Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 44 (3.11.1899)
- Article
- Der Zionismus und die Presse [Kommentar]
- Date
- 1899-11-03
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315796-3315841-3391746--15673-3391832- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 14 „Die Weit“ Nr. 44 Der in London erscheinende „Mornirg Herald“ behandelt in einem grösseren Artikel die Frage: „Ist ein jüdischer Staat möglich?* Die gewöhnliche Einwendung ist: Die Juden wollen nicht nach Palästina zurück, denn dort gibt es keine Börse, lind die Juden wollen auch nicht arbeiten. Dieser Ansicht schliesst sich das Blatt an. Der Artikel kommt dann auf Zangwills bekannte Aeusserung in der „Contemporary Review* zu sprechen. Hiezu macht, das Blatt die Bemerkung, dass vielleicht gerade die „fortgeschrittenen“ Juden die Hauptfeinde des Zionismus sind, und dass es vor allen Dingen die innere Uneinigkeit der Juden sei, welche eine gemeinsame Action meistens vereitelt. Auch glaubt es, dass die Juden zur Selbstregierung nicht fähig seien. — Man sieht, wie krause Ansichten über den Zionismus selbst in hervorragenden Zeitschriften existieren, die zionistische und antizionistische Pressäusserungen mit einander vermengen und daraus ein Surrogat hersteilen, das ungeniessbar ist für beide Theile. „Baltimore News“ bringt ein Interview eines seiner Redacteure mit Z angwill, das auch eine interessante Stelle über den Zionismus enthält. „Es gibt zwei Lösungen der Judenfrage,“ bemerkt Z angwill. „Die eine wäre, die traditionelle Bestimmung des jüdischen Volkes in die Wirklichkeit zu übertragen, d. h. den Völkern, unter denen die Juden leben, zu beweisen, wie veredelnd das jüdische Volk auf die übrigen Nationen wirkt. Israel sollte zeigen, dass es die höchsten Ideale sein eigen nennt, in deren Besitze es sich glücklicher und reicher fühle als irgendein anderes Volk. Wird es diese Ideale auch weiterhin besitzen wollen, dann wäre es mir lieber, es bliebe, wie jetzt, zerstreut über die ganze Erde. Wird Israel diese Ideale aber nicht mehr als sein alleiniges Besitzthum bewahren wollen, dann bleibt nur noch die Lösung der Judenfrage im Sinne des Zionismus übrig. Dann mögen alle Juden in Palästina vereinigt werden, uni dort jenes Ideal zu verwirklichen, das in der Schaffung eines gesunden nationalen Körpers beruht. Ich weiss nicht, für welche dieser beiden Alternativen man sich entscheiden wird, aber nach meiner Ueberzeugung gibt es nur ein Entweder — Oder. Was mir nicht gelallt, ist dieses sinnlose Hin- und Herschwanken.“ In sehr ausführlicher Weise spricht sich der in Vannes (Frankreich) erscheinende ,Progres“ über den Zionismus aus, indem er auszugsweise eine Studie der „Revue chretienne“ benutzt. Das Blatt kommt zu dem Schlüsse, dass manche europäische Mächte dieser ebenso „barbarischen wie unnützen Auswanderung“ eines grossen Theiles ihrer Bürger nicht gleichgütig zuschauen werden. Ausserdem wäre eine solche Ausschi eitung unmenschlich und blödsinnig. „Es verlohnt sich nicht der Mühe, beim Beginne des 20. Jahrhunderts in der sogenannten christlichen Gesellschaft Parias und Enterbte zurückzulassen.“ — Auch da fehlt das volle Verständnis für die Frage. Die Blätter vergessen, dass es sich in erster Linie um diejenigen Juden handelt, welche sich in ihren „Vaterländern“ nicht assimilieren, können oder wollen * Es ist eine längst bekannte. Thatsache, dass g e r a d e unter der christlichen religiösen Presse sehr warme Vertheidiger der zionistischen Bewegung zu finden sind. So liegt uns ein in Amerika erscheinen des Blatt, „Safabath Recorder“, vor, das in ein em vorzüglichen Artikel auf die Erfolge des Zionismus in religiöser Beziehung hinweist. Wie er es zuwege gebracht hat, dass sich Juden — Orthodoxe und Reformer — die sonst in den verschiedensten Sprachen sprechen, und deren Lebensgewohnheiten die verschiedensten sind* in Basel während der Congresssitzung zu einem „Minjan“ zusammenfanden, um nur das Abendgebet nicht, zu versäumen. D|e zehn Leute gehörten 8 Nationen an und sprachen fünf Sprachen. Der Artikel schliesst mit den Worten: Jeder wahre Christ kann und wird dieser Bewegung seine Unterstützung leihen. Die Presse der Stadt Philadelphia — die jüdische wie die nichtjüdische — enthält ausführliche Berichte über eine Massenversammlung jüdischer Frauen, bei welcher Frau Dr. Richard G o 11 h e i 1 über den dritten Baseler Congress referierte. Der „Public Ledger“, eines der angesehensten Tagesblätter, bringt neben einem grösseren, detaillierten Berichte das Bildnis der Referentin neblst biographischen Notizen. Das Blatt bemerkt über den Zionismus, dass die Bewegung einen hervorragenden Platz unter den Erscheinungen der Gegenwart einnimmt, nicht nur vom jüdischen Standpunkte betrachtet, sondern auch;als eine die ganze Welt interessierende Frage. Ein Augenblick. Von Theodor Zlocisti. Mir war die Fremde eng und kalt. Was scherte mich ihr Sinn und Streiten! Und Sehnen und Jubel waren verhallt In schwer getragenen Einsamkeiten. Nun löst Du mir wieder Leid und Qual, Du Zionslied voll Lust und Hoffen. Mir klang Dein Zauber schon tausendmal, Doch niemals hat er mich so getroffen. Und nie gekannt ein weiches Glück Hat kosend mir auf dem Schoss gesessen. Ein heiliger — ach, kurzer Augenblick: Ich hatte das jüdische Golus yejgessen. Karlsruhe, am Abend der Conferenz süddeutscher Zionisten. Der Talmudbauer. (Aus dem Leben der Juden in Palästina.) Von H. York-Steiner. (Fortsetzung.) Chajirn hörte, wie sie zu ihrem Administrator sprachen: „Sie sind anmassend und faul, die Jungens aus Jerusalem, besonders wenn sie den Kopf voll Talmud haben; sie sind kein gutes Beispiel für die Arbeiter. Der Boden ist ausserdem trocken, wir müssen bald aufhören mit dem Ackern. Der Administrator jedoch liess sich nicht irre machen. „Der Mann ist mir besonders warm empfohlen; dann steht die Lese vor der Thür, wir werden Arbeiter brauchen.“ Chajim verstand, dass es sich um ihn drehe. Es galt, den Knecht zu gewinnen, wenn er nicht erfolglos in die Noth von Jerusalem zurückkehren sollte. „Ich bin nicht eitel auf mein Wissen,“ sprach er zu dem Manne, „und ich arbeite gerne.“ Nun konnte er sich dessen rühmen, was seinen Genossen im Beth hamidrasch eine Entwürdigung schien. „Ich ’hab’ schon auf einem Baue in Jerusalem gearbeitet.“ Aber der Knecht, ein junger schwarzhaariger Mann mit kurzem, krausem Barte, der ein hartes Gesicht frei Hess, wollte sein Vorurtheil gegen Talmudjünger als Feldarbeiter nicht so rasch aufgeben. „Ach ja, beim Baue, das glaube ich; Ziegeltragen kann bald wer, aber den Boden bearbeiten, die Rebe behandeln, das will gelernt sein. Es waren schon viele da, aber nur wenige sind geblieben.“ „Du kennst die Gründe“, entgegn eie der Adminstrator. „entweder sie erkrankten oder ihr Verdienst reichte nur für den Lebensunterhalt, nicht zur Unterstützung der Angehörigen in der Stadt. Denn das müsst Ihr einsehen,“ wandte er sich an Chajim, „wir haben hier kpine Wohlthätigkeitsanstalt, wie die Arbeit — so der Lqhn . . „Gottlob,“ rief Chajim. „Alles, was nach’ Wohlthat klingt, ist mir verhasst. Lasst mich arbeiten, ich sehne mich darnach, den Boden unserer Väter zu bebauen, die Scholle fruchtbar zu machen, auf der unsere Patriarchen heimsässig waren.* „So ist es recht, mein Freund,“ stimmte der Administrator ein, „und wen solche Herzensmeinung zu uns bringt, der kann auf diesem Boden gedeihen. Eisenstein,“ er rief einen grossen, breitschulterigen Mann mit rundem, braunem Barte, dessen gutmüthige Augen hell und freudig über die Arbeitergruppen schweiften. „Hier ein College, auch ein Gelehrter,“ stellte er den stämmigen Mann vor. «Vor sechs Jahren war er Talmudmelamed in unserer Stiefheimat, dann kam er nach Rischon als Steinklopfer, später lernte er die Steinmetzkunst, bis er dazu kam, die Arbeit in Feld und Garten zu studieren. Ja, zu studieren,“ lächelte der Administrator, „denn jetzt ist er der Gärtner der Colonie, kennt jede Rebe, jedes Stück Erde wie nur einer. So, und nun zur Arbeit!“ rief er laut. „Sie bleiben heute noch hier im Dorfe, morgen früh beginnen Sie Ihr Werk im Weingarten." Die Arbeiter hatten laut das Gebet nach dem Essen gesprochen, dann ordneten sie sich, nahmen ihre Werkzeuge auf den Rücken, stimmten ein Lied, an und marschierten langsam den Hügel im Westen der Colonie hinan. Es war eine hebräische Hymne, die sie sangen. Niemand wusste, wer die Worte gefügt hatte, niemand hatte die Musik gesetzt. Einer denkt sich den ersten Satz aus, dann findet