“ ganz aufgehört, die Institution derselben schien sogar schon in Vergessenheit geratheii zu sein, bis sie die Studenten der Alma mater in Krakau unlägst ins Leben zurückriefen. Die zukünftigen Spitzen und Stützen der polnischen Gesellschaft verspürten die Lust zum Spectakelmachen wie ihre Vorgänger, die Veranstalter der „Schülergeläufe“ vel Juden - massaeres, und benützten die Gelegenheit, dass die Krakauer Reichsraths-Abgeordneten Weigel und Sokotowski die Interpellation Byk-Rnpoport in Angel* genheit der Polnaer Mordaffaire mitunterfertigt haben. Es ist zwar für einen modernen Studenten nicht mehr schicklich, bei Mord und Plünderungen persönlich zu intervenieren. Er hat es aber auch heutzutage nicht mehr nöfchig, selbst zu wirken, er muss nur eine tüchtige Hetzrede halten können, und es finden sich schon dann genug Hände zur „Arbeit“ ... Die modernen Epigonen der Jesuitenzöglinge vom XVI.. XVII. und XVI1L Jahrhundert, die antisemitischen Studenten in Krakau, haben gegen die Mitunterfertigung der Interpellation Byk-Rapoport durch die Krakauer Abgeordneten Weigel und Sokolowski auf einer ad hoc einberufenen Versammlung unter Donner und Blitz auf die Juden protestiert. Und was ist die Ursache dieses Protestes? Glauben diese jungen Herrchen, dass die Agnes Hruza wirklich zu rituellen Zwecken abgeschlachtet wurde, und der übelbeleumdete, schwachköpfige Schustei junge Leopold Plilsner sei der Auserkorene von ganz Israel zu dieser Mission gewesen? — Beim besten Willen ist es unmöglich, zu glauben, dass die Krakauer akademische Jugend so tief steht, derartige Märchen zu glauben. Die modernen- Epigonen der Jesuitenzöglinge von der guten alten Zeit glauben aber,;da«s die Mitglieder des Polenclubs, welche die Interpellation Byk-Rapoport unterfertigt haben, von der „Alliance Isra61Ite“ honoriert wurden, wie es ihnen die antisemitischen Pressbanditen ein re den wollen.; Gustav Bader. Dolina. Bei der vierten Generalversammlung unseres Vereines „Bnei Zion“, welche am 27. September 1899 stattfand, wurden Herr Elias Ehrlich zum Präsidenten, Herr LeibLittwak zum Vicepräsidenten, die Herren'Meyer W e i n r e b, Oser Aleisels zu Secretären und die Herren Simon Weinreb, Salomon Spritz, David Dem er er und Eissig H a 1 p e r n in den Ausschuss, sowie M. W eitz n e r. H. T. D i a m a n d und S. Schulmann zu Ersatzmännern gewählt. Deutschland. Hamburg. (Zionistische Ortsgruppe Hamburg- Altona.) In der am Abend des IG. v. M. stattgehabten Versammlung der Ortsgruppe ertheilte der Vorsitzende Herr Dr. med. L. Franck nach Verlesung des Protokolls dem Delegierten zum 3. Baseler Gongress, Herrn Gustav G. Cohen, das Wort zur Berichterstattung. In seinem Vortrage schilderte der Redner zuerst die Eindrücke, welche das gastliche, den Zionisten schon heimisch gewordene Basel, das Zusammentreffen mit alten Freunden, die Congressräume, endlich die Verhandlungen selbst auf den Theilnehmer machten. Fühlte man sich auf dem ersten Gongresse zu Anfang gewissermassen noch in einer neuen Welt, in Ungewissheit und Zweifeln — so schwand das alles rasch, als man näher miteinander bekannt und überrascht wurde durch die so vielfach hervortretende hohe Intelligenz und glänzende Rednergabe, vor allem, als es sich zeigU, dass sich in dem Zionismus das Zaubermittel fand, die schroffsten Gegensätze in religiöser Anschaung zu herrlichem Zusammenwirken zu vereinen. Es folgte dann eine kurze Skizze der Fortschritte, welche die Bewegung seit dem letzten Gongresse in den verschiedenen europäischen Ländern und in anderen Weltiheilen gemacht, ferner ein Bericht über die Congress-Verhandlungen, wobei einige der markantesten Stellen aus den Reden der Herren Dr.Herzl, Nordau und Gasterveriesen wurden. Der Redner wies zum Schlüsse darauf hin, wie es sich vorläufig noch vor allem darum handeln müsse, über die Ziele des Zionismus, denen gegenüber noch so viel Unkenntnis und Vorurtheil bestehen, aufzuklären und dahin zu streben, dass die Idee in immer weiteren Kreisen Wurzel fasse. An den Vortrag schloss sich eine Discussion über die beste Art und Weise, die Propaganda am hiesigen Platze, an dem das Interesse leider noch immer ein sehr lahmes, wirksamer zu gestalten. Es wurde beschlossen, vorläufiig mit Discussions-Abenden, zu denen selbstverständlich auch Gegner Zutritt haben sollten, zu beginnen und dann später eine grössere Versammlung zu veranstalten. Gegen 101/* Uhr wurde die Versammlung, an welcher auch Nichtmitgliedar theilgenommen halten, geschlossen. Amerika. Philadelphia. Am 8. October fand hier die Sitzung der Federation der amerikanischen Zionisten vereine statt. Unter anderem wurde über folgende Anträge berathschlagt: I. Antrag Schur, betreffend die Schaffung einer Verkaufsstelle palästinensischer Producte für die Vereinigten Staaten: 2. Antrag W i s e, betreffend die Gründung eines zionistischen Publieationsorganes für Amerika; 3. Antrag Shenfe 1 d, betreffend die Districts-Eintheilung behufs Erleichterung der Propaganda. Es wurde der Beschluss gefasst, an sämmtliche jüdischen Blätter Amerikas mit der Bitte heran zutreten, der Federation zwei Spalten für zionistische Mittheilungen zur Verfügung zu stellen. Herr Rev. St. S. W i s e wurde zum Redacteur dieser Mittheilungen ernannt und es steht zu erwarten, dass die jüdische Presse Amerikas diesem Ansuchen der Federation,, der sich bislang 135 zionistische Vereine Amerikas angeschlossen haben; willfahren wird. Ferner wurde beschlossen, eine Jargon-Ausgabe des Protokolls des III. Baseler Gongresses zu veranstalten und dieselbe gratis zu vertheilen. — Die nächste Sitzung des Federation findet im Jänner 1-900 in New-York statt.

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