Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1899-10-27 · 43 (27.10.1899) · p. 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
43 (27.10.1899)
Article
Die Juden in Österreich
Date
1899-10-27
Page
6 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3315796-3315840-3391511--15475-3391647
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 6 „Die A Welt' Nr. 43 nicht einmal bis zur untersten Staatsbeamten classe, sie bleiben vielmehr 20 Jahre lang Unterlehrer mit 400 fl. jährlichem Gehalt. Ein solcher jüdischer Ausbeuter kam in Wolfs Wahlbezirk, nach Arnau! Die Arnauer und die „Ostdeutsche" drohten mit Schulstrike und Revolution, und sahen in der Absicht, „Kinder des germanischen Edelvolkes von einem Juden unterrichten zu lassen" eine beabsichtigte Beleidigung der Stadt Arnau. Die ostdeutschen Helden haben es auch durchgesetzt, dass der Unterlehrer versetzt wurde. Die jüdischen „Fortschritts"-Blätter hatten natürlich für die Besprechung solcher Angelegenheiten keine Zeile Raum! Ueberhaupt diese Fortschrittler! Der Führer der deutschböhmischen Fortschrittspartei, Dr. Funke, sagte letzthin zu einem Interviewer, ein Zusammengehen der Deutschfortschrittler mit den Deutschvolklichen sei naheliegend, da sich der Program munterschied doch nur auf den theoretischen Antisemitismus beschränkt. Irn praktischen Antisemitismus habe sich die Deutsche Volkspartei seit Jahren nicht mehr bethätigt. Dr. Funke hat recht, der Unterschied ist nur theoretisch, aber nicht etwa, weil die Volkspartei den praktischen Antisemitismus nicht bethätigt, sondern deshalb, weil die Fortschrittspartei ihn ebenso — nur etwas geräuschloser — bethätigt. Die Fortschrittspartei, obwohl sie Handelskammern mit jüdischen Majoritäten vertritt, zählt keinen einzigen Juden auf ihren repräsentativen Stellen, und in allen autonomen Körperschaften, Actiengesellschaften, Sparcassen, in denen sie herrscht, duldet sie ja seit Jahrzehnten schon — lange vor dem Auftreten des theoretischen Antisemitismus — keinen Juden. Von den Abgeordneten soll ein einziger, dessen Grosseltern von mütterlicher Seite nicht ganz stammesrein waren — ich bin über diese wichtige zeitgeschichtliche Thatsache nicht genau unterrichtet — ein sogenannter Judenstämmling sein. Wenn die Juden eine ihrer Zahl angemessene Vertretung anstrebten, ich sage nur eine ihrer Zahl, nicht ihrer mtellectuellen und ökonomischen Bedeutung angemessene Vertretung, so wären die offenen Antisemiten nicht ihre ärgsten Widersacher. Man stelle sich nur das Gesicht eines sogenannten liberalen Grossgrundbesitzers vor, wenn plötzlich ein Jude (was ja glücklicherweise ausgeschlossen ist) ins Präsidium des Abgeordnetenhauses gelangte! Und doch gibt es in Oesterreich- Ungarn mehr als doppelt so viel Juden als Slovenen und auch die culturelle Bedeutung der Juden dürfte nicht allzutief unter der von den Doctoren S r n e c und F e r j a n c i c geführten Nation, die es vorläufig auch noch nicht einmal zu dem Ansätze einer Cultur gebracht hat, im Range stehen. So, wie die Dinge heute bei uns liegen, scheint es mir nicht die vornehmste Aufgabe der Juden zu sein, die gräflichen und beamtlichen Nebbichs noch lächerlicher zu machen und die Niederlage von Eintagsgrössen als einen Erfolg anzusehen; diejenigen Juden, welche in der Lage sind, in öffentlichen Dingen mitzureden, thäten viel besser, ihre Kräfte gegen die grossen Juden zu wenden, die, im bengalischen Lichte der finanziellen Knalleffecte stehend, den Hass der Menge, zum Theile mit Grund, herausfordern, damit nicht die Meinung sich noch mehr festsetze, das Judenthum sei eine festgeschlossene Masse mit lauter Sonderinteressen, die den Interessen der anderen Völker entgegengesetzt sind. Daszynski sagte einmal im Parlamente, alle Völker gravitieren aus Oesterreich hinaus, jetzt sogar auch schon die Juden. Nun, man hält dieses Oesterreich, dem schon so viele das letzte Stündlein voraussagten, doch für zu wenig widerstandsfähig. Ein Staat besteht nicht nur infolge eines historischen Zufalles. Er wächst doch in hunderten Jahren zusammen und seine Grenzen werden durch Zölle und Armeen wirtschaftliche Barrieren, welche Industrie und Landwirtschaft in einen stabilen Gleichgewichtszustand bringen. Die ökonomische Katastrophe für unser Land, mit seinen Treibhausindustrien, wenn die Pläne unserer Völkerbefreier in Erfüllung giengen, wäre nicht auszudenkeh. Die Juden, die es in Nicht-Oesterreich sicherlich nicht weniger schlecht haben würden, haben das grösste Interesse daran, dass die zurückgehende Autorität des Staates wieder stärker werde. Aber es wird ihnen sehr schwer gemacht, der Regierung zuzustimmen oder auch nur zu dem, was oben geschieht, zu schweigen. Judenverfolgungen in Böhmen und Mähren. Die Aufhebung der Sprachenverordnungen hat den Czechen einen erwünschten Vorwand zu Judenverfolgungen geboten. Obzwar die Juden mit diesen leidigen Sprachenverordnungen absolut nichts zu thun haben, so war dennoch Böhmen und Mähren in den letzten Tagen der Schauplatz rohester Judenhetzen. Die immerdar antisemitische Bevölkerung hat einfach einen beliebigen Anlass vom Zaune gebrochen, um ihr Müthchen an den verhassten Juden zu kühlen. Wahrhaft erschreckende Dimensionen haben die Judenverfolgungen in der mährischen Stadt Holleschau angenommen. * * * Ein Berichterstatter der „Neuen Freien Presse" meldet Folgendes vom Schauplatz der Excesse : Gegen 8 Uhr abends traf der Localzug, der an den Wiener Eilzug anschliesst, von Hulleinin Holleschau ein. Es war bereits dunkel. Rings herum, von Lun de nburg, Göding, Kwassitz angefangen und in allen Ortschaften dieses Theiles von Mähren, wo die Zuckerrübe verarbeitet wird, brannten auf hohen Masten weithin sichtbar die elektrischen Bogenlampen der Zuckerfabriken. Der bleiche Mond sendete seine Strahlen auf die weiten Ebenen und Felder. Holleschau selbst bildet den Abschluss der hannakischen Städte; in seiner Nähe beginnt das walachische Gebiet. Der Hannake ist blos Feldbauer, der Walache mehr Handelsmann. Holleschau zählt mehr als 7000 Einwohner und besitzt eine Judengemeinde von nahezu 1000 Seelen. Diese Judengemeinde zählt zu jenen mährischen Judengemeinden, die nicht blos als Cultusgemeinden, sondern auch als politische Gemeinden constituiert sind. Die sogenannte Judenstadt von Holleschau besteht aus einigen Gässchen, in denen jedoch nur der ärmere Theil der Juden wohnt, da die reichen längst in die Christenstadt gezogen sind und dort ihre Geschäfte treiben. Dagegen haben sich in der Judenstadt zahlreiche arme Christenfamilien angesiedelt. Das „Judenthor" markiert die Grenze zwischen den beiden Stadt- und Gemeindegebieten. Die Stadt und der ganze Bezirk sind czechisch. Die Stadt wird im Abgeordnetenhause durch den Jungezechen Bub ela vertreten. Als der Zug hielt, stiegen nur zwei oder drei Passagiere aus, die sich rasch in der Nachbarschaft verloren. Eine Gruppe trunkener Bursche stand auf dem Perron, schreiend und johlend und auf die Juden schimpfend. Kein Wagen, um Reisende in die Stadt zu bringen. Auf mein Ersuchen wies mir der Stations-Chef einen Mann an, der mich in die Stadt begleiten sollte. Der Bahnarbeiter nahm die grüne Signallaterne und schritt neben mir her. Todtenstille ausserhalb des Perrons. Der bleiche Mondschein fiel auf leere Strassen. Als wir die lange Kremsierer Strasse erreichten, welche die Verbindung des Centrums der Stadt, des riesigen Hauptplatzes, mit dem Bahnhofe herstellt, glitzerte der Boden rechts und links die Häuser entlang. Er war mit Glassplittern besät. Das erste Zeichen der gestrigen Revolte. Der Mann, der anfangs schweigsam mich geleitet hatte, weil er glaubte, dass ich czechisch nicht verstehe, begann, als er des Gegen theiles gewahr wurde, sehr redselig zu werden. In richtigem Volkstone erzählte er, unzusammenhängend und sprunghaft, die Schauergeschichte des vergangenen Abends, immer wiederholend: „Herr, das war schrecklich, ich werde es nie vergessen." Er zog einen Vergleich mit den Vorgängen während des Krieges von 1866 und meinte, das sei gar nichts gewesen im Vergleiche mit dem gestrigen Ereignisse. Auf eine Begründung der Volkswuth wollte er sich nicht einlassen, er kenne den Grund nicht, warum so viele hunderte von Menschen geplündert, geraubt und angezündet haben, so dass geschossen werden musste. Erst am Schlüsse seiner Erzählung meinte er^ „Sie sagen, das sei alles geschehen, weil sie den Juden, den Hülsner, noch nicht gehenkt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.