Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 44 (3.11.1899)
- Article
- Wozu dient die Immunität der Abgeordneten?
- Date
- 1899-11-03
- Page
- 7 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3315796-3315841-3391724--15622-3391825- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 44 „Die H Weit“ Seite 7 Wozu dient die Immunität der Abgeordneten? Söll man alten, in den weitesten Kreisen verbreiteten Irrthümern entgegentreten? Man richte einmal an alle anständigen Menschen in Oesterreich die Rundfrage: „Wozu soll die Immunität der Abgeordneten dienen?“ Wir sind überzeugt, die Antwort wird einstimmig lauten: „Die Immunität der Abgeordneten soll dazu dienen, den Vertretern des Volkes die Möglichkeit zu geben, ohne Gefahr für die eigene Person die Wahrheit über alles und-jedes zu sagen.“ So wird die Antwort lauten. Sie beruht eben auf idnem Irrthum. Das Verdienst, diesen Irrthum zuerst erkannt zu haben, gebürt den antisemitischen Abgeordneten. Man sehe nur z. B., was die Herren in der Polnaer Affaire aufführen. Unter dem Schutze der Immunität haben sie in einer Reihe von Interpellationen so viele Lügen vorgebracht, dass nur ein verbohrter Doctrinär sich der Einsicht entziehen wird, dass heutzutage die Immunität dazu dienen muss, über alles und jedes Lügen sagen zu können. Wir zweifeln nicht, dass diese neue Auffassung der Immunität früher oder später allgemein getheilt werden wird. Du lieber Himmel, die Sache ist ja so klar: Um die Wahrheit zu sagen, genügt es schliesslich auch, ein braver, rechtschaffener Mensch zu sein. Um ungestraft so viel niederträchtige, gefährliche Lügen ausstreuen zu können, wie dies die antisemitischen Interpellanten über Polna gethan, muss man wirklich des Schutzes der Immunität sich erfreuen. Sonst kann es einem ja doch passieren, dass man einmal eingesperrt wird. Emes. Die Woche. „Auch.“ Wien, 1. November 1899. Die Wiener judenfeindliche Presse setzt ihre periodisch erscheinende Judenhetze unerschrocken fort. Diese Blätter muthen einen jetzt wie gruselige Hintertreppenromane an. Es weht in ihren Spalten „ein Moderduft, wie von Blut und Leichen.“ Manchmal, wenn man sich in die haarsträubenden Schauergeschichten vertieft, passiert es einem thatsächlicb, lass man unwillkürlich nach der ersten Seite des Blattes /urückblätterfc und nachschaut, ob dort nicht einer jener berüchtigten, zugkräftigen Romantitel steht. Etwa: „Der lUuthund auf der Fährte“, oder „Der König der Banditen/ Vber statt dessen steht auf der ersten Seite gewöhnlich nur: ..Herausgeber Ernst V e r g ani.“ Die auserlesensten Spuk- Gestalten sind Tag für Tag in den antisemitischen Blättern A\\ finden. Bleiche Ermordete schreiten durch die Zeitungsspalten , am Halse haben sie den tiefen Schächtschnitt, ihr Leib ist vollständig blutleer. Wo ist das Blut?!! Wer ist der Thäter? Die Fragen sind ebenso leicht zu beantworten, wie die Fragen, die unter den bekannten Vexierbildern stehen. Man braucht nur ein bisschen genauer hinzu sehen, dort zwischen den Zeilen kauert geduckt der gesuchte Thäter, der Jude. Er löffelt vergnüglich in einer Kaffeeschale herum, die eine rothe Flüssigkeit enthält, und leckt sich schmatzend die Lippen. Jedermann weiss, was das für eine rothe Flüssigkeit ist. Und dabei kaut er, um auch ' twas Festes zu sich zu nehmen, leckeres Backwerk. * * * Die Judenfeinde sind nun einmal anlässlich der Polnaer Affaire auf den Geschmack des rituell geschachteten Fleisches gekommen und lechzen jetzt nach weiteren Gängen. Nicht die Juden, sondern die Judenfeinde laben sich an dem Leibe der Gemordeten. Der Antisemitismus mästet sich jetzt heisshungrig an dieser schmackhaften Fleischkost und wird dick und fett. Wenn heute irgendwo jemand ermordet wird, so berichtet der antisemitische Zeitungsschreiber hierüber mit einem gewissen vielsagenden Augenzwinkern, aus dem der Leser, auch wenn er nur so intelligent ist wie ein Wiener Antisemit, sehr leicht den Thatbestand des „Ritualmordes“ zu folgern vermag. Es hat sich bereits im Verlaufe der rituellen Discussion eine Reihe stereotyper Redewendungen herausgebildet, mit denen der antisemitische Journalist in umschriebener Form dem Leser zu verstehen gibt, dass es sich um einen Ritualmord handelt. Das Wort „Ritualmord“ braucht gar nicht genannt zu werden, der Leser ersieht schon aus den vorhandenen Fach aus drücken, wie die Sache gemeint ist. Diese verhüllenden Termini sind wie die knappanliegenden Blousen, unter denen die Leibesformen deutlicher hervortreten als in natura. Enthüllung unter dem Deckmantel der Verhüllung. Nur scheinbar dient hier die Sprache dazu, um die Gedanken zu verbergen. Der antisemitische Journalist sagt beispielsweise : „In Blasewitz wurde ein Knabe ermordet aufgefunden. Am Halse hatte er einen Schnitt, der aussieht, als wäre er mit einem Schächtmesser beigebracht. Der Körper des Ermordeten war vollständig blutleer. Ein Raubmord, ein Lustmord, ein Mord aus Rache erscheint völlig ausgeschlossen. Der Knabe verkehrte viel irn Hause des Juden Isak Kohn." Diese Notiz genügt. Die wichtigsten Worte werden in fetter Schrift gesetzt, und der Leser ist informiert. Nur ein Idiot oder ein unverbesserlicher Judenknecht wird noch daran zweifeln, dass in Blasewitz ein Ritualmord passiert ist. — Mit diesen Hilfsmitteln hat die Wiener antisemitische Presse in den letzten Tagen wieder einen Ritualmord in dem ungarisch-slovakischen Orte Truröcz-Szt. Marton entdeckt. * * * Die Publication solcher Bulletins wird jetzt mit einer verblüffenden Schamlosigkeit betrieben. Es ist, als wäre diesen Blättern erst während der Polnaer Affaire ihre Stärke zu Bewusstsein gekommen; sie haben offenbar früher von ihrer Stärke, die in der Geistesschwäche der Leser besteht, gar keine Idee gehabt Und jetzt, nachdem sie ihre Kraft entdeckt, bewegen und regen sie sich schrankenlos. Wie ein Turner, der zufällig eine Kraftübung zustande bringt und sie dann in der Freude des Erfolges immer und immer wiederholt. Die antisemitischen Blätter scheinen früher nicht einmal geahnt zu haben, mit was für blöden Märchen man den Judenhass zum Sieden bringen kann. Jetzt holen sie das Versäumte eifrig nach. * . * * Das führende Wiener Antisemitenblatt schliesst seinen Bericht über die Mordthat in Truröcz-Szt. Marton mit folgenden verheißungsvollen Worten: „Wir haben im Hinblicke auf das grosse Interesse, das dieser mysteriösen Mordaff ai re allseits entgegen gebracht wird, uns veranlasst gesehen, einen Berichterstatter nach Nameszto in Ungarn zu entsenden. Wir wollen hier nur feststellen, dass sowohl die ungarischen wie die österreichischen Blätter den Fall vertuschen und verschweigen. Auch in dieser Affaire soll die Wahrheit ans Tageslicht kommen, dafür wollen wir sorgen.“— In der That, nette Aussichten! Auch in dieser Affaire soll die Wahrheit ans Tageslicht kommen“ — das klingt ja wirklich ungemein vielversprechend! Das „Auch" ist das Kostbare an der ganzen Bemerkung. Was liegt nicht alles in diesem unscheinbaren „Auch"! Man wird also „auch" ein „Rechts-Comite" bilden, wie in Polna, man wird „auch“ die Bevölkerung mit rituellen Schauergeschichten bearbeiten und den slovakischen Bauern die Köpfe verdrehen, man wird „auch" die Juden der Gegend zur Auswanderung