Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 43 (27.10.1899)
- Article
- Rom und Jerusalem
- Date
- 1899-10-27
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14 „Die & Welt“ Nr. 43 Demuth beugen lässt vor dem erhabenen Genie jener gottbegnadeten Männer? Es ist der Gedanke, dass ihre Prophetieen nicht nur damals bald darauf zur traurigen Wahrheit wurden, sondern dass sie wie ein Herold der Geschichte mit den Posaunenstössen ihrer gewaltigen Worte der Welt das tausendjährige Schicksal des jüdischen Volkes kundgegeben. Wenn wir Heute die Jahrzehnte fast verschollene Schrift des ersten Vorkämpfers der modernen zionistischen Idee in Deutschland wiederum der öffentlichen Meinung unterbreiten, da klingen uns seine Worte fast wie die eines in die Zukunft blickenden Propheten der alten Zeit. Wenn auch die äusseren Verhältnisse der Völker in dem Zeitraum von fast 40 Jahren, der seit dem Erscheinen dieser Schrift verflossen, sich verschoben haben, wenn auch neue Factoren in der Europäischen Politik Geltung und Einfluss erlangt haben, der Einheitstr&um des deutschen Volkes zur kraftvollen Wirklichkeit geworden ist, so ist doch seine Schilderung des traurigen Zustandes der jüdischen Nation noch ebenso wahr, und treffend wie vor mehr als einem Menschenalter. In knappen Sätzen, die in ihrer Kürze und Klarheit Axiomen gleichen, zeigt er uns den Wiederauferstehungsgedanken der jüdischen Nation als nothwendiges Glied in der Entwickelung der geschichtlichen Culturvölker. Derb trifft sein Spott jene Juden, welche ohne Glauben an irgend eine Religion ihr Volksthum verleugnen und das Heiligtum ihrer Väter verschachern, wenn er uns den Sohn eines getauften Juden vorführt, der sich unablässig vergebens müht, sein krauses Haar vor dem Spiegel in schlichtes zu verwandeln. Wie Geisselhiebe treffen seine logisch entwickelten Schlüsse das christianisierende Reformjudenthum, welches das jüdische Volk unter dem Mantel der Aufklärung an das Taufbecken führte. Aber auch Hess, mit dem scharfen Blick eines Realpolitikers, konnte nicht voraussehen, dass gerade das moderne Rabbinerthum, welches berufen wäre, die jüdische Nation zu führen, dem mühsam ringenden Israel in dem Augenblick in die Parade fallen würde, wo es sich aufrafft, den Todesstoss von seinem aus tausend Wunden blutenden Leibe abzuwehren. Ist es jedoch nicht ein getroffen, wenn er ankündigt, dass die politische Richtung, welche den deutschnationalen Gedanken zum Zerrbild der Deutschtümelei verwandelte, den Nährboden des schlummernden Judenhasses abgeben würde? Ferne lag es einem Moses Hess, der vor wie nach den Gedanken der deutschen Demokratie mit patriotischer Hingabe vertrat, dem deutschen Volke zuzutrauen, dass es in seiner Gesammtheit oder überwiegenden Majorität die Gedanken der Freiheit in irgend einer Form auch den Juden gegenüber preisgeben könnte. Stellt er doch das deutsche Volk so hoch, dass er ihm eine vorzügliche Rolle in der Herbeiführung des Geschichtssabbaths der Culturvölker zutheiit. Aber mit Recht legte er den Finger auf die Wunde, welche unter den freien Völkern Europas stets die noch ungelöste Judenfrage bildet. Die Lösung dieser Frage erblickte er in der nationalen Wiedergeburt, welche alle anderen Geschichtsvölker beim Beginn und in der Mitte dieses Jahrhunderts erlebten. Jener Missionstheorie, welche vorgiebt, dass die Zerstreuung und Knechtung des jüdischen Volkes ein von Gott gewolltes Mittel sei, um seine Religion unter den Völkern zu verbreiten, die der geschichtlichen Wahrheit geradezu Hohn spricht, stellt er jene hohe Mission gegenüber, weiche das jüdische Volk erfüllen könnte, wenn es wieder auf eigenem Boden eine nationale Cultur entwickelte. An Grösse steht seine Auffassung der jüdischen Mission keineswegs hinter derjenigen der Apostel des „Goluth“ zurück, wenn er den geschichtlichen Werdegang der Culturvölker mit der Freiheit des Volkes der Religion und der socialen Gerechtigkeit eine neue Aera der Humanität eröffnen lässt, an Ueberzeugungskraft und innerer Wahrheit überragt sie dieselbe, weil sie nichts von der Gegenwart, alles von der Zukunft erwartet; weil sie, ohne den mystischen Hoffnungen gläubiger Frömmigkeit nahe zu treten^ die Rettung des jüdischen Volkes mit der göttlichen Hilfe dem eigenen Willen und seiner sittlichen Kraft anvertraut. Dem Kenner seiner Zeit dürfte auch die Hoffnungsfreudigkeit begreiflich sein, mit der er die Freiheit seiner Nation aus den Händen des französischen Volkes zu empfangen dachte, welches ja auch den Freiheitsgedanken des griechischen und italienischen Volkes mit Begeisterung ünterstüzt' hatte, und das sich dem Gedanken nicht verschliessen konnte, dass das jüdische Volk auf dem Boden seiner Väter ein Factor menschlichen Fortschritts sein würde. War es doch ein Franzose Laharanne, der mit Worten flammender Begeisterung die nationale Wiederaufrichtung des jüdischen Volkes ankündigte, und die Franzosen aufrief, zu diesem Werke ihre Hand zu leihen. Kein Wunder, dass im Freudentaumel seiner Dankbarkeit Moses Hess vergass, dass der Judenhass unter allen Völkern eine latente Erscheinung ist, so lange die Lösung der Judenfrage in seinem, in unserem Sinn nicht durch das jüdische Volk selbst in Angriff genommen wird. Die scharfe Aeusser ungen Moses Hess über einzelne Erscheinungen innerhalb der katholischen Kirche und den mannhaften Vorkämpfer der Reformation sind aus dem Partei Standpunkt desselben zu beurth eilen, und es bedarf kaum einer Andeutung, dass der moderne Zionismus längst über diese Anschauung hinausgewachsen ist. In der Zwischenzeit ist der zionistische Gedanke siegreich durch die Welt gezogen und hat liunderttausende begeisterter Anhänger geworben. Wir haben auf zwei Gongressen der staunenden Menschheit gezeigt, dass noch Mark im jüdischen Volke steckt. Noch aber halten sich, wie Hess so richtig vorausgesehen, vorzüglich in Deutschland viele unserer Brüder in scheuer Furcht zurück, man möchte am Ende an den eben erworbenen verbrieften Rechten ihres Staatsbürgerthums rühren, wenn von der Thatsache etwas verlautet, dass sie nicht von Hermann dem Cherusker oder sonst einem unzweifelhaften Germanen stammen. Theils aber wagen es manche unserer Brüder, leider nur zögernden Schrittes, uns zu folgen, weil sie gerne dabei sein möchten, wenn der Zionismus sein hohes Ziel erreicht, aber ferne vom Schuss bleiben, wenn es gilt, darum zu kämpfen. Werfe ab die Furcht, Ihr deutschen Juden, niemand wird Euch von Euren Rechten ein Titel eben bestreiten,. schliesst Euch mannhaft uns an, Ihr zagenden Brüder, damit Ihr nicht den dreihundert Gideons’s allein die Ehre des Sieges lassen müsst! Zeigen wir den Völkern Europas, dass wir in unserer überwiegenden Mehrheit ernstlich gesonnen sind, dem jüdischen Volke wieder einen Boden zu geben, wo es seine ureigenen Ideale zum Wohle der Menschheit pflegen und entfalten kann, so wird uns die Sympathie der Völker Europas gewiss nicht fehlen. Die misstrauische Gehässigkeit, mit der heute vielfach die jüdische Rasse betrachtet und behandelt wird, weil man sie dem Materialismus und Mammonismus verfallen glaubt, wird sich in Achtung verwandeln, die man niemandem, der nach einem hohen Ziele strebt, versagen kann. Wenn die Neuauflage dieser Schliff etwas dazu beiträgt, hat sie ihren Zweck erfüllt. Möge sie aber auch dazu dienen, die indifferente Judenheit aus ihrem Schlummer aufzurütteln, und ihr den Weg zu weisen, auf dem ihr Glück und Freiheit winkt, dann wird diese Schrift eines edlen Stammesgenossen ein unvergängliches Ruhmesblatt in der jüdischen Geschichte bilden. Der Talmudbauer. (Aus dem Leben der Juden in Palästina.) Von H. York-Steinor. (Fortsetzung.) Es war kein stolzer Abschied, den Chajim am nächsten Tage von Jerusalem nahm. Ein kleines Bündelchen mit Wäsche am Arm: sein Gebetbuch, einige heilige Bücher, der Gebetmantel und die Gebetriemen, das war seine ganze Habe. Er hatte vön seinen Bekannten nicht Abschied genommen; sie würden es ja bald genug erfahren, dass er versuchen wolle, ein neues Leben zu beginnen, ein Leben, das ihnen allen geringwertig erschien. Aus den Fenstern des Hospizes folgten ihm mitleidige Blicke. Er traf einzelne Studiencollegen auf dem Wege ins Beth hamidrasch, sie blickten zur Seite, um nicht grüssen zu müssen; nur der kleine Rothhaarige stellte sich ihm in den Weg: „Sag’ den Colonisten, wenn sie Samstag rauchen, dann werden sie auch im Gehinom (Hölle) am Samstag im Feuer rauchen.“ Chajim gab keine Antwort. Er zog seines Weges hinaus vor die Stadt und hinunter zum kleinen Bahnhof. Dr. Rapp hatte ihn mit Geld versehen, er sollte bis Ramie die Eisenbahn benützen, dort würde er vielleicht eine Fahrgelegenheit nach den Colonien finden, jedenfalls aber wegkundige Begleitung. Er war noch nie im Leben mit der Eisenbahn gefahren, er hatte noch nie seine Füsse ausserhalb der Gemarkung von Jerusalem gesetzt; nun sass er auf der langen Bank, die um den ganzen Wagen herumlief, dicht zusammengepresst zwischen zwei Arabern, die ihre Pfeifen schmauchten und ih n den ganzen Rauch ins Gesicht bliesen. Durch die Mitte