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Die Welt · 1899-11-10 · 45 (10.11.1899) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
45 (10.11.1899)
Article
Jüdische Antisemiten
Date
1899-11-10
Page
3 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 45 „Die H Weit“ Seite 3 Jüdische Antisemiten. Mancher Jude fragte sich vielleicht schon: Hat der Verfolgte genug Objectivität, um über seine antisemitischen Hasser ein gerechtes Urtheil zu fällen? Sieht er nicht vielleicht durch die trabe Brille des Schmerzes ein verzerrtes Bild? In seinem Wahrheits- und Gerechtigkeitsdrange hat der Skeptiker schliesslich gefunden, es sei, um über die Sache ein völlig unbefangenes Urtheil zu gewinnen, das Klügste, die Meinung der unbefangenen Christen über die Antisemiten zu hören und sich deren Schiedssprüche zu fügen. Wie dachte, fühlte und sprach vor nicht allzu langer Zeit Herr Dr. Lueger von den Antisemiten? „Nur ein Schuft oder ein Dummkopf kann ein Antisemit sein" — dieses classische Dictum ist von niemand anderem als dem dermal!gen Bürgermeister von Wien geprägt worden. Dieser Meinung dürften sich die Juden beruhigt unterwerfen. Mag sie auch Dr. Lueger, der Noth gehorchend, inzwischen einigermassen modifi eiert haben. Die Juden haben keinen Anlass, seinem Beispiele zu folgen. Wenn auch Dr. Lueger sich selbst nicht treu geblieben, so können doch die Juden ihm treu geblieben sein. „Moi, je ne suis plus Marxiste“, sagte ja auch lächelnd Marx zu einer Zeit, wo seine Lehre noch die hingehendsten, rückhaltslosesten Bekenner hatte. Allzu schmeichelhaft für die Antisemiten ist wohl die Alternative, die ihnen Dr. Lueger stellte, nicht. Die Wahl durfte ihnen immerhin weh thun. Aber sie hatten doch eine Wahl. Schlimmer daran sind die jüdischen — Antisemiten. Diese sind, um bei dem ewig wahren, über den Wechsel der Zeiten und der Gesinnungen erhabenen Worte Doctor Luegers zu bleiben, nicht entweder Schufte oder Dumm köpfe. Sie sind vielmehr beides. Ja, gibt es denn, kann es denn jüdische Antisemiten geben? In der That, man sollte meinen, diese Contradictio ist adjecto könne nicht existieren. Was hilft der Zweifel? Da wir sie sehen, da wir mit Fingern anf sie weisen können, dürfen wir ihr Dasein nicht leugnen. Wer sind die jüdischen Antisemiten? Bevor wir sie kennzeichnen, wollen wir rasch der Möglichkeit Vorbeugen, auch nur einen Augenblick missverstanden zu werden. Es wird keinem Vernünftigen einfallen, den Juden einen Antisemiten zu schimpfen, der sittliche Fehler und Mängel, die er bei Juden findet, als solche erkennt und geisselt. Wir werden sicherlich dieses Beginnen für höchst löblich und verdienstlich anerkennen, wir wissen auch, dass die Propheten, die wahrlich keine sehlechten Juden waren, dieser Mission sich mit Feuereifer widmeten. Aber frei von der Furcht, missverstanden zu werden, darf man gerade heraussagen: Jüdische Antisemiten sind jene Juden, die sich ihrer Abstammung schämen und sie zu verleugnen suchen; jene, die mit gewalttätiger Logik allgemein menschliche Fehler zu speelfisch jüdischen stempeln wollen; jene, die um jeden Preis der Welt beweisen wollen, dass der Hass, mit dem die Juden verfolgt werden, in den sittlichen Gebrechen der — Verfolgten seine Quelle haben müsse; jene, die hochmütig den Verkehr mit den Besten ihrer Stammesgenossen scheuen und glückselig sind, wenn der wurmstichigste Abkömmling christlicher Adelsfamilien sich — aus welchem Grunde immer — herablässt, ihre Gesellschaft zu ertragen; jene . . . . Doch genug der Aufzählung der Spielarten, die der jüdische Antisemitismus aufweist. Man denke sich zu den vorgeführten Beispielen die Personen, und man wird nicht leugnen, dass der verächtlichste der Antisemiten der jüdische ist. Gibt es noch eine Steigerung in der Niedrigkeit? Vielleicht. Noch widerwärtiger als der jüdische Antisemit erscheint uns die jüdische — Antisemitin.. Auch dieser Typus ist leider nicht so selten, wie man gerne glauben möchte, auch er findet sich in den mannigfachsten Gestalten. Wieviele Jüdinnen gibt es, deren Wunsch auf Erden es ist, ihren jüdischen Ursprung vergessen zu machen, um als die Gattin eines Ariers, auch wenn er nicht bloss ihre Mitgift, sondern auch sie selbst durchhaut, hochnäsig auf alles Jüdische herabblicken zu können. Die Thörinnen ahnen nicht, dass sie echtes Gold wegwerfen, um sich mit lächerlichem, spottbilligem Flitter zu behängen. Die antisemitischen Jüdinnen findet man aber auch als die legitimen Gattinnen von Jaden, die zu schwach oder zu beschränkt sind, den schmachvollen V er Irrungen ihrer Ehehälften entgegenzutreten. Ein normal functionierendes Gehirn vermag sich kaum in den lasterhaften Gedankenkreis der jüdischen Antisemiten und Antisemitinnen hineinzudenken. Man rühmt die geschäftliche Tüchtigkeit der Juden. Ist es aber nicht geradezu absurd, wenn Menschen, um der Missachtung Andersgläubiger zu entgehen, alles thun, nicht um deren Achtung zu gewinnen, sondern um auch noch die Missachtung ihrer Stammesgenossen zu erwerben? Oder sollten die durch den Bacillus des Antisemitismus verseuchten Juden wirklich meinen, dass sie die Achtung jener Kreise besitzen, in die sie sich durch Opfer jeder Art eindrängten? Merken sie wirklich nicht die höhnischen Mienen, die geringschätzigen Blicke, die verletzende Herablassung? Sie sind verachteter als früher und überaus lächerlich. Wahrlich, ein schlechteres Geschäft als das im Religionswechseln gemacht wird, ist kaum zu denken. In Frankreich tödtet die Lächerlichkeit längst nicht mehr, sonst würden dort zwei hervorragende jüdische Antisemitinnen längst aufgehört haben, zur eigenen Schmach und zur Schmach der Familien, aus denen sie hervorgegangen, das öffentliche Interesse zu beschäftigen. Wir wollen den beiden Damen einen Moment in das verräterische Antlitz leuchten. Die erste ist Madame Porges, die durch ihre hunderttausend Francs-Spende für royalistisch-antisemitisehe Zwecke, man könnte, wenn der Ausdruck gesstattet ist, sagen, eine europäische Lächerlichkeit wurde. Frau Porges, als die Bundes- und Gesinnungsgenossin der Gyp — das ist ein Bild, wie es der grimmigste Satiriker nicht packender ersinnen könnte. Die Dame, an der alles jüdisch ist, die Familie, das Geld, das Aussehen — nur nicht das Herz — scheute auch davor nicht zurück, mit hohen Summen die Verachtung und Lächerlichkeit zu bezahlen. Das Geld, mit welchem französische Sudelblätter die Hetze gegen die Juden schüren, fliesst zumTheile auch aus jüdischen Taschen. Es ist ja ganz richtig, dass das Feuer der Scheiterhaufen in Spanien, die auch so viele edle jüdische Frauen bestiegen, mit dem Gelde der Juden unterhalten wurde. Aber sie spendeten es nicht freiwillig . . Madame Porges aber gibt freiwillig das Geld her, damit glühende Kohlen auf die Häupter der Juden gesammmelt werden, sie trägt — vielleicht nach klassischen Vorbildern — dazu bei, dass Blätter gegründet werden, in denen nicht nur die Juden, sondern auch Judenstäminiinge verhöhnt und verspottet, als Inbegriff der Gemeinheit und Niedertracht hingestellt werden. Madame Porges kann freilich darauf hin weisen, dass Vererbungstheorie nicht auf die Millionen allein sich erstreckt, sondern manchmal auch auf die Gesinnungen. Ihre Nichte, die als Jüdin geborene Gräfin Fitz-J am es hat sich, gleich ihr, durch ein freimütiges antisemitisches Bekenntnis einen Platz in der Pariser aristokratischen Welt zu sichern getrachtet. Hatten wir Unrecht, wenn wir die Definition, die der Wiener Bürgermeister einst von den Antisemiten überhaupt gab, für die jüdischen Antisemiten erweiternd adoptierten? Sie dürfen sich nicht beklagen, wenn das Urtheil über sie so hart ausfällt. Wer sich selbst nichtachtet, hat das Recht eingebüsst, von anderen Achtung zu fordern. Adam.

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