Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 43 (27.10.1899)
- Article
- Holleschau
- Date
- 1899-10-27
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr.. 43 „Die j) Welt“ Seite 3 diese zwei Vorstellungen müssen für den modernen Juden ganz identisch werden. Träumt ein Jude bei Nacht zufällig von einem Seraph, so hat dieser sicherlich rückwärts zwischen den Fittichen einen Tornister, über der Schulter ein Repetier-Gewehr und riecht ausserdem nach Kommistabak. Einen Juden, der heute für die Abschaffung des stehenden Herres eintritt, könnte man in gewisser Hinsicht ganz wohl für geistesgestört erklären. Fünf Todte sind das traurige Ergebnis der Holleschauer Excesse. Drei Personen wurden am Eingänge der Holleschauer Judenstadt durch die Gendarmeriesalve getödtet, eine Person durch einen Säbelstich, eine vierte erlag nachträglich den Wunden. Unter den Todten befinden sich Familienväter. Die Juden müssen die Tragik des Falles tiefer empfinden als jeder andere. Mit Menschenblut muss die Sicherheit der Juden erkauft werden. Die Sicherheit des Lebens und Eigenthums, die jeder andere Bürger als selbstverständliches Gut geniesst, kann der Jude nur erlangen, wenn Menschen erschossen und niedergestochen werden. Das Wort „Leben und Lebenlassen“ kann nicht als Parole des Juden gelten. Wenn er leben will, müssen andere fallen. „Leben — Nicht-Leben lassen“, das ist hier die grausame Losung. Es ist aber kein ungetrübter Lebensgenuss, zu dem der Weg über Erschossene führt. „Schlagt die Juden todt!“, mit diesem Feldrufe drangen die Excedenten in die Häuser der Juden ein. Die Juden haben es bei solchen Anlässen nur immer einer schleunigen und überaus gerechtfertigten Flucht, den verschiedenen Kellerwinkeln, Dachkammern und sonstigen abseits gelegenen Cabinetten zu danken, wenn sie mit dem Leben davonkommen. Ein Jude, der sich heute ein Haus baut, sollte niemals an die Herstellung derartiger Schlupfwinkel vergessen. Geheime Thüren, unterirdische Stübchen sind in einem Judenhause ebenso nothwendig wie Herd und Küche. Wehe dem Juden, der von solch branntwein- und aufruhrtrunkener Horde erwischt würde. Aus dem mörderischen Steinhagel, der bei diesen Anlässen gewöhnlich auf die Vormauer der Juden, die Gendarmerie, niedergeht, kann man einen Analogieschluss auf die Behandlung ziehen, die dem eigentlichen Angriffsobjecte, den Juden selbst, zutheil würde. In Holleschau konnten die Excedenten ihren Vorsatz, die Juden todfczuschlagen, nicht ausführen, und sie haben sich damit begnügt, die Juden zu Bettlern zu machen. Wenn die Juden schon das Leben retten, so soll es nur das nackte Leben sein. Das steht so lakonisch und kühl in den Blättern: „Viele jüdische Geschäftsleute sind gänzlich ruiniert." Dasselbe unscheinbare Sätzchen war auch zur Zeit der galizischen Excesse oft und oft in den Blättern gestanden. Doch man muss sieh alle Einzelheiten, die das Sätzchen in sich schliesst, vergegenwärtigen, all die trüben Geschicke, deren banale Vignette das Wörtchen „ruiniert" darstellt. Den jähen Sturz ganzer Familien von der Wohlhabenheit oder dem Reichthum zur Dürftigkeit oder zum Bettlerlose. Die Verzweiflung des Bedauernswerten, der an der Brandstätte steht und die Früchte jahrzehntelanger Arbeit als Schutt und Asche vor sich sieht. Die Entbehrungen, die Demüthigungen, die seiner im bevorstehenden Kampfe ums Dasein harren und doppelt bitter empfunden werden, weil immer neben ihnen das Bild früheren Glückes steht. Und dann darf eines nicht vergessen werden: Eine solche Katastrophe ist nie die Katastrophe einer einzigen Generation. Elend und Armut sind vererblich. Noch manche Familie einer kommenden Generation wird ein Stück Holleschauer oder Sandecer Schicksal in der Stube beherbergen. Der Rauch solcher Brandstätten bleibt lange in der Athemluft der Enkel. Ist das nicht crasse „Judennoth"? Ist dieser Ausdruck eine Redensart? Nur sehr anspruchsvolle Naturen werden noch erklären, dass derartige Ereignisse den Anforderungen, die man an den Begriff „Noth" stellt, nicht vollständig Genüge zu leisten vermögen. Noch ein unscheinbares Sätzchen kommt in den Berichten vor: „Die jüdischen Familien flüchte n.“ Diese Kunde bekommt in den Berichten, die von allseitigen Judenexcessen erzählen, einen Unfreiwillig ironischen Beigeschmack. Ja, wohin flüchten denn die Juden? Unwillkürlich steigt einem ein Bild auf: Ein Revier, das von Treibern, Jägern und Hunden gut bevölkert ist, und ein Stück Wild, das in dem Revier angstvoll hin- und herhastet, vom Treiber zum Jäger, vom Waidmanne zum Rüden und vom Jagdköter wieder zum Treiber. Ist das ein „Flüchten“? Das ist eine Ortsveränderung, aber keine Situationsveränderung. Es ist nicht einmal ein „Flüchten“, viel weniger ein „Retten“. Die Sache bekommt ein bitter-groteskes Aussehen, wenn man sich an der Hand der Zeitungsberichte so eine „flüchtende“ jüdische Familie vorstellt. Die Familie will in der Station Czaslau aussteigen — in Czaslau sind auch Judenexcesse. Oder sie will in Klattau aussteigen — da sind auch Judenexcesse. In Rokitzan ebenfalls. Und in Beraun ebenfalls. Und in Eipel ebenfalls. Und in Jungbunzlau ebenfalls. Und in Münchengrätz ebenfalls. Und in Pardubitz ebenfalls. Und so weiter und so weiter. Diese planlose Zickzack-Flucht ist übrigens nur ein verkleinerter episodenhafter Abklatsch von der grossen Judenhatz, die jahraus, jahrein über die Meere hinübergeht. Es gibt rührende Geschichten — auch gefühlvolle Dichter haben sich des elegischen Stoffes bemächtigt — in denen mit Lenau'schen Accenten geschildert wird, wie das von Jägern gehetzte Reh im Dickicht sich erschöpft hinlegt, wie in die braunen Rehaugen heisse Thränen treten — der oft gesungene Sang vom weinenden Reh. Es ist thatsächlich eine rührende Geschichte. Das jüdische Menschenwild wird über den ganzen Erdball gejagt, von Russland nach Argentinien, von Argentinien nach einem anderen Erdenwinkel, bis es sich schliesslich müde hinlegt und still verendet — kein Sang, kein Lied spricht davon. Das vollzieht sich unter der Oberfläche der Geschichte, im Dämmerlichte des Zwischendeckes. Allerdings ist ein hohlwangiger russischer Jude keine so poetische Erscheinung, wie ein Rehbock. Das Wort Holleschau ruft ein zweifaches Mitleid wach. Es gilt den Todten und den Bettlern. In dem Mitleide für die Todten ist kaum eine Spur von Groll. Wenn der Jude das Gefühl, das er solchen Excedenten gegenüber empfindet, überprüft, so findet er, dass es wenig "oder gar keinen Hass enthält. Derlei expedierende Volksmassen sind viel zu unpersönlich, sie sind wie ein Elementarereignis. Und die Kräfte, die bei solchen Excessen wirksam sind, sind auch wirklich nichts anderes als „Naturkräfte“. Da sind zwei Flüssigkeiten von verschiedener chemischer Zusammensetzung, und wenn sie sich berühren, gibt es ein Brausen und Zischen, Explosionseffecte, schwere AetzWirkungen* Nicht-Juden und Juden, das will sich nicht vertragen* Einmal heisst das Brausen und Zischen Sand ec, das anderemal Chodorow, oder Nachod oder Holleschau. Und wer weiss, was es noch für Namen bekommen wird! Erwin Rosenberger* Der Fall Polna in der Volksliteratur. Spärlich dringen die Nachrichten von den Vorgängeil bei dem Kuttenberger Kreisgerichte in die Oeffentlichkeitj seitdem die „Geständnisse“ des verurth eilten Leopold Hülsner auf ihren wahren Wert reduciert sind, und nur so viel lässt sich mit Sicherheit schliessen, dass auch nach „abgeurtheilter Sache“ noch weitere Erhebungen in Betreff des an der Agnes Hruza verübten Mordes gepflogen werden, und dass also den betheiligten Gerichtsfunctionären auch nach gesprochenem Urtheil eine weitere Klärung des