Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 45 (10.11.1899)
- Article
- Jüdische Handelsangestellte und Arbeiter!
- Date
- 1899-11-10
- Page
- 6 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 6 „Die Welt!* Nr. 45 Tribüne. Jüdische Handelsangestellte und Arbeiter! Immer offener und schärfer, immer gefährlicher und verderblicher wird das Wüthen des Antisemitismus. Es gibt keinen unter Euch, der das nicht täglich sieht, keinen, der es nicht zu fühlen bekommt. Jüdische Handelsangestellte und Arbeiter, sie sind diejenigen, die physisch und seelisch dem Judenhass am meisten ausgeliefert; sind. — Nicht nur ihre jüdischen, ihre Menschenrechte, ihr' Stück Brot müssen sie dem Antisemitismus gegenüber verth ei di gen. Jüdische Handelsangestellte und Arbeiter! Jeder von Euch ist heute schon so weit, dass er weiss: Die jüdischen Angestellten und Arbeiter leiden nicht allein, weil sie wirtschaftlich schwächlich sind, sie leiden in erster Linie, weil sie Juden sind. Nicht dem Angestellten, dem Juden sperrt man den Eingang zu den öffentlichen Unternehmungen, nicht den Arbeiter, den jüdischen Arbeiter stösst der jüdische und nicht jüdische Fabriksherr und Gewerbsmann zurück. Nicht das Fach, nicht die Arbeit —der Jude wird b o y c o 11 i e r t. Nun denn, Ihr jüdischen Handelsangestellten und Arbeiter, wenn Ihr als Juden angegriffen, wenn Ihr als Juden getroffen werdet, so vertheidigt Euch auch als Juden. Nichts ist logischer, nichts ist ehrenvoller, nichts ist klüger. Heraus, jüdische Angestellte und Arbeiter, aus Eurer Lethargie, heraus aus den Parteien, die Euch fremd sind, aus Vereinen, die Eure eigentlicheNotb, dieJudennoth, nicht kennen wollen! Als jüdische Angestellte schliesset Euch zusammen, organisiert Euch als Juden, zur Abwehr der wirtschaftlichen und antisemitischen Gefahr. Eine nicht unbedeutende Zahl jüdischer Handlungsgehilfen und Arbeiter Oesterreichs hat bereits durch die Gründung von Vereinen eine solche Organisation angebahnt. Alle diese Vereine haben den Beschluss gefasst, zur einheitlichen Vertretung der Interessen der jüdischen Handlungsgehilfen und Arbeiter sich zu organisieren. Auf dem I. jüdischen Handlungsgehiifentag Oesterreichs am 6. und /. August 1899 in Brünn wurde die Gründung eines Verbandes der jüdischen Handlungsgehilfen und Arbeiter Oesterreichs beschlossen. Die folgende General-Resolution enthält in grossen Zügen die Zwecke des Verbandes. Der Verband wird die jüdischen Handelsangestellten und Arbeiter in den Stand* setzen, in allen wirtschaftlichen Fragen einig vorzugehen und durch die Zahl seiner Mitglieder den Wünsch(‘ii und Forderungen der jüdischen Handelsangestellten und Arbeiter jenen Nachdruck zu verleihen, der ihnen bisher in so fühlbarem Masse gefehlt hat. Die Gründung eines Pressorgans, die in Kürze erfolgen wird, soll die Zwecke der wirtschaftlichen Organisation und der Vertretung der Beruf sinteressen auf das Nachdrücklichste fördern. Sein besonderes Augenmerk aber wird der Verband der Stellenvermittlung für jüdische Handelsangestellte und Arbeiter und der Versicherung Conditionsloser zuwenden. In dieser Hinsicht ist schon heute ein allgemein zugängliches Institut geschaffen, das weit verzweigt ist und bedeutende Erfolge aufweisen kann. Nicht nur den materiellen, auch den geistigen Interessen dient der Verband. Wo immer es thunlich ist, werden Lesehallen, Bibliotheken und unentgeltliche Lehrcurse nach dem Muster der bereits bestehenden, ins Leben gerufen werden, die den Handelsangestellten und Arbeitern Gelegenheit geben, Anregung, Ausbildung und nach der Mühe des Tages ein geselliges Heim zu finden. Der Versuch der Organisation, der bisher in kleinem Massstab gemacht wurde, hat sich glänzend bewährt. Es ist kein Zweifel, dass eine Gesammtorganisation, wie sie der Verband der jüdischen Handelsangestellten Oesterreichs darstellen soll, in allen wirtschaftlichen und jüdischen Fragen eine ungemein erspriessliche Thätigkeit wird entfalten können. Dazu aber, jüdische Handelsangestellte lind Arbeiter Oesterreichs, ist Eure Unterstützung nothwendig. Von Tag zu Tag wird die Noth grösser. Es nützt nicht, über die traurige Zeit zu klagen und müssig dreinzuschauen. Wer sich damit begnügt, der begeht ein Unrecht an sich, eine Sünde an seinen Berufsgenossen, ein Verbrechen an seinem Volke. Es nützt nicht, fremdnationalen Parteien nachzurennen und sie um Hilfe anzuwinseln. Ebensowenig hilft es Euch, wenn Ihr Euch an Parteien anschliesst, die Euch wohl wirtschaftlich helfen wollen, die aber vergessen und vergessen müssen, dass Ihr Juden seid. Der jüdische Handel sangestellte und Arbeiter, der verständigen Auges die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse betrachtet, der sich noch etwas Liebe zu unserem jüdischen Vo1ke bewahrt hat und dessen Noth mitlindeni will, der jüdische Handelsangestellte und Arbeiter, der sich sein Sebstbewusstsein, seine Ehre erhalten möchte, der in dem sc h w eren K a m p f als wirtschaftlich Schwächerer und als Jude zugleich brüderliche Unterstützung und Kräftigung sucht, muss dem „Verbände der jüdischen Handelsangestellten Oesterreichs1’ beitreten! Das Execntiv-Comite des Verbandes der jüdischen Handelsangestellten Oesterreichs, Brünn. General-Resolution, gefasst am I. jüdischen Handlungsgehilfen tage in Brünn, am 0. und 7. August (1. El ul) 1899. In Erwägung, dass die Ursache der Judennoth nur die Minorität der Juden unter den Völkern ist; in weiterer Erwägung, dass der jüdische Handlungsgehilfe — wie der jüdische Arbeiter überhaupt — weit mehr unter dein Drucke der Judennoth, als der wirtschaftlichen Noth leidet, erklärt der Handlungsgehilfen tag: I. Dass es keine andere Erlösung aus der Judennoth gibt, als die Verwirklichung des politischen Zionismus, d. h. die Gründung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte im Lande unserer Ahnen, wo es den Juden ermöglicht ist, eine Majorität bilden zu können. Der Handlungsgehiifentag gibt daher zu dem am I. Baseler Gongresse geschaffenen Programme der Zionisten seine Zustimmung. Da jedoch der Zionismus lediglich eine Abhilfe der Judennoth ist, er also mit der inneren Politik der respectiven Länder nichts zu schaffen hat, erklärt der Handlungsgehilfentag des weiteren die politische Ueberzeugung eines jeden Zionisten als Privatsache, empfiehlt aber aus taktischen Gründen — angesichts der gesellscahftlichen Verhältnisse in Oesterreich — dass die zionistischen Handlungsgehilfen in wirtschaftlichen sowohl als auch in politischen Angelegenheiten nur diejenigen Parteirichtungen unterstützen mögen, welche bereit sind, auch die jüdischen Arbeiterinteressen als solche energisch in Schutz zu nehmen. In fernerer Erwägung des Umstandes, dass die Nothwendigkeit der energischen Vertretung ihrer wirtschaftlichen Interessen für die jüdischen Handlungsgehilfen eine nicht mindere Wichtigkeit hat als für die arischen, und in weiterer Erwägung der Thatsache, dass die wirtschaftlichen Interessen der jüdischen Handlungsgehilfen in vielen Fällen — wie zum Beispiel in Bezug auf Stellenvermittlung etc. — nicht die gleichen sind, als die der arischen Handlungsgehilfen, erklärt der Handlungsgehilfen tag: II. Dass es nothwendig sei, dass die jüdischen Handlungsgehilfen sich gemeinschaftlich organisieren, um so — durch vereinte Kraft -- im Kampfe gegen den antisemitischen Boycott Stellung zu nehmen, weiters durch gegenseitige und nach den Principien der Humanität geleitete Stellenvermittlungen die Judennoth — wenn auch nur theihveise — zu lindern, und endlich durch Gründung einer unabhängigen und für die Interessen der jüdischen Handlungsgehilfenschaft stets mit der nothwendigen Energie und Entschiedenheit ein tretenden Presse ihre wirtschaftlichen und nationalen Interessen zu fördern. Der I. jüdische Handlungsgehilfentag fordert daher sämmtliehe jüdischen Handlungsgehilfen Oesterreichs aut', für die Kräftigung der heute beschlossenen Organisation zu agitieren und dort, wo jüdische Handlungsgehilfen vorhanden sind, dieselben möglichst gewerkschaftlich zu organisieren. * * Spenden zur Gründung der Parteipresse und der S t e 11 e n v er mi 111 un g s abth eilung nimmt der bevollmächtigte Delegierte Max Hicklau f dem von der Organisation ausgestellten Sammelbogen entgegen. * * (Jüdische Zeitungen werden um Nachdruck gebeten.)