Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1899-10-27 · 43 (27.10.1899) · p. 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
43 (27.10.1899)
Article
[Ohne Titel] / B. G.
Date
1899-10-27
Page
10 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
chapter
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3315796-3315840--15483-3391651
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 10 „Die 3$ Welt“ Nr. 43 Schlüsse, an denen die Delegierten unseres Rayons späterhin in Basel beharrlich festgehalten haben. Von den acht Rabbinern, die an unserer Versammlung theilgenommen haben, waren drei auf dem Baseler Congress, und dieselben waren, wie ich glaube, die einzigen Rabbiner, die zum letzten Congress aus Russland gekommen sind. — Mit den Rabbinern hatte die Versammlung in der Thafc eine erregte Auseinandersetzung. Allein die Rabbiner wollten ganz das Entgegengesetzte von dem, was das Mainzer Blatt mittheilt. Die Rabbiner waren nur für den politischen Zionismus und die Öffentlich-rechtlich gesicherte Colonisation Palästinas und Syriens und wollten dagegen nicht das mindeste von den „culturellen“ Aufgaben des Zionismus wissen. Der grösste Theil der Versammlung dagegen bestand darauf*, dass wir auch in „cultureller“ Hinsicht arbeiten müssen. Es wurden begeisterte Reden über die Nothwendigkeit der „Cultui“ gehalten. Die Rabbiner sprachen klar und deutlich die Ansicht aus, dass sie die geistige Führung des Volkes den Culturzionisten nicht anvertrauen können, und nur deswegen gegen „Culturthätigkeit“ sind, weil sie davon eine Zurücksetzung der Religion befürchten. Sie wiesen auf die Mendelssohn'sehe Epoche hin, wo unter dem Deckmantel der Verbreitung der hebräischen Sprache eine Bewegung entstand, die schliesslich zum massenhaften Austritt aus dem Judentlium führte. In der Vertretung dieser Ansicht lag der ideelle Conflict; doch einigte man sich zum Schluss auf folgende Formel : „Die Versammlung beschließt, die Culturarbeit dem Wirkungskreis des Baseler Congrosses zu entziehen und dieselbe jedem Zionisten nach seiner Einsicht und nach seiner Fähigkeit zu überlassen.“ Während der langen Debatten hat nur einer die Discussion unerquicklich gemacht, nämlich ein allzu eifervoller Rabbiner, der eine Art von Ultimatum abgab, wonach im Falle, als die Versammlung sich nicht einverstanden erklärt, die culturelle Arbeit aus dem zionistischen Programme zu streichen, er und die übrigen Rabbiner sich gänzlich vom Zionismus zurückziehen werden. Dieses Ultimatum, zu welchem der betreffende Rabbiner nicht einmal von seinen Collegen autorisiert war, berührte die Versammlung sehr peinlich. Schliesslich Hessen sich jedoch die Rabbiner eines Besseren überzeugen und acceptierten die obenerwähnte Formel. Der Friede war wieder hergesteilt, und die Rabbiner nahmen an den weiteren Debatten und Beschlüssen einen sehr lebhaften Antheil. Das ist der einzige Zwischenfall, der eine Differenz zwischen den Rabbinern und den übrigen Versammelten zutage treten Hess. Sonst sind gerade die Rabbiner die wärmsten Verfechter des politischen Zionismus. Sie ersehen daraus, dass die Mittheilung des „Israelit“, die in sehr viele ausländische und sogar in manche r u s s i sehe Zeitungen übergegangen ist, den Thatsachen in keiner Weise entspricht, ja denselben direct zuwiderläuft. Ich bitte die geehrte Redaction, von dieser Berichtigung Notiz nehmen zn wollen. 19. September Ina. den j 0ctobe7~ 18!W‘ B. G. Weltchronik. Polra im österreichischen Parlamente. Die Abgeordneten B i c 1 o h l a w e k. Schlesinger und Genossen richteten an den Justizminister eine Interpellation, in der der Untersuchungsrichter Reichenbach beschuldigt wird, sich eines geradezu auffälligen Entgegenkommens gegen die Polnaer Judenschaft befleissigt zu haben. Eine Reihe von Polnaer Juden, die der Mitthäterschaft oder wenigstens der Mitwissenschaft dringend verdächtig seien, habe man bis heute noch nicht einvernommen, und gegen die zwei „unbekannten“ Juden, trotzdem ihr Signalement genau bekannt sei, keinen Steckbrief erlassen u. s. w. Zum Schlüsse wiid an den Justizminister die Anfrage gestellt, ob erbereit sei, die Staatsanwaltschaft in Kuttenberg sofort zu beauftragen, auf Grund der Angaben der Interpellation eine strafgerichtliche Untersuchung einzuleiten und die in der Interpellation angeführten Zeugen zu vernehmen. Die Abgeordneten Schneider und Genossen interpellierten den Ministerpräsidenten und den Minister des Innern. In dieser Interpellation wird behauptet, der Zweck der gegen die Mutter und den Bruder der Ermordeten eingeleiteten Untersuchung sei, aus der Geschädigten eine Mörderin zu machen, damit ihr Vertreter Dr. Baxa das Recht verliere, als Vertreter der Privatbetheiligten in die Acten Einsicht zu nehmen; auf diese Art solle die ganze Angelegenheit verwirrt und vertuscht werden. Die Interpellanten wollen, dass die Regierung den Juden das Beschimpfen der Richter und Geschworenen unmöglich mache; dass sie den Zeitungen nicht verbiete, die Wahrheit über die Polnaer Affaire zu schreiben; dass sie den Untersuchungsrichter R e i c h e n b a c h von jeder Mitwirkung an dieser Angelegenheit ausschhesse uncl in strenge Untersuchung ziehen lasse; dass nicht auf die Entscheidung des Cassationshofes getaufte und ungetaufte Juden Einfluss nehmen, und noch einiges andere. Aus der Luft gegriffene Kügelchen. Bekanntlich hat der; Abgeordnete Schneider im Reichsrathe eine Interpellation eingebracht, in der von mysteriösen „Kügelchen“ die Rede war, die der Schächter K u r z w eil in G o 11 s c h- Jenikau dem Polnaer Rabbiner Dr. Goldberger durch die Post zugeschickt haben soll. Wie man uns nun aus Goltsch-Jenikau von privater Seite meldet, ist an der ganzen Schauergeschichte kein wahres Wort. Ein postamtliches Dementi ist bloss deshalb nicht erfolgt, weil die Prager Postdirection, an die sich der Postadministrator von Goltsch-Jenikau um Instructionen gewandt hatte, erklärte, das Postamt sei zur Abgabe einer Erklärung nicht be- : rechtigt. Der Vertheidiger Leopold Hülsner’s, Dr. A u r e d n i c e k, hat bei dem Obersten Gerichtshöfe die Nichtigkeitsbeschwerde für den Verurtheilten überreicht. Diese gründet sich auf § 344, Z. 5 St.-P.-O. und wendet sich gegen die in der Hauptverhandlung erfolgte Ablehnung folgender Anträge der Vertheidigung: 1. Auf Einholung eines Faeultäts-Gutachtens in Betreff der angeblichen Blutflecke auf der Hose; 2. auf Einholung eines Facultäts-Gutachtens bezüglich des von den Polnaer Gerichtsärzten erstatteten Gutachtens, insbesondere mit Rücksicht darauf, ob die Strangulierung oder die Schnittwunde den Tod herbeigeführt habe; 3. auf Vornahme eines Localaugenscheines an dem Auffindungsorte des Leichnams und einer Besichtigungsprobe auf Distanz mit dem Zeugen Pesak unter Zuziehung des gesammten Schwurgerichtes und sämintlicher Functionäre: 4. auf Herb ei Schaffung des in Warnsdorf wegen Mordes und Sittlichkeitsverbrechens verhafteten Franz W ehr und dessen Confrontierung mit den Zeugen; 5. auf Verlesung der vorgelegten 32 Gutachten von theologischenFacultäten, Bischöfen, Gelehrten u. s. w., die darlegen, dass die jüdische Religion keinen Ritualmord kenne. Die unbeweglichen Güter der Juden. Der antisemitische Abgeordnete Schlesinger hat im österreichischen Parlamente folgenden Antrag eingebracht: „Die Regierung wird aufgefordert, die Erhebung der Werte der unbeweglichen Güter der Christen und Juden im Staate Oesterreich am Schlüsse des 19. Jahrhunderts und desgleichen vor fünfzig Jahren zu dem Zwecke einzuleiten, um daraus die Vermögensverschiebungen vom unbeweglichen Gute zwischen Christen und Juden in diesem Zeiträume zu entnehmen. Ferner sei eine Statistik über die Stellung der Juden in unseren öffentlichen Berufen bekannt zu geben.“ Gegen die Einwanderung der Juden. In der Sitzung des österreichischen Reichsrathes vom 24. October haben die antisemitischen Abgeordneten Prochazka und Genossen folgenden Antrag gestellt: „In Erwägung, dass die Einwanderung der Juden nach Oesterreich immer grössere Dimensionen annimmt; in Erwägung, dass das Judenthum auf die Sitten und Gebräuche des einheimischen Volkes einen verderbenbringenden Einfluss ausübt; in fernerer Erwägung, dass viele blühende, einst nur von Christen betriebene gewerbliche Berufe und Geschäftszweige sich jetzt ausschliesslich in jüdischen Händen befinden und der gute Ruf der österreichischen Industrie durch die Erzeugung von Schund- und Pofelware im Inlande und Auslande schwer geschädigt wurde; in weiterer Erwägung, dass das Judenthum durch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.