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Die Welt · 1899-11-10 · 45 (10.11.1899) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
45 (10.11.1899)
Article
Der zionistische Verein "Haschachar" in Bielitz versendet folgenden Aufruf
Date
1899-11-10
Page
7 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 45 „Die H Welt“ Seite 7 Der zionistische Verein „Haschachar" in Bielitz versendet folgenden Aufruf: Der zionistische Verein „Haschachar", der nunmehr in das dritte Vereinsjahr tritt, geht an die Gründung einer Bibliothek. Trotz der Schwierigkeiten, denen er begegnete, hat er sich aufrechterhalten. Die Kraft hierzu schöpfte er aus dem hohen Ziele: das verelendete jüdische Volk aus seiner schmachvollen Lage zu befreien. Seit nahezu 2000 Jahren ist das jüdische Volk Gegenstand der wüthendsten Verfolgungen und der giftigsten Anschuldigungen, seit nahezu 2000 Jahren ist das jüdische Volk gezwungen, sich zu Vßrtheidigen. In dieser, seine geistigen und physischen Kräfte aufzehrenden Verteidigung verlor ein grosser Theil der Juden, die Juden des Westens, da sie sich der Assimilation in die Hände warfen, den Zusammenhang mit der Geschichte und Literatur ihres Volkes, und so konnte in den Nachkommen dieser Assimilationssüchtigen in Unkenntnis der einstigen Grösse des jüdischen Volkes der Gedanke auf kommen, dass das jüdische Volk, dessen Psyche jetzt am Staube klebt, mit Recht verachtens- und daher nicht rettenswert sei. Vor der Rückkehr der Juden in das Judenland wollen wir ihre Rückkehr zum Judenthum. Ein Mittel zur Erreichung dieses Zieles soll die Schaffung einer Bibliothek bieten, die vorwiegend Bücher, welche jüdische Fragen betreffen. umfassen, jedoch andere Bücher allgemeinen Inhalts nicht ausschliossen soll. Der „Haschachar" eröffnet auch mit 1. November d. J. zwei Curse für hebräische Sprache und Geschichte und Literatur der Juden, welche ebenfalls die Anschaffung zahlreicher Bücher erforderlich machen. Alle diese Anschaffungen aus eigenen Mitteln zu bestreiten, ist jedoch der Verein nicht in der Lage. Darum wenden wir uns an Sie mit der dringlichen Bitte, unser Streben, eine Biblothek zu schaffen, durch Bücherspenden zu fördern, wodurch weiteren Kreisen die ihnen nicht oder nur schwer zugängliche Kenntnis der Geschichte und Literatur der Juden ermöglicht werden soll. Sie werden sich ihren Dank erwerben! Insbesondere die Herren Autoren werden ersucht, ihre Werke dem Vereine zukommen zu lassen. (Adresse: Zionistischer Verein „Haschachar“, Bielitz, Kaiserhof.) Herr Emil K ronberge r, M. C., Graz, Annagasse 16, ersucht im Namen seiner Gruppe, die mit der Herausgabe eines Sammelbuches über christliche Freunde des Zionismus beschäftigt ist, alle Gesinnungsgenossen, die Interviews und Mittheilungen, den Zionismus betreffend, von hervorragenden Christen sich verschaffen können, im Interesse einer möglichst vollständigen Uebersieht, ihm solche zu diesem Zwecke freundl. zu überlassen. Wir ersuchen sämmtliche jüdische Schriftsteller, uns je ein Exemplar ihrer Werke (sowohl bereits erschienene, als auch neu erscheinende) für unsere Bibliothek zu reservieren. Besten Dank im voraus. Verein „Jung-Zio n", Basel. Weltchronik. Ein weltberühmter Gast hat kürzlich in Berlin geweilt, der Augustinerpater Pius Mortara, der gegenwärtig einem Krakauer Kloster angehört und auf einer Rundreise nach Deutschland begriffen ist, um Almosen zu sammeln für die Klöster seines Ordens in England, die dort eifrig an der Bekehrung der protestantischen Hochkirchler arbeiten. Mortara erschien, wie die „Germania" berichtet, in der Sitzung des Katholischen Gesellenvereins, wo er von dem Präses, Curatus Schwär z, mit einigen über seine Berühmtheit orientierenden Worten eingeführt und vorgestellt wurde. Pater M o r t a r a hielt dann selbst einen Vortrag über England und die dortigen kirchlichen Zustände und knüpfte an den Vortrag einige Mittheilungen über seine Person und Ge-chichte. Die „Germania" berichtet hierüber: „Von jüdischen Eltern 1852 in Bologna geboren, wurde der kleine Mortara durch eine christliche Dienstmagd, da er in den letzten Zügen zu liegen schien, getauft. Wider Erwarten genas er aber und wurde bis zu seinem sechsten Lebensjahre in der jüdischen Religion erzogen. Durch einen Zufall kam die Nothtaufe zu Ohren verschiedener Personen, von denen es das damalige Staatsoberhaupt, Pius IX., hörte. Dieser befahl, den Knaben in der katholischen Religion zu erziehen. Aus diesem Umstande wurde in der Folge eine Haupt- und Staatsaction, ähnlich wie aus dem Dreyfus- Schwindel, gemacht." So der charakteristische Bericht der „Germ." über einen Fall, der seinerzeit in der ganzen Welt ungeheures Aufsehen hervorrief. Die „Germ." scheint die brutale Vergewaltigung der Eltern, denen man durch päpstliche Sbirren das eigene Kind aus dem Hause holen Hess, heute noch vollkommen in der Ordnung zu finden. Vor vierzig Jahren bereits, als der Untergang des Staates schon unvermeidlich war, bezeichnete der grösste katholische Theologe Deutschlands, D öllinger, in seinem Buch über den Kirchenstaat den Fall Mortara als einen Vorgang, der schwerer ins Gewicht falle, als eine verlorene oder gewonnene Schlacht. Eine Erklärung. Herr S. Lublinski ersucht uns um Aufnahme folgender Erklärung: Der Zionismus hat sich zur Aufgabe gestellt, solchen Juden, die sich in ihren Geburtsländern nicht assimilieren können oder wollen, eine Öffentlich-rechtliche Heimstätte zu verschaffen. Ich glaubte lange Zeit, zu diesen Juden zu gehören. Bis ich dann erkannte, dass mir meine deutsche Erziehung tiefer, als ich ahnte, im Blute lag, so dass ich, unabhängig von meinem Wollen, thatsächlich assimiliert bin. Das bedaure ich in mancher Hinsicht. Denn Staatsbürger zweiter Classe zu sein, gehört nicht zu den Annehmlichkeiten des Daseins. Schon darum, weil er unsere Nachkommen über solche Conflicte hinwegheben wird, ist der Zionismus zu begrüssen. S. L u b 1 i n s k i. Eine Affaire nach der „Affaire“. Viel Aufsehen hat in Bar le Duc ein Duell gemacht, das kürzlich zwischen zwei Offfeieren der dortigen Garnison stattfand. Der Lieutenant O 1 i v i e r war, weil ihn seine Kameraden im Verdachte hatten, Dreyfusard zu sein, von denselben acht Monate lang gemieden , förmlich gesellschaftlich boycottiert worden. Endlich hatte er einen Zusammenstoss mit dem Lieutenant Oh er ne, forderte denselben, und man verabredete ein Pistolenduell. O 1 i v i e r setzte sich einfach der Kugel seines Gegners aus, während er selbst in die Luft feuerte. Als nach mehrmaligem Kugelwechsel die Secund an teil die Affaire für beendet erklärten, verweigerte der Lieutenant Oh er ne den üblichen Versöhnungshändedruck. O 1 i v i e r ist Jude und die ganze Affaire ein Beweis dafür, wie weit der Antisemitismus in der französischen Armee schon vorgedrungen ist. Inspicierung einer russisch-jüdischen Schule. Der neu ernannte Schulinspector des Wilnaer Unterrichtsbezirkes, Geheimrath W. A. Popow besuchte unlängst das jüdische Lehrerseminar. Nachdem er sämmtliche Classen, den Betsaal, die Directionskanzlei, das physikalische Cabinet, sowie den Speisesaal und die Küche des mit der Anstalt verbundenen Internates einer eingehenden Besichtigung unterzogen hatte, drückte er dem Rector des Seminars seine vollste Zufriedenheit und seine Anerkennung ob des Gesehenen aus. Eine Feuersbrunst, die dieser Tage in Kiew wüthete, äscherte viele, meistentheils von Juden bewohnte Häuser gänzlich ein. Zahlreiche jüdische Handwerker, Kleinhändler und Fuhrleute sind infolge des Brandes zu Bettlern geworden. Das Odessaer Local-Comite des „Vereines zur Verbreitung der Bildung unter den Juden Russlands" veranstaltet im kommenden Winter eine Reihe von literarisch-wissenschaftlichen Vorträgen. Hervorragende russisch-jüdische Gelehrte und Schriftsteller haben ihre Mitwirkung an dieser Veranstaltung zugesagt, u. a. die Herren M. G. M ar g u li s, S. M. D u b n o w, A. J. G i n s b e r g, S. M. Abramovicz und J. L. Sacher. Ausserdem dürfte auch die pädagogische Commission, die in der letzten Generalversammlung

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