Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 42 (20.10.1899)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1899-10-20
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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„Die # Welt“ ' Nr. 42 Seite 11 Po Ina macht Schule, Ein russischer Jude befand sich unlängst auf dem Bahnhöfe in Breslau in Begleitung seines vierjährigen Töchterchens, eines hübschen Kindes mit blondem Haar und blauen Augen. Das konnte aber nach Ansicht der Breslauer Antisemiten nur ein von Juden zu Ritualmordzwecken gestohlenes Kind sein. Der Mann wurde bald von einer aufgehetzten Menge bedroht und wäre zweifelsohne gelyncht worden, wenn sich nicht ein Schutzmann seiner angenommen und ihn sammt dem Kinde in einem naheliegenden Hause geborgen hätte. Also geschehen im Jahre des Heils Eintausend achthundert neun und neunzig in der königlich preussischen Stadt Breslau! * Der „Polnaer Ritualmord“ wird demnächst ein deutsches Gericht beschäftigen. Der bekannte Antisemit Wengg hat gegen ein polizeiliches Strafmandat von 50 M., das ihm wegen „groben Unfugs, begangen durch einen die Polnaer Affaire verherrlichenden Artikel“ zugestellt worden war,4 Einspruch erhoben, so dass sich das Mün ebener Gericht mit der Sache beschäftigen muss. * Die „Deutsche Wacht“ schreibt: „Wenn auf unserem Parteitage gegen das ungesunde römische Wesen Stellung genommen worden ist, so hatte das — wie obiges (nämlich die Stellung der leitenden Centrumspresse in der Ritualmordfrage) beweist — auch seine hohe Berechtigung. Front gegen Rom! Front gegen Juda! Das ist unsere Losung. Wir werden unserem Ziele näher kommen, das mögen sich die Herren vom Centrum, wie die mit den krummen Nasen gesagt sein lassen! * Die „Alliance Israelite“ rüstet eine Expedition unter Führung des Rabbiners Rappaport aus, die nach Tigre und Amhara zu den dort wohnenden Falaschas reisen soll. Es ist dies der erste von jüdischer Seite unternommene Versuch, jene merkwürdigen Bekenner unseres Glaubens in Verbindung mit der übrigen Welt zu bringen. Die ersten Nachrichten von ihnen überbrachte vor 30 Jahren Professor H a 1 e v y. Die Juden in Transvaal treffen grossartige Vorbereitungen zur Unterstützung der durch den Krieg nothleidend gewordenen Bevölkerungsclassen ohne Unterschied des Glaubens. * In einem jüngst nach den Philippinen abgegangenen amerikanischen Regimente befanden sich 10 Percent Juden. + Gegenüber den Angriffen, welche die Bibel auf dem Antisemiten tage in Hamburg erfahren, ist es von Interesse zu erfahren, wie sich einer der bedeutendsten christlichen Theologen Deutschlands auf dem letzte Woche in Bärmen abgehaltenen deutsch-evangelischen Schulcongress darüber äusserte: Professor Holzhäuser, der auf dem Congresse das Referat über den Alttestamentarischen Unterricht in den höheren Schulen gehalten, erklärte u. a.: „Vom Unterricht muss eine berechtigte Kritik anerkannt werden, aber die heutige ist vielfach ten d e n z i ö s, denn sie spricht bestrittene oder bestreitbare hypothetische Ergebnisse als sicher aus. Wenn man Gott bejaht, muss man auch die Schrift bejahen.“ * Dem scheidenden Director des Philanthropins in Frankfurt a. M., Dr. H. Bärwald, wurde der Rothe Adlerorden 3. CI. mit der Schleife verliehen. * In Kissingen istDistrictsrabbiner Doctor Bamberger plötzlich verschieden. * Der durch seine Bekehrungsversuche bekanntgewordene New-Yorker Missionär Dunlop hat den Staub der amerikanischen Metropole von seinen Füssen geschüttelt und ist, nachdem ihm auch in seiner Vaterstadt Philadelphia der Boden zu heiss geworden — wobei wir keineswegs an die Hitze dieses Sommers denken — nach Baltimore gereist, wo er mit seinem Kanzel-Wagen die Strassen unsicher macht. Man zweifelt nicht, dass ihm seitens der dortigen Juden ein ebenso warmer Empfang bereitet wird, wie es in den erstgenannten Städten der Fall war, und dass auch die Polizeibehörde sich seiner annehmen wird, falls dieses nöthig sein sollte. Bücherwelt. Graf Tolstoi Uber die Judenfrage. Anlässlich der Uebertragung des Tolstoi’schen Werkes „Ueber die Kunst“ ins Hebräische äussert sich der Verfasser in einem eigenhändigen Schreiben an den lieber setz er, Herrn L e vi t, dahin,, die Aufgabe des Judenthums bestände, wie die aller anderen Nationen, „in der Emancipierung von seiner isolierten Sonderstellung und von der Vorliebe fer seinen G lauben und sein V o 1 ks t h um, ebenso in der succ-essive fortschreitenden Erläuterung der allgemein menschlichen Ideale und deren thunlichster Verwertung für das Leben“. Für Leute mit einer solchen Weltanschauung gäbe es, nach der Ansicht des Herrn Grafen, keine Knechtschaft, keine Uebervortheilung und. Bedrängnis, indem diese Ideale unter allen möglichen Verhältnissen erreichbar wären. Wir wollen es dahingestellt sein lassen, ob die Lösung der zweiten Hälfte des Problems, bei dessen Vertheilung unter alle Kulturvölker Europas der Herr Graf so uneigennützig ist, auch uns nicht zu übergehen — ob die •Pflege und Verbreitung der „allgemein menschlichen Ideale“ nicht längst schon von den Juden in Angriff* genommen worden war, noch bevor ihre jetzigen Rivalen die leiseste Ahnung von denselben hatten; wir wollen uns ferner auch über die Frage hinwegsetzen, ob denn jene Ideale wirklich unter allen möglichen Umständen erreichbar seien, ja selbst unter einem Drucke, dessen Ertragung nur bei einer zähen Lebenskraft denkbar ist, wie sie notorisch ausser dem jüdischen kein anderes Volk besitzt — wir wollen nur den Herrn Grafen unterthänigst ersuchen, uns zu erklären, weshalb alle anderen europäischen Nationen neben der Fürsorge für das allgemeine menschliche Wohl auch ihre eigenen nationalen Interessen im Auge behalten dürfen, während man nur von uns verlangt, dass wir uns dem ersteren auf Kosten der letzteren ergeben, dass wir dem Universalen das Individuelle zum Opfer bringen, dass in dem allgemein Menschlichen unser ganzes inneres und äusseres Wesen, unser Gesammt-Ich auf- oder eigentlich untergehe? „Und die Verhältnisse, unter denen das jüdische Volk sich befindet“ — fährt der gräfliche Schriftsteller fort — wären gerade die allergünstigs teri, hätte es nicht, zum Bedauern, nach dein Gegen! heil gestrebt von dem, was ihm notthue.“ Wir bedanken uns beim gnädigen Herrn Grafen höflichst für die gute Meinung, die er — von uns selber? — nein, aber von den Verhältnissen hat, welche geeignet wären, uns die schwierige Aufgabe, die Welt zu belehren, wesentlich zu erleichtern. Er muss es uns jedoch nicht verargen, wenn wir uns erkühnen, diese letzte Behauptung in Zweifel zu ziehen, wozu wir uns umsomehr berechtigt glauben, als er uns den Einblick in diese günstigen Verhältnisse mit oder ohne Absicht vorenthält, so dsss wir gezwungen sind, ihm aufs blosse Wort zu glauben. Wir sind im Gegen - theil überzeugt, dass die Verhältnisse ganz und gar nicht