Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 42 (20.10.1899)
- Article
- Graf Tolstoi über die Judenfrage [Rezension]
- Date
- 1899-10-20
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 12 „Die H Welt“ Nr. 42 dazu angethan sind, die Verwirklichung der uns zugemutheten Mission zu fördern. Wir wollen mit einem derartigen Cultus der allgemein menschlichen Ideale“ jetzt überhaupt nichts zu thun haben und überlassen es gerne den anderen Völkern, uns am Krankenlager der Menschheit für gewisse Zeit abzulösen, bis wir es in unserer eigenen Mitte so weit gebracht haben werden, dass wir in die Lage kommen, uns mit mehr Müsse und Ruhe der leidenden Menschheit widmen zu können. Wer allein leidend ist, kann unmöglich einen guten Krankenwärter abgeben, mag er auch geistig so stark sein wie nur irgendeiner. Und leidend sind wir, das wissen wir ganz genau, zumal seitdem in uns das Bewusstsein erwacht ist, das wir im langen Golus das Th eu erste verloren haben, nämlich: unser nationales Selbstgefühl. Die Diagnose ist gestellt, auch sind bereits die geeigneten Heilmittel gefunden. Es bleibt nur noch übrig, uns den geschickten Händen wohlerprobter Aerzte überlassend, geduldig und vertrauensvoll den weiteren Verlauf und — den glücklichen Ausgang abzuwarten. D. C e m a c h. Die Agada der palästinensischen Amoräer. Dritter Band. Von Dr. Wilhelm Bacher. Professor an der Landesrabbinerschule zu Budapest. Strassburg i. E., Karl J. Trübner. 1899. Seitdem Zunz in den „Gottesdienstlichen Vorträgen“ die Agada gleichsam zutage gefördert und der wissenschaftlichen Forschung erschlossen hat, ist keine Publication zu verzeichnen gewesen, die dieses weitverzweigte Gebiet der jüdischen Wissenschaft so erschöpfend behandelt hätte, wie Bachers eben vollendetes Riesenwerk, das sechs Bände1) von zusammen über 3100 Seiten umfasst und nunmehr abgeschlossen vorliegt. Die Frucht einer über ein Vierteljahrhundert sich erstreckenden, rastlosen, hingebenden Gelehrtenarbeit, bildet diese Darstellung der gesammten talmudischen Agada ein Ehren den kmal unserer wissenschaftlichen Literatur. Wenn Zunz in kühnen Strichen die Grundlinien für eine Geschichte der Agada vorzeichnete, so hat Bacher dieses Bild im Einzelnen ausgeführt und die Agadisten. deren Namen uns wie verschwommene Schatten vorschwebten, als] lebensvolle Gestalten mit scharf ausgeprägter Individualität vor uns hin gestellt. Um dieses Verdienst richtig zu würdigen, muss man das Wesen der Agada näher ins Auge fassen. Die Agada ist der vollendete Ausdruck des jüdischen Gemüthslebens während eines Zeitraumes von mehr als einem Jahrtausend, sie umfasst alles, was den Verstand des jüdischen Volkes beschäftigte und sein Herz bewegte, sie ist der getreue Spiegel der jüdischen Volksseele und enthält dadurch, wie Chwoison2) mit Recht hervorhebt, ..Elemente von welthistorischer Bedeutung, welche viel zur Veredlung. Versittlichung und Humanisierung der Menschheit beigetragen haben“. Was unterscheidet nun die Agada von der Literatur anderer Culturvölker, was machte ihr Verständnis bis in unser Jahrhundert unmöglich, was erschwert noch heute das Eindringen in ihren wahren Geist? Die Antwort kann nur lauten: Die Agada ist ein getreues Abbild der wechs elvollen Sch i c k sale des jüdischen Volkes. Wie sie nicht zu einer Zeit entstand, so ist sie auch nicht an einem Orte entstanden. Und in der Thai trägt sie die Spuren ihres Ursprungs deutlich an sich, nicht nur in ihrem bunten Sprach ge wände, das — wenn auch in der Hauptsache hebräisch oder chaldäisch — Elemente aus allen damaligen Culturspraehen aufweist, sondern vor allem auch in ihrem weiten Gedankenkreise, der die Bildung und Denkart, die Wissenschaft und den Aberglauben der damaligen Völker mit umfasst, wie sie denn auch die äussere Lage der Juden in verschiedenen Ländern während einer so langen Zeit uns vor die Seele führt. Aber wie die zerstreuten Glieder des jüdischen Volkes durch ein mächtiges, unzerreissbares Band zusammen geh alten waren durch den Glauben an den Gott der Väter, so ist auch die Agada, die scheinbar ein formloses Gewirr unzusammenhängender Aussprüche und Anschauungen ist, nach einem grossen Gesichtspunkt geordnet, nach der Beziehung zum Gottesworte. Durch diese Beziehung gewinnt erst das Einzelne Wert und Bedeutung und erhält den ihm gebührenden Platz im Gesamnitbilde. Denn die Agada hat ihre Weihe und auch ihren Hauntreiz darin, dass ihre äussere Form und ihr ganzer Inhalt nichts b Die Agada der babylonischen Amoräer. Budapest 1878, Die Agada der Tan nahen. Strassburg 1884. 1890. Die Agada der palästinensischen Amoräer. 1892, 1896. 189!). a) Das letzte Passahmahl Christi 69. weiter als Auslegung und Anwendung des Bibel Wortes sein will. rSo ist denn bei dem reichen, mannigfachen Inhalte der biblischen Schriften das Gebiet der Agada von vorneherein ein ebenso viel umfassendes, wie das der Halacha: ihren Gegenstand bilden die Geschichte Israels und seine Zukunftshoffnungen, die Anschauungen des Gottesglaubens und die Lehren des Sittengesetzes, die Wunder des Weltalls und die Empfindungen und Triebe der menschlichen Seele. Und die Fülle von Stoffen, welche die Agada in ihr Bereich zog und ihren Zwecken dienstbar machte, musste umso mannigfaltiger sein, als sie vor allem im gottesdienstlichen Vortrage unmittelbar aus dem vollen Leben und Empfinden der Gegenwart hinaus an die Gegenwart sich wandte und die Anschauungen und Empfindungen der eigenen Zeit in engen Zusammenhang brachte mit dem geheiligten Worte der durch Gesetz und Geschichte. Propheten und Dichter fortwährend belehrenden und erhebenden, mahnenden und tröstenden Vorzeit.“*) Aber eben dadurch, dass an dem Leitfaden des Bibelwortes Unzusammengehöriges aneinander gereiht und dadurch innerlich Zusammenhängendes auseinander gerissen wurde, ist es so schwer, ein Gesammtbild des geistigen Hervorbringens zu gewinnen, welches unter dem Namen Agada zusammen gefasst wird. Wie bunte Sternchen, die zu einem Mosaik vereinigt sind, so sind in den uns erhaltenen agaclischen Sammlungen unzählige Fragmente durcheinander gewirbelt deren ursprüngliche Zusammenstellung sich kaum mehr ermitteln lässt. Zum Glück aber sind bei einem grossen Theile der agadischen Ueberlieferungen die Namen der Autoren, bezw. Tradenten mitgenannt, und mit scharfem Blick erkennt Bacher, dass eine Geschichte der Agadisten die nothwendige Vorarbeit, für eine künftige Geschichte der Agada bilden müsse. Diese schwierige Aufgabe sehen wir nun aufs Glücklichste gelöst. „Durch diese erstmalige Feststellung des noch auffindbaren agadischen Nachlasses der verschiedenen Tannaiten und Amoräer sollte ein gleichsam intimerer Einblick in die Gedankenwelt dieser Männer, der führenden Geister des Judenthums durch eine Reihe von Jahrhunderten gewährt, ihre Individualität genauer umgrenzt, ihr Antheil an dem Wacbsthuni der agadischen Literatur nachgewiesen werden.“ Bacher verfährt chronologisch, indem er die einzeln enTannai teil und Amoräer, die irgendwie auf agadischem Gebiete sich bethätigten, in besonderen Capiteln nacheinander behandelt. Zuerst werden die Lebensschicksale des Agadisten, so weit sie bekannt sind, vorgeführt und eine allgemeine Charakteristik seiner Thätigkeit gegeben. Darauf folgt eine nach bestimmten Rubriken sorgfältig geordnete Zusammenstellung des ganzen unter dem Namen des betreffenden Gesetzl ehrers erhaltenen agadischen Materials. Solche Rubriken sind: Sentenzen und Sprüche. Gebet, Studium der Lehre, die heilige Schrift, Israel. Messiamsches, Polemisches, zu den biblischen Personen und Erzählungen, Exegetisches und Homiletisches, Gleichnisse, Proömien, Gott und Welt. Pseudepigraphisches. So ist ein leichter und bequemer, ebenso anziehender wie lehrreicher Einblick in die geistige Werkstatt so vieler sittlich und geistig bedeutender Männer ermöglicht. Dadurch, dass Bacher die Quellennachweise und alles sonstige gelehrte Rüstzeug in die Anmerkungen verwiesen hat. liest sich der Text ganz fliessend. Hiezu trägt übrigens auch die dem Verfasser eigene Klarheit und Präcision des Ausdruckes bei. Diese Vorzüge bewirken, dass auch dem Ni chi fach mann das Eindringen in den Gedankeninhalt der Agada möglich wird. Da die Texte der Agadawerke bisher grösstentheils noch nicht in kritischen Ausgaben vorliegen, da ferner so viele Gesetzeslehrer gleichlautende oder ähnlich klingende Namen tragen, war Bachers Aufgabe noch besonders erschwert, und wir werden ihm für die glänzende Lösung derselben doppelt Dank und Bewunderung zollen. Wir geben dem Wunsche Ausdruck, dass es der unverwüstlichen Arbeitskraft des Verfassers gelingen möge, die Ergänzung seines Werkes, eine Behandlung'der anonymen Agada, recht bald folgen zu lassen. Das geistige Erbe der Männer, die während eines so langen und ereignisreichen Zeitraumes die innere Geschichte des Juden thums beeinflusst und ih eil weise geschaffen haben, die gleichzeitig seine Poeten, Exegeten und Religionsphilosophen waren, verdient es wohl, für alle Zeiten festgehalten und dem allgemeinen Verständnis näher gebracht zu werden. F. P. Zangwill als Zionist. (Schluss.)' Erstens, um vom Sultan politische Concessionen zu erreichen, nämlich die legale Anerkennung einer Nieder- *) Bacher. Die Agada der babylonischen Amoräer. Vorrede X.