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Die Welt · 1899-10-27 · 43 (27.10.1899) · p. 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
43 (27.10.1899)
Article
Der Talmudbauer
Date
1899-10-27
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 43 „Die Welt'* Seite 15 des Wagens lief eine lehnenlose breite Bank, auf der zumeist Araber hockten, die ihn weiter nicht beachteten. Ihm gegenüber fand er einige Juden auf grossen Bündeln sitzend. Die; versuchten mit ihm ein Gespräch anzuknüpfen. Er gab knappe Antworten, sein Herz war zu voll. Wie im Traume hörte er lautes Pfeifen, Rufen, die Locomotive keuchte, der Wagen setzte sich,in Bewegung. Vorerst gieng’s'durch das Wadi el Ward, \V0 die wilden Rosen blühen, aus denen die Araber Rosenöl pressen, und etwa nach einer halben Stunde war man in der Station Bitir. Hier, das wusste er, hatte Bar Kochba, der letzte grosse Judenheld, den Römern zu trotzen versucht, ein Versuch, der hunderttausende von Juden dein Schwerte überliefert hatte. Diese hingeschlachteten Brüder, , sie waren wohl Ackerbauer oder Handwerker gewesen, wie alle Juden, als das Land ihnen gehörte, daher ihr kriegerischer Sinn, ihr Freiheitsdrang, und wenn sie es wieder erlangen wollten, dieses Land, mussten sie zur Erde zurückkehren, „im Schweisse ihres Angesichtes ihr Brot essen". Dr. Rapp sagte es, und er begann, an ihn zu glauben. Auf den Bergen sah er Bäume, Strauch er, unten dichte Gemüsebeete, von Messenden Quellen bewässert, das war ihm ein neuer Anblick. Der Zug näherte sich der Station Sejed. Auf einem Hügel sah er ein schattiges Dorf, schöne, weisse Häuser lugten aus dichtem Grün, Reinheit und Naturfrische vereinigten sich zu einem wohlgefälligen Anblick. So verlockend hatte er die Natur nie gesehen, er kannte nur die kahlen Berge von Jerusalem. „Das ist Ekron," ruft ihm ein Jude aus Jaffa zu, der ihm gegenübersass, „eine jüdische Colonie." Er streckte den Leib weit zum Fenster hinaus und sah mit freudiger Verwunderung nach der Pflanzung. Dieser schöne Fleck Erde gehörte Juden. Der jüdische Boden, von Juden bepflanzt, die Häuser, von Juden erbaut, der Hügel, er konnte es nicht fassen, er hatte immer geglaubt, dass nur die Araber .von Gott geschaffen wären, um die Früchte der Erde zu gewinnen, und so oft man auch von den jüdischen Colonien sprach, er vermochte nichts dabei zu fühlen. Jetzt aber, als zum ersten male ein stattliches Dorf, eine mächtige Pflanzung als von Juden errichtet sich ihm offenharte, jetzt empfand er es tief in seiner Seele wie ein neues Heimatsgefühl. „Unser Landunser Land", flüsterte er vor sich hin im Rhythmus der Bahnfahrt, und er sandte stille Segenswünsche empor, zur Colonie. Auf dem Bahnhofe in Ramie fand er einige Genössen, die nach den Colonien wandelten, um Arbeit zu suchen. Es waren keine .Gottesgelehrten wie er, sondern Leute aus aller Herren Ländern, die überall versucht hatten, heimisch zu werden, die nach erfolglosen Mühen auf den Ruf, dass in Palästina Colonien gegründet werden, herbeigeeilt waren. Ein Mann von etwa vierzig Jahren, das Gesicht von einem ungepflegten Barte überwuchert, mit einer Frau und zwei halbwüchsigen Kindern: er war in Indien, in Australien und in Amerika gewesen, während seine Frau nach ihrer Flucht aus Russland in Jerusalem gelebt hatte. „Was ich mir erspart hab\ hab* ich geschickt, sie hat gelebt, ich hab’ gelebt, wenn man das leben heisst. Hab’ ich mir zusammengespart, dass ich kann zurückfahren von Australien und arbeit’ lieber hier und leb’ mit meiner Frau und.meinen Kindern." Zwei Männer, deren Frauen in Galizien geblieben waren, ein junger Mann, der schon in Bessarabien am Pfluge gestanden hatte, war mit von der Partie, zwei junge Handwerker, die in der schlechten Zeit in Jerusalem keine Arbeit fänden, und ein Waisenknabe aus Rumänien, den einige Esrogim verkauf er mitgebracht hatten; sie liessen ihn im Lande, er hatte weder Vater noch Mutter, und so wurde die Heimatsgemeinde seiner ledig. Seine einzige Furcht war, dass man ihn wegen seiner schwächlichen Gestalt nicht zur Arbeit zulassen werde. Er trug Beinkleider, die an den Füssen abgeschnitten waren: er hatte sie von einem grossen Manne geschenkt bekommen, ebenso ein Sacco, das wie ein langer Ueberziehen an ihm herunterfiel, ein schmutziges Hemd und eine zerrissene Kappe bildeten seine Kleidung. Er frug bald Chajim, bald den Bessarabier: „Glauben Sie, dass man mich wird arbeiten lassen?* Er hob das Bündel der Frau mit den zwei Kindern, trug es eine weite Strecke, um zu zeigen, dass in seinem mageren Körper genug Kraft für die Arbeit vorhanden sei. Dann versuchte er, den Bessarabier über die Geheimnisse des Ackerbaues auszuforschen. Die Sonne stieg immer höher, der Boden glühte, die Luft vibrierte vor Hitze. Der Mann mit der Frau und den zwei Kindern blieben unterwegs zurück im kümmerlichen Schatten einiger Tamarisken; sie wollten den Nachmittag abwarten und dann erst den Weg fortsetzen. Sie wurden jedoch von einigen auf Eseln reitenden Männern eingeholt. Es waren Juden. „Wohin des Wegs?“ „Nach Rechobod, Arbeit zu suchen." „Ladet Euer Bündel auf das eine Thier und setzt die Kinder auf das andere." Chajim stand nun wirklichen Colonisten gegenüber. Er musste dies alles erst in seinem Kopfe ordnen. Die Juden, die er bisher kennen gelernt hatte, sassen Zeit ihres Lebens über die heiligen Bücher gebeugt, oder sie arbeiteten in dumpfen Stuben. Schon die Steinmetze hatten seine Verwunderung erregt. Das waren nun wirkliche Colonisten. Sie hatten Reittliiere, und wie sicher sie von den Eseln sprangen, die Last aufluden! Er zeigte ihnen unverhohlen seine Bewunderung. Sie lachten ihm frohgemuth ins Gesicht. „Ihr müsst uns einmal zu Pferde sehen, so die ganze Jugend der Colonie! Da sollt Ihr was erleben!" Zu Pferd! Juden zu Pferd! — Wie klein er sich vorkam trotz seines grossen Wissens neben diesen strammen jungen Leuten mit den gebräunten Gesichtern. Nun leuchteten ihm in der hellen Sonne die Häuser von Rechobod entgegen. Es war Mittag. Die Arbeiter strömten aus den Weingärten nach der Mitte des Dorfes. Die Colonie war erst im Entstehen; in einem langgestreckten Holzhause wurde für die Arbeiter ein gemeinschaftliches Essen bereitet. Sie legten ihre Werkzeuge zusammen, Spaten, Hauen, Grabscheite, wuschen sich, und er sah es genau : jeder sprach den Segen dabei. Er hatte von Dr. Rapp einen Brief an den Administrator der Colonie, von dem er mit einer gewissen Auszeichnung empfangen wurde. Als dieser ihn jedoch einer Arbeitercolonne zutheilen wollte, traf er auf Widerstand. Die Arbeit war unter drei O bei knechte vertheilt: der eine besorgte das Aufackern des Bodens, der andere das Zerkleinern der Schollen und der dritte leitete die Arbeiten bei den Reben. (Fortsetzung folgt.) Briefkasten. Karlsruhe. Z io nistische Tafelrunde. Herzlichsten Gruss. Frl. A., Czernowitz. Mit derartigen Vermittlungen können wir uns zu unserem innigsten Leidwesen nicht befassen. R. 6, Lodz. Derzeit hi Meran, Tirol. H. H-p., Wien. Wir sind ganz Ihrer Ansicht. Von einer Generalisierung ist selbstverständlich keine Rede. Die betreffende Bemerkung — die übrigens cum grano salis zu nehmen ist — bezog sich ausschliesslich auf den erwähnten Verein. M. R., Mährisch-Weisskirchen. Besten Dank. Aber zur Publicätion nicht geeignet. Isch. Wir bitten um genaue Angabe der Adresse. 8 B. K. Erkundigen Sie sich bei der Redaction des „Volksfreund", Pittsburgh Pa., Amerika. Verein Zion, Prossnitz. Leider für diese Nummer zu spät. Nächstens. Besten Gruss. Die in Oesterreich gestatteten Lose der grossen Wohlthätigkeitslotterie zugunsten des Budapester poliklinischen Vereines spielen in sechs Ziehungen auf Haupttreffer von 100.000, 20.000 Kronen etc. ohne Nachzahlung mit, kosten blos 1 Krone, und findet die erste Ziehung am 4. Jänner statt. S Ziehungen haben die Lose der in Oesterreich concessionierten Grossen Wohlthätigkeits-Lotterie zugunsten des Budapester Poliklinischen Vereines (Spital). Haupttreffer 100.000,5 ä 20.000,5000 Kronen etc. etc. w* mit 20°/o Abzug. Jedes Los spielt in allen Ziehungen ohne jede Nachzahlung mit, und kann man mit einem Lose auch 6 Haupttreffer machen, Preis eines Loses nur 1 Krone. Erste Ziehung1 schon am 4. Jänner 1900. Lose sind zu haben im Lotteriebureau I., Spiegelgasse Nr. 13, ferner in allen Wechselstuben, k. k. Postämtern, Tabak-Trafiken, Lolto-Gollecturen, etc. etc. Die Ziehungen finden unwiderruflich an den bestimmten Tagen statt.

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