Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 45 (10.11.1899)
- Article
- [Ohne Titel] / Rosenberger, Erwin
- Date
- 1899-11-10
- Page
- 4 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 4 „Die A Welt“ Die Woche. Wien, 8. November 1899. Die Juden verschiedener mährischer Städte sind in den Tagen der Excesse nach Wien geflohen. Als sie dann wieder in ihre mährische Heimat zurückkehrten, brachen die Excesse von neuem aus, und die Juden sahen sich wiederum genöthigt, nach Wien zu fliehen. Dieses Spiel wiederholte sich einigemale: die betreffenden Juden haben jetzt, um manche Umständlichkeiten des Reisens bequemer zu gestalten, bei den Bahnverwaltungen um Permanenzkarten für die Wiener Strecke und retour eingereicht. -r- * Auf diese Weise sind jüdische Chefs grösserer Firmen, die sich von kleinen Anfängen zur Wohlhabenheit emporgearbeitet haben, in frühere Verhältnisse brutal zurückgeschleudert worden. Die Chefs sind wieder „Reisende“ geworden. Die mährischen Excesse haben wieder einmal die ganze Verlogenheit der Wiener „Judenblätter“ grell beleuchtet. Mit frecher Stirn haben diese Blätter immer behauptet, dass der Antisemitismus auf den Wiener Fremdenverkehr furchtbar nachtheilig eingewirkt habe. Just das G egen th eil ist wahr! Wenige Umstände dürften den Fremdenstrom so rapid nach Wien gelenkt haben wie der czechische Antisemitismus. Zufällig hat ein Wiener Blatt gerade dieser Tage ein einschlägiges „Preisausschreiben“ publiciert: Die Schriftstellerwelt wird aufgefordert, um die Wette eine Broschüre zu fabri eieren, die das wirksamste Recept zur Hebung des Wiener Fremdenverkehres darstellen soll. — Hoffentlich wird sich den ersten Preis eine zur Massenverbreitung bestimmte Broschüre holen, die in kurzer, aber übersichtlicher Form eine anschauliche Beschreibung des Polnaer Ritualmordes enthält. H £ * Der Wiener Oberrabbiner Güdemann hat im Musikvereinssaal an die Versammelten die Anfrage gerichtet: „Ist kein Zola da?“ Die Anwesenden beantworteten damals die Frage etwas ausweichend mit „Sehr richtig!“ Heute lässt sich schon eine präcisere und gewissermassen bejahende Antwort geben. Der Prager Professor Masaryk hat nämlich eine Broschüre geschrieben, die in dem Verlangen nach Revision des Hülsner-Processes gipfelt. Die Parallele zwischen Zola und Professor Masaryk ist ganz augenfällig, denn Professor Masaryk ist gleichfalls Nicht - Jude. Die Broschüre Masaryks wurde sofort eonfiseiert, so dass man sich über inhaltliche Einzelheiten nicht näher informieren kann. In der Schrift müssen aber offenbar grässlich aufreizende Dinge stehen. Man bedenke : Die zahlreichen Broschüren, welche die Polnageschichte in mehr oder minder „rituellem“ Sinne behandelten und zu den jüngsten Excessen in einem gewissen Causalitätsverhältnisse stehen, wurden nicht eingezogen. Was für revolutionäre Dinge muss wohl die nichtantisemitische Broschüre Masaryks enthalten, wenn man sich veranlasst fühlt, ihrem Umsichgreifen Einhalt zu thun. Wahrscheinlich lag die Gefahr nahe, dass die Juden in Böhmen und Mähren, aufgestachelt durch Professor Masaryks Broschüre, über die Häuser der czechischen Bevölkerung mit mordbrennerischen Gelüsten herfallen. Dem wollte man Vorbeugen. Vielleicht wollte man auch im vorhinein verhindern, dass den plündernden Juden durch die Gendarmen irgendein Leid zugefügt werde. Gewiss, gewiss! Wir haben es hier ausschliesslich mit einem hervorragenden Acte des Philosemitismus zu thun» Nr. 48 In einer mährischen Stadt fand sich am Morgen nach einer tollen Excessnachb eine gerichtliche Commission ein, um clen Schaden zu besichtigen. Man kam auf dem Rundgange zum Kaufgewölbe eines Juden, das besonders arg hergenommen war. Mitten in der zersplitterten hölzernen Ladenthüre stak noch ein wuchtiger Steinklotz, der, von sehniger Faust geschleudert, sich tief in die Holzfugen eingebohrt hatte. „Na also,“ bemerkte ein Herr nachdenklich, „die Juden haben wirklich bei den Czechen einen grossen Stein im Brett.“ Erwin Rosen berger. Abgeblitzt. Von B. Jacobs. So tiefbetrübend die wüsten Excesse, welche in den letzten Tagen in Böhmen und Mähren verübt wurden, an sich sein mögen, so haben sie doch auch ihr Gutes. Es ist sehr traurig, aber wahr, dass für uns Juden die Lebenslehrerin Geschichte nicht existiert, dass wir aus ihr nichts lernen. Wir sind leider unverbesserliche, hartnäckige Optimisten, insolange wir nicht windelweich geprügelt werden, insolange der Pessimismus uns nicht sozusagen eingebläut wird. Mit einer Zähigkeit sondergleichen halten wir, allerdings nicht in metaphysischer, sondern in politischer Beziehung, an dem Grundsätze fest: Nihil est in intellectu, quod non prius fuerit in sensu. Jawohl, wir sind die eingefleischtesten Sensualisten. Wir müssen etwas sehen, fühlen, greifen, tasten, wir müssen es an unserem eigenen Körper verspüren, um daran zu glauben. Nun uns das Messer an die Gurgel gesetzt wurde, ist uns endlich die Binde von den Augen gefallen. Wir sehen deutlich; die Situation hat eine Klärung erfahren, die einer Steigerung kaum mehr fähig ist. Zwischen Christen und Juden ist reiner Tisch gemacht; wir sind abgeblitzt, in allen Lagern, bei allen Parteien abgeblitzt. Umsonst haben wir uns gedemüthigt, umsonst unsere Menschenwürde preisgegeben, unser altehrwürdiges Judenthum verleugnet, uns unserer Eigenart entäussert, uns assimiliert, bis zur Unkenntlichkeit, bis zur Caricatur an gepasst; umsonst haben wir uns aufgedrängt, erniedrigt und prostituiert; es hat uns nicht im mindesten genützt, dass wir, wie Sallust so markant sich ausdrückt, opportun! iniuriae waren. Wie hätte man uns auch achten können, da wir uns selbst verachteten? Die Deutschen in Oesterreich, die sich eins mit dem Volke der Dichter und Denker fühlen, haben uns schon längst Fusstritte versetzt, uns wie räudige Hunde von sich gestossen: die Czechen in Böhmen haben uns vor zwei Jahren in unzweideutiger, schlagender Weise gezeigt, wie sie es uns danken, dass wir dem doppelschwänzigen Löwen unsere Huldigungen darbringen, sie haben in Kuttenberg ihrer Undankbarkeit die Krone aufgesetzt, und nun ist auch die Hochburg, in der wir uns über die Massen sicher wähnten, gefallen, wir sind auch in Mähren geächtet, vogelfrei, des nackten Lebens nicht sicher. An der Schwelle des Jahres 1900 winkt uns als einziges Rettungsmittel der Wanderstab. Verlacht, verhöhnt, verspottet wurde der Zionismus; jeder Unberufene glaubte einen Befähigungsnachweis seiner Intelligenz, seines weiten Blickes, seines Scharfsinnes geliefert zu haben, wenn er sich über das Nationaljudenthum lustig machte und es begeiferte. Und nun? Gibt es eine glänzendere Rechtfertigung der zionistischen Idee, als die Marksteine sie bieten, auf denen in schwarzen Lettern die Städtenamen Holleschau, Wsetin, Wallachisch-Meseritsch, Prerau u. s. w. eingegraben sind? Es hat auch Juden gegeben, welche sich von den „Arbeitern“ und ihren Führern eine Restitutio in integrum versprachen. Auch ihnen wird jetzt'hoffentlich der graue Star gestochen sein; denn zu den rohen Gesellen, welche unseren Glaubensgenossen die Fenster einschlugen, ihre Läden er-