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Die Welt · 1899-11-03 · 44 (3.11.1899) · p. 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
44 (3.11.1899)
Article
Der Talmudbauer
Date
1899-11-03
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 44 „Die H Welt44 Seite 15 der zweite eine passende Folge, bis eine Strophe fertig ist. Die Melodie entsteht aus alten Synagogensängen, vermischt mit Liedern aus der Heimat. Diese Erklärung gab_ der Administrator. Chajim lauschte dem entschwindenden Gesänge. Er konnte es nicht fassen, was er gesehen und gehört. Dort, die lange Reihe von Männern mit den Gerätsen auf den Schultern, Juden — der Boden, den sie bearbeiten, jüdischer Boden. Und kräftig tönte der Gesang vom Hügel herunter : Vaterland, o Vatererde, Tausendfach gebenedeit, Israels zerstreute Herde Naht sich Dir von weit und breit. Ueppig wachsen Deine Reben, Kräftig braust im Fass der Wein, Wer will noch im Golus leben, Wer kein freier Jude sein! Der Administrator schaute bald den entschwindenden Arbeitern pach, bald dem Jünglinge ins Gesicht. „Ich weiss, was Euch bewegt. Es packt auch mich noch gewaltig, so oft ich es auch sehe und höre. All diese Leute waren vor Jahr und Tag, oft noch vor Monaten, armselige Hausierer oder Bibellehrer, und nun stehen sie den heissen Sommertag hindurch im Weingarten und arbeiten mit Begeisterung auf dem Boden ihrer Väter. Wie sind sie gekommen und wie stehen sie heute auf ihren Beinen! Verstört, mit sich und der Welt zerfallen, aus allen Th eilen der Erde, viele vom Hunger gejagt, manche vom Gefühle der Heimatlosigkeit. Sehet,“ er wies auf einen Mann, der sich ihm näherte, „das ist so ein Beispiel. Nun, Herr Schönberger % rief er dem blonden Manne entgegen, „wie steht’s mit dem Garten, gefällt er Ihnen?“ Der Angesprochene bejahte. „Der Verstorbene war ein tüchtiger Colonist, der Garten ist gut, aber das Stück beim Hause will der Nachbar haben.“ Der Administrator wurde nachdenklich. „Das ist dann eine schwierige Sache. Unser „Waad“ entscheidet nach den alten Gesetzen, wie sie im Talmud aufbewahrt, und da heisst es: „Der Anrainer hat das Vorkaufsrecht.“ „Jawohl,“ warf Chajim ein, „in Baba-Bathra steht das, und es heisst dabei: „Denn Du sollst thun, was gut und gerecht ist.“ „Das heisst,“ meinte der Administrator, „es ist gut, rein menschlich, des Nachbars Gut zu vergrössern, und nützlich, weil zwei Felder beisammen leichter zu bearbeiten sind.“ Der Blonde brauste auf; er sprach in einem fremdartigen Dialecte, der den anderen schwer verständlich war. „Ah, wos hasst der Talmud, dös war vor zwatausend Johr richti. I will a Colonist wern und i kann do net den besten Garten auslassen von den Gut.“ Der Administrator beschwichtigte: „Sie sind doch in das Land gekommen, das unseren Eltern vor zweitausend Jahren gehört hat; da gelten für uns die alten Gesetze, sie sind so gut wie neue für dieses Land, i üebrigens wird der Waad nach Billigkeit entscheiden. Hier gilt es, einen neuen Colonisten zu gewinnen, der Lust an der Arbeit hat — der Anrainer der Witwe Bondikotf, Herr Snilovics, wird schon mit sich reden lassen; er hat ohnehin schon dreihundert Dunamen guten Garten, das ist mehr als genug.“ Während die Männer verhandelten, kamen die Kinder langsam die Dorfstrasse herunter. Die Speisehalle oder Arbeiterküche musste vorläufig auch als Schule dienen. Aber die Holzballe wurde wenig benützt, der Unterricht spielte sich zumeist im Frei en ab. Wenn die Schreib Übungen vorüber waren, dann wanderte die ganze Schule durch die Weingärten oder in den jungen Olivenhain. Man übte Kopfrechnen, las vor, lernte Grammatik, und zwischendrin wurde immer die Natur erklärt und, an Pflanzen, Thiere oder Sterne anknüpfend, alles gelehrt, was den künftigen Colonisten Nutzen bringen könnte. (Fortsetzung folgt.) «lax;* 1 : Die conventionellen Lügen der Kuiturmenschheit. 17. Auflage. 4 Mark, gebunden 5 M. — Paradoxe. 6. Auiage. 4 M., geb. 5 M. — Die Krankheit des Jahrhunderts. Roman. 2 Bde. 10 M., geb. 12 M. 80 Pf. — (Paris unter der 3. Republik. 4. Aufl. 4 M., geb. 5 M.) -r- Vom Kreml zur Alhambra. Culturstudien. 2 Bde. 3. Auü. 12 M., geb. 15 M. — Max Nordaus Porträt. In Kupferstich 2 M., lur Käufer von mindestens 2 Schriften gratis. Auslührl. Prospecte gratis und franco. — Verlag von B. Elischer Nacht, in Leipzig» Schutzmarke: u. A. ein Papierstreif Bei kostenfreier Zustellung ins Haus: I Glühkörper 50 kr. Spar-Glühkörper 40 kr. Lampe excl. Montage fl O u. Bedachung 11« Centrales Sparlampe excl. Montage und Bedachung fl. 1.95 Glaswaare nach Auswahl IV., Schleifmühlgasse 4 Telephon 1063. 1., Fischhof 3 (Telephon 12465) 11., Taborstrasse 10 (Telephon 15080) VII., Andreasgasse 9 (Telephon 9122) sowie die meisten Gasinstallateure. + ' In Stockerau, Mödling, Baden und Wr. Neustadt: die Gasanstaten. (Putzen der Lampen, Ersatz von Glühkörpern und Cylindefrt) als Jahres- oder Saison-Abonnement nach billigstem Tarif! Für die Provinz s | Instandhaltung SPIRITUSGLÜHLICHT- Brenner, auf Petroleumlampen passend, complette Steh-, Hänge- und Verandalampen in geschmackvoller Ausführung. 44

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