Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1899-10-27 · 43 (27.10.1899) · p. 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
43 (27.10.1899)
Article
Wien
Date
1899-10-27
Page
12 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
chapter
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3315796-3315840--15522-3391653
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 12 „Die Welt“ Nr. 43 Correspondenzen. Oesterreich-Ungarn. Wien. Am 15. d. M. sprach im literarischen Geselligkeits-Vereine jüdischer Mädchen „Moria“ die Schriftstellerin Frau E. W i 1 h el m. Nach einer kurzen Darstellung von Mendelssohns und Jehuda Halevys Lebenslauf brachte die genannte Dame mehrere Gedichte jüdischen Inhalts zur Verlesung, die allgemeinen Beifall fanden. Die Zuhörer lauschten mit gespanntester Aufmerksamkeit und lohnten die Bemühungen der geehrten Referentin durch reichen Applaus. — Am 29. d. M. spricht Herr cand. jur. Herrn. Ra n d. Gäste (Damen) herzlich willkommen. Zusammenkunft 3 Uhr, IX., Berggasse 20. Beginn präcise 3V2 Uhr. Brünn. In Wsetin kam es zu wüsten Ausschreitungen gegen die Juden. Auf die Gendarmerie wurden vom Pöbel Revolverschüsse abgegeben. Die Gendarmerie machte von der Schusswaffe Gebrauch. 6 Todte und 15 Verwundete blieben am Platze. Deutschland. München. Ein hiesiges antisemitisches Blatt meldet die Einleitung einer Untersuchung, weil hier angeblich von der „jüdischen Allianz“ Geldsammlungen für die Dreyfus- Campagne veranstaltet worden seien. Es seien bereits Erhebungen gepflogen worden, die ein interessantes Resultat gehabt hätten. Wie behauptet werde, sei der antisemitische Reformverein im Besitze der Mitgliederliste, sowie der schriftlichen Nachweise, dass unter den hiesigen Juden für die Dreyfus-Campagne Geld gesammelt und einbezahlt worden sei. Man munkle sogar, es werde Anklage wegen Geheimbündelei erhoben u. s. w. Hieran ist lediglich wahr, dass infolge der antisemitischen Behauptungen allerdings „Erhebungen“ gepflogen wurden, die aber ein völlig negatives Resultat ergaben. Weder hat die „Alliance israelite“ gesammelt, noch sind privatim Sammlungen vorgenommen worden. Wenn es den Antisemiten darauf ankäme, Wahres zu berichten, hätten sie sich vorher an zuständiger Stelle erkundigen müssen. Der antisemitische Reformverein konnte ebenfalls keine Beweise für seine aus der Luft gegriffenen Behauptungen erbringn. Karlsruhe. Anlässlich einer jüngst hier abgehaltenen zionistischen Kreisversammlung, bei der unter anderen Herr Dr. Bodenheimer, D. Wolffsohn und Doctor Z1 o c i s t i sprachen, wurde ein Verein zur Verbreitung des zionistischen Gedankens gegründet. England. London, 20. October. Die rührige zionistische Parteigruppe des Westend, die den jungfräulichen Boden dieses Theiles der Riesenstadt schrittweise erobert, hat wieder ein erfolgreiches Meeting abgehalten. Dasselbe war einberufen worden, um dem Delegierten der Westen der Zionisten, Mr. Barnett, Gelegenheit zu geben, seinen Congressbericht zu erstatten. Der Congress, auf dem so verschiedenartige Judentypen zusainmentraferi, erschien dem Redner wie eine vorbildliche Probe auf den jüdischen Staat. Man müsse in langsamer und sicherer Arbeit auf den Erfolg warten Die englischen Juden hätten die Pflicht, Dr. Herzl zu unterstützen. Auch Mr. Friedländer sieht in dem langsamen aber stetigen Wächsthum der Bewegung eine Gewähr des Erfolges. Bezeichnend für den Ernst der Bewegung sei auch der Res pect, den aussenstehende politische Beobachter der zionistischen Thätigkeit zollen. Mr. Lennox Loewe erzählt von den Transvaal er Zionisten, die im Verhältnisse die grösste Anhängerzähl aufzuweisen haben, und von denen die englischen Juden lernen könnten. So sei z. B. in der Pretoria-Synagoge ein antizionistischer Prediger an gestellt worden, worauf zionistische Redner die Gemeinde für jene Ideen gewannen, die von der Kanzel angegriffen worden waren. Mr. J. de Haas sagt, die Consequenzen aus dem Polnaer Processe müssten im zionistischen Sinne gezogen werden. j Mr. Co wen, der als Vorsitzender fungierte, meint, die Synagoge bekämpfe zwar die Bewegung in England, die Predigten gemahnen aber an das Geklapper der todten Gebeine des Judenthums, wahrend der Zionismus das wirkliche jüdische Leben in sich begreife. Rumänien. Jassy. Herr Tr letsch aus New-York, welcher hier für die Besiedlung Cyperns mit Juden Propaganda macht, wird durch die täglich schlimmer werdende Lage der Juden in seiner Agitation unterstützt. In Rumänien wird das Elend immer grösser. Täglich wandern hunderte, ja tausende Personen aus. Wohin? Nach Amerika. Die Leute wären bereit, wohin immer zu gehen, wenn man ihnen ein unmittelbares Ziel zeigte. Selbst vor Experimenten, denen eine bestimmte Grundlage fehlt, würden die Leute in ihrer Verzweiflung nicht zurückschrecken. Wir besorgen, dass sich manche Leute zu unüberlegten Schritten hinreissen lassen könnten. Aber diese Erscheinungen zeigen ganz klar, wie dringend nothwendig ein geeinigtes Vorgehen aller derjenigen ist, die dem jüdischen Elend nur durch eine durchdachte und gross angelegte Colonisation abhelfen wollen. Russland. Moskau. Der „Russki Trud“ verlangt allen Ernstes, dass unverzüglich ein Gesetz erlassen werde, welches die russischen Hebräer „in ihrer übermässigen Fähigkeit zur Vermehrung“ beschränkt. Wie sich der „Russki Trud“ den Inhalt eines solchen Gesetzes denkt, ob er am Ende gar auf die Pharaonenzeit und die Tödtung aller jüdischen Erstgeborenen anspielen will, das sagt er leider nicht. Interessant ist, dass der Herausgeber dieses Blattes bis in die höchsten Kreise hinauf ausgezeichnete Beziehungen hat. Zur Cypernfrage. Krakau, den 23. October. Verehrte Redaction! Mit Erstaunen lese ich in der „Neuen Jüd. Presse4* vom 16. October einen Bericht über zwei Referate, die ich in Frankfurt a. M. über den III. Congress erstattet hätte, in weichem mir durchaus unwahre Aeusserungen und Tendenzen angedichtet werden. Die Confusion, die in diesem Berichte herrscht, der post festum und ohne Datum am 16. October über eine am 20. August stattgehabte Expectoration eines sehr jugendlichen Bochurs der Horowitz’schen Rabbiner schule auf meine Kosten referiert, wird am besten dadurch beleuchtet, dass ich weder „nachher“ noch vorher in dieser Versammlung über den Congress referiert habe, und ausser einer kurzen Abfertigung eines Angriffes dieses .hoffnungsvollen grünen Reises überhaupt nicht gesprochen habe. Ebenso kühn ist wohl die aus selber Quelle stammende Behauptung, ich hätte in der 2. Versammlung ganz und gar als praktischer und nicht als politischer Zionist gesprochen. ' Gerade das Gegentheil ist wahr! Der durch seine Thätigkeit für den „Esra“ und seine Reisen in Palästina bekannte Herr Hamburger sah; sich daher auch zu einer lebhaften Widerlegung meiner Behauptungen veranlasst. Vollends der Wahrheit widersprechend ist die mir in den Mund gelegte Behauptung, „ich sei aber von Herzl dazu beauftragt, für diesen Vor schlag. (Cypern) Anhänger zu werben. Ich berichtete und habe genau dasselbe in meinem Refer ate im Krakauer Zionistenvereine am 8. October wiederholt, dass ich am Congresse vor dem Präsidenten Herrn Dr. Herzl den Wunsch geäussert hätte, über Cypern einen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.