Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 44 (3.11.1899)
- Article
- Auch
- Date
- 1899-11-03
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 „Die & Welt« Nr. 44 zwingen, man wird „auch“ irgendeinen Juden zum Thäter ernennen — dieses „auch“ heisst: Kuttenberg in Ungarn. H Die Speculation ist ja gar nicht so ohne. Das slovakische Nest soll die Einbruchspjforte bilden, durch die der Antisemitismus sich nach Ungarn ergiesst. Ein Land, das im Rufe der Judenfreundlichkeit steht, in nächster Nähe von Wien, das ist ein schmähliches Armutszeugnis für die Wiener Antisemiten, diesen Schimpf dürfen sie nicht auf sich sitzen lassen. Sie wollen zeigen, was sie leisten können. In Böhmen und Mähren stehen Judenhäuser in hellen Flammen, und Ungarn will eine Ausnahme machen? Sind denn die ungarischen Judenhäuser aus feuerfesterein. Material? Wohlan denn, in Turöcz-Szt. Marton soll der antisemitische Ausgleich zwischen beiden Reichshälften gemacht werden. Gelingt es, ist’s gut! Missglückt es, nun, so brauchen sich die Wiener Antisemiten keine Vorwürfe zu machen. Sie haben, um das „Auch“ zu erzielen, gethan, was in ihren Kräften steht. Erwin Rosenberger. Judenverfolgungen in Böhmen und Mähren. Die Vorfälle In Wsetin. W s e t i n, c2(). October. Heute nachmittags traf der erste Staatsanwalt des Kreisgerichtes Neutitscliein hier ein, um persönlich die Erhebungen zu führen. Die Zahl der Verhaftungen beträgt über vierzig; auch wurden viele gestohlene Waren zutage gefördert. Ueber die vorgestrigen Schreckensscenen wird noch folgendes berichtet: Abends gegen sieben Uhr durchfuhren acht fremde Rad fahl* er die Strassen und gaben das Commando zu den Ansammlungen aus. Kurz hernach bemerkte man die ersten noch kleinen Ansammlungen, zumeist von jungen Burschen aus der hiesigen Glashütte. Als die Menge dann allmählich auf zweitausend Köpfe angewachsen war, und zwar durch Zuzug von Arbeitern aus der Messerfabrik der Brüder B u b e 1 a und anderen Fabriken, wurde zu allererst zum jüdischen Tempel marschiert und dort unter Absingung von Hetzliedern die Fenster eingeworfen. Dann wendete sich der Zug unter Vorantritt von Schulkindern, jungen Mädchen und Frauen, dre in ihren Schürzen Steine trugen, und zog durch die Gassen, vor jedem Geschäfte eines Juden haltend, worauf die Frauen und Mädchen vortraten und in der Front die Steine niederlegten. Sodann begann das Bombardement. Nur jene Juden, die in christlichen Häusern wohnen, wurden verschont. Wenn alle Scheiben des Geschäftes, respective der Wohnung, eingeschlagen waren, wurde, abermals auf Commando, ins Local gedrungen. Der Kaufmann G r au s, ein vermögender Mann, wurde total ausgeraubt und ist heute ein Bettler. Er flüchtete, um sein Leben zu retten, durch eine Hinterthür zu einem Nachbar, der ihn mit dem Rufe : „Weg, Jude!“ aus dem Hause jagte. Dann wurde bei den Kaufleuten Frank und LeopoldM. Sch ö n geplündert. Die furchtbarste Scene trug sich vor dem „Hotel G 1 e s i n g e r“ zu. Der Besitzer des Hotels ist seit 37 Jahren in Wsetin Mitglied des Gemeinde- Ausschusses und wegen seines Wohlthätigkeitssinnes allgemein geachtet. In dem grossen Gebäude wurden alle Scheiben zerschmettert und die Fensterkreuze mit Knütteln zerhaut. Grosse Pflastersteine flogen in die Passagier zimmer; drei Reisende mussten in die Hotelküche flüchten. Die Excedenten wollten in den Hofraum dringen, was auch einigen gelang: sie wollten in den Spirituskeller, um ihn in Brand zu stecken. Drei Gendarmen boten alles auf, das zu verhüten; sie hielten, von drei Seiten mit Steinen bombardiert, nahezu drei volle Stunden Stand und wurden alle verletzt. Der Wachtmeister bat seine Leute, so lange es nicht absolut n ö t h i g, nicht zu schiessen; da fiel plötzlich aus der Menge ein Revolverschnss. Nun gaben erst die Gendarmen eine Salve ab. Sie zielten auf die F ü s s e, woraus folgte, dass zwei Kinder, die sich umSteine bückten, getroffen wurden. Nachdem die Salve gefallen war, erschien der Landtags-Abgeordnete Bube! a, hielt eine Ansprache an die Menge und forderte sie zur Ruhe auf; dem Wachtmeister schrie er zu: „Jetzt brauchen wir Sie nicht mehr! Wären Sie früher gekommen!“ Nun wurde nach Walachisch- Meseritsch um Hilfe telegraphiert. Der Bezirkshauptmann Baron Klein, Schwiegersohn des Freiherrn v. G a u t s c h, erschien mittelst Separatzuges mit siebzig Mann Infanterie gerade zur rechten Zeit, und nun zerstob die Menge nach allen Windrichtungen. Dr. Prager, dem gleichfalls alle Fenster eingeschlagen worden waren, und der sich mit seiner alten Mutter vor der Horde flüchten musste, wurde dann gerufen, um die Verletzten zu verbinden. Gestern wurde hier das Militär, heute die Gendarmerie verstärkt. Die Mannschaften bleiben hier. Man glaubt, dass die Ruhe nunmehr vollkommen hergestellt sein dürfte. Die Fabriken blieben alle verschont. Ausdrücklich wird constatiert, dass sich der Arbeiterverein „Pokrok“ der ganzen Hetze fernehielt. Heute nachmittags fand unter zahlreicher Betheiligung das L eichenbegängnis der vierErschossenen statt. Bemerkenswert ist, dass unter der Einwohnerschaft von Wsetin bisher immer das beste Einvernehmen geherrscht hatte. Wsetin, 27. October. Mit dem gestrigen Abendzuge hat sich im Auftrag des Justizministers ein Mitglied der vom Kreisgerichte Neutitschein mit der Untersuchung betrauten Gerichtscommission nach Wien zur persönlichen Berichterstattung über die Vorfälle in Wsetin 'begeben. Die Ruhe in Wsetin ist seit Einzug des Militärs nicht gestört worden, allein man kann noch keineswegs von einer Beruhigung der Gemüther sprechen. Von den durch Schusswunden verletzten Personen befindet sich eine, eine Frauensperson, in Lebensgefahr. Die anderen — sie haben fast ausschliesslich Schusswunden in den Füssen, da die Gendarmerie absichtlich sehr tief schoss, um nicht viele Menschen zu tödten — befinden sich auf dem Wege der Wiederherstellung. Die Untersuchungscommission hat alle diese verletzten Personen, es sind Fabriksarbeitbr, Schuhmacher- und Schneidergehilfen, theils im Krankenhause, theils in den Wohnungen, in denen sie darniederliegen, einvernommen. Sie alle leugnen, an der versuchten Erstürmung des Glesinger’schen Spirituskellers activ thejlgenommen zu haben und behaupten, die unschuldigen Opfer der Gewehrkugeln zu sein. Wie bereits mitgetheilt, haben die Gendarmen durch drei Stunden den Steinwürfen der Demonstranten vor dem „Hotel Glesinger“ standgehalten; sie sind alle verletzt worden und liegen heute selbst darnieder. Von den von anderwärts hierher beorderten Gendarmen wurde gestern eine Abtheilung, wie schon telegraphisch berichtet, nach Neu-Hrosinkou und Liptal abgesendet, weil hier Nachrichten von dort befürchteten antisemitischen Excessen eingelangt waren. Um schneller an Ort und Stelle anzulangen, sollten die Gendarmen im Wagen dahinfahren. Sie marschierten aus dem Orte und bestiegen erst auf der freien Landstrasse den Wagen. Die Gerichtscommission war bei ihren Besuchen an den Betten der Verletzten von zwei Gendarmen begleitet. Hotelier Glesinger hat, wie uns mitgetheilt wird, eine Belohnung von tausend Gulden für denjenigen ausgesetzt, der dem Gerichte den oder die Rädelsführer der Wsetiner Excesse namhaft macht. Bei seinem Rundgange zur Besichtigung des Schadens forderte, wie gemeldet, der Staatsanwalt P e t r i t s c h e k die Leute auf, nur ja alle Angst fallen und sich nicht aus Furcht absehrecken zu lassen, die ihnen bekannten Namen der Rädelsführer der Gerichtscommission zu nennen. Frau Graus, die Gattin des völlig ausgeplünderten Kaufmannes Graus, gibt die nachfolgende Schilderung der Greuelscenen, die in ihrem Hause verübt wurden : „Als wir abends von ferne den Zuzug einer singenden und johlenden Menge vernahmen, schlossen wir sofort Läden und Fenster und Hessen die eisernen Rollbalken herab. Nicht lange darauf flogen die ersten Steine gegen das Haus, von solchem Gewicht, dass sie, durchs Fenster sausend, den Kachelofen im Zimmer zertrümmerten, die Lampen und Möbel zerschmetterten. Plötzlich hörten wir das Knirschen der eisernen Rollbalkem Die Plünderer hatten sich gleich die nöthigen E i n b r u chswerkzeuge mit gebracht und erbrachen die Rollbalken. Wir flüchteten, von Steinwürfen verfolgt, in die Küche, die wir eiligst verbarricadierten. Inzwischen war die Horde schon ins Gewölbe ein gedrungen. Sie begnügte sich nicht mit Verwüsten und Plündern; die Leute drohten laut mit M o r d, wenn sie uns erwischenwürd en. In der Angst und Verzweiflung flüchteten w i r dur ch d a s