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Die Welt · 1899-11-10 · 45 (10.11.1899) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
45 (10.11.1899)
Article
Abgeblitzt
Date
1899-11-10
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 45 Seite 5 „Die H Wett“ brachen, plünderten, stahlen und sengten, haben die „Arbeiter“ ein grosses Kontingent gestellt. Und was thaten die socialdemokratischen Deputierten im Abgeordnetenhause? Sie hatten Worte der innigsten Theilnahme für die Witwen und Waisen derer, welche inmitten ihrer brutalen Orgien ihr Leben Hessen, weil die hartbedrängten Hüter des Gesetzes, um sich ihrer Haut zu wehren, Salven abgeben mussten; sie hatten jedoch kein einziges Wort des Mitleids für die armen, wie ein Wild gehetzten Juden, welche nicht in Frieden leben können, weil es dem bösen Nachbar nicht gefällt. Die Daszynski, Berner u. a. sprachen so, als ob die Juden nur eitel Luft wären. Was sollen wir nun beginnen, wir einsamen, verlassenen Juden, die wir auf uns selbst gestellt sind? Machen wir aus der Noth eine Tugend! Tragen wir stolz unsere Vereinsamung und Verlassenheit und rufen wir unsere nationalen Erinnerungen in uns wach! Sie reden von der Menschheit, die grossen Weisen mit dem Einmaleins. Doch haben wir es satt, das leere Stroh, aus welchem die Spreu der schalen Phrasen fliegt. Das allgemein Menschliche, die Menschheit! Ihr gegenüber sind wir viel zu klein. Der Mensch und also auch der Jude braucht ein Volk, um sich in ihm zu fühlen. Zu diesem Volke, als dessen Glieder wir uns fühlen und fühlen können, führt uns einzig und allein der Zionismus hinüber. Wie richtig sagt doch Kaiser Hadrian in Vrchlicky’s gewaltiger Dichtung „Bar-Kochb a“: „Ein Mensch nur sein — ein wahres Wunder war das! Wo findest Du den und wann erwacht in uns er? Nun sprach er, schläft dann wieder, und es werden Sarmate, Römer, Jude, Gallier, Grieche Von neuem aus ihm sprechen, wie sie sind.“ Wenn die ganze Welt die Juden in die Schranken ordert, was bleibt ihnen übrig, als sie selbst zu sein, Juden und nichts anderes als Juden? Sir Francis Montefiore über die Colonialbank. Bir min g h a m, 26. October. Vom hiesigen zionistischen Vereine war auf letzten Sonntag abends aus Anlass der Anwesenheit der englischen Mitglieder des Actions-Comites eine grosse Versammlung in die Räume der jüdischen Schule, Singer Hall, einberufen worden. Saal und Corridor waren zum Erdrücken voll. Die fremden Gäste, Sir Francis Montefiore, Herbert Bentwich, J. Cowen, J. de Haas, Massel und Morris wurden enthusiastisch begmsst, ebenso die hiesigen Notabilitäten, Rev. G. J. Emanuel, Henry Davis, L i o n e 1 Spiers, Levy u. a. In der Eröffnungsrede versicherte Mr. Davis, dass die Birminghamer Zionisten voll und ganz auf dem Boden des Baseler Programm es ständen und zu den Führern,vor allem zu Doctor T li e o d o r He r z 1, das unumschränkteste V ertrauen hätten. Die zionistischen Juden Englands, obgleich in freiheitlichen Verhältnissen lebend, haben doch nur einen Wunsch, und dieser lasse sich in dem Worte zusammenfassen, das Gott dem jüdischen Volke beim Auszuge aus der ägyptischen Sklaverei zugerufen: Vorwärts! Unter dröhnendem Beifalle bestieg sodann Sir Francis Montefiore die Tribüne. „Alles, was mit. dem Zionismus zusammenhängt“, so begann nach einigen Dankesworten für den wohlwollenden Empfang der Redner, „muss das höchste Interesse erwecken. Aber das Feld ist ein so grosses, dass es kaum möglich erscheint, inl Verlaufe eines einzigen Abends alle Seiten einer eingehenden Besprechung zu unterziehen. Ich will daher von den verschiedenen Hauptfragen nur einige besprechen. Zunächst die Colonialbank. Ich glaube nicht, dass selbst der grösste Optimist unser Zeitalter als das goldene bezeichnen wird; aber es ist dennoch ein „Zeitalter des Goldes.“ Niemals gab es eine Zeit, in der man zu grossen Zwecken des Goldes mehr benöthigte als in der unsrigen. Und wie Ihnen bekannt, ist ja der Zweck der Bank die Ausführung des zionistischen Programmes. Deshalb aber ersuche ich alle — und ernstlich bitte ich darum — die Bank mit allen Kräften zu unterstützen. Wir wissen es ja leider nur zu gut, dass unsere Gegner alles aufbieten, um dieses Unternehmen zu untergraben, und dass sie vor keinem Mittel zurückschrecken, um ihren Zweck zu erreichen. Alle möglichen Schmierschriften werden veröffentlicht. Da ist z. B. die Behauptung, die Bank werde zweifelsohne tausende armer Glaubensgenossen ruinieren. Ich frage im Namen des gesunden Menschenverstandes: Kann es wohl eine absurdere Behauptung geben? Denn: In erster Linie kosten die Shares nur ein Pfund Sterling, und dann ist es doch eine Gesellschaft, deren Haftpflicht genau begrenzt ist, so dass, selbst wenn die Antizionisten recht behalten sollten, niemand mehr verlieren kann als er eingezahlt hat. Entstammte die Ansicht unserer Gegner lauteren Motiven, diese Sorge um das Wohl unserer armen Brüder wäre wahrhaft rührend! Aber, meine Herren und Damen, ich bitte Sie, lassen Sie sich durch diese absurden Voraussagungen unserer Gegner keinen Schrecken einjagen. Die Bank wird in der von ihren Gründern gewollten Weise und nach kaufmännischen Principien geleitet und Sie werden beobachten können, dass es der Hauptzweck der Bank nicht ist, wie eine Gold machende Maschine zu wirken. Es ist aber meine ehrliche Ueberzeugung. dass die Bank, auch vom pecuniären Standpunkte beobachtet, erfolgreich arbeiten wird. Schauen Sie auf den Prospect und Sie werden nicht einen Namen finden, gegen dessen Integrität und Ehrlichkeit das geringste einzuwend.cn wäre. Ich wünschte, das dieses hinsichtlich aller jüdischen Banken behauptet werden könnte. Denn die Thatsache bleibt bestehen, dass gerade der Verdacht der Unehrlichkeit — ob berechtigt oder nicht — es war, der die Flamme des Antisemitismus über die ganze Erde verbreitet hat.“ Der Redner gieng dann über zum Verhältnis der Türkei zum Zionismus und erklärte, dass es sich beim Zionismus in allererster Linie um eine Friedensbewegung handle, die auf legalem Wege einen türkischen Charter erstrebe, eine unerlässliche Bedingung zur Begründung und Selbsterhaltung von Colonien auf breiter Basis. „Aber, so höre ich einwenden, was sollte denn die Türkei dazu veranlassen? Wir wollen nichts umsonst, so antworte ich, wir werden der Türkei sogar mehr geben, als wir von ihr erhalten. Denn nicht nur werden die eingewanderten Juden Steuern und sonstige Abgaben zahlen, das umliegende Land wird aucii im Werte steigen und die neuen Unterthanen werden loyale türkische Bürger werden. Wo immer die Juden in Frieden leben durften, waren sie dem Lande eine Stütze.“ Weiter streifte der Redner die übrigen sinnlosen Einwände der Antizionisten, namentlich die Behauptung, dass die Juden in jenen Ländern, deren gleichberechtige Bürger sie sind, durch den Zionismus ihre Stellung erschüttern. Redner bewies an der Stellung, welche die Juden Englands einnehmen, wie absurd auch diese Behauptungen sind. Der Hauptzweck der zionistischen Bewegung sei, für jene Juden zu sorgen, die schlecht behandelt werden, und niemand wird uns daraus einen Vorwurf machen können. — Es würde zu weit führen, die Rede auch nur in ihren Hauptstellen wörtlich wiederzugeben. Was wir brachten, mag als Beleg dienen, dass der ungeheuere Enthusiasmus, den der Redner erweckte, ein wohlberechtigter war. Im weiteren Verlaufe der Sitzung sprachen noch Mr. Bentwich und J. de Haas, Cowen, Emanuel u, a. Alle Redner ernteten reichen und wohlverdienten Beifall.

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