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Die Welt · 1899-10-20 · 42 (20.10.1899) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
42 (20.10.1899)
Article
Paris
Date
1899-10-20
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 Nr. 42 „Die Welt“ dieser beiden nicht zu denken ist. Es ist ja gewiss ungerecht, wenn man dem rumänischen Juden den Vorwurf macht, er beute die ländliche Bevölkerung aus. Dazu mangelt es ihm ja. abgesehen davon, dass ihm die meisten Erwerbszweige verschlossen bleiben, auch, an Gelegenheit, da er in den Dörfern doch gar nicht wohnen darf. Aber der.Hass besteht nun einmal, und man muss mit ihm rechnen. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass zumindest 40 Per een t der rumänischen Juden über kurz oder lang zum W ander stabe werden greifen müssen. Hiervon kann man sich, übrigens nur sehr wenig versprechen, Selbst wenn von den 300.000 Juden Rumäniens 100.000 auswandern sollten, wird sich die Lage der Zurückgebliebenen nicht bessern. Denn wenn 50 Juden aus Rumänien auswandern, pflegen in der Regel anstatt dieser 100 andere aus Galizien und Russland ein zu wandern. Wohin das führen wird,“ — schloss Herr Filipescu seine Ausführungen — „kann man heute noch nicht wissen.“ England. London, 13. October. Die North London Zionist Association hielt Sonntag eine gutbesuchte Versammlung ab, in welcher Mr. H. Ben tw ich den Vorsitz führte. Derselbe gab der Bereitwilligkeit der English Zionist Federation Ausdruck, den Plan einer zionistischen C 1 u b gr ü n d u n g im Districte thatkräftig zu unterstützen. Sodann erstattete Mr. Rosen her g, der Congressdelegierte des Vereines, einen ausführlichen Bericht über den dritten Gongress. Nachdem der Redner ein übersichtliches R esu me der Verhandlungen geliefert, führte er aus, ihn habe es gefreut, dass neben einer Anzahl graubärtiger Delegierter die Majorität des Congrosses aus der jüngeren Generation sich recrutiere. Das sei eine Gewähr dafür, dass der Enthusiasmus auch die nothwendige Kraft zur Ausführung finden werde. Einen vortheilhaften Eindruck empfieng Redner von der geschlossenen Organisation der Russen, die sein Urtheil über die russischen Stammesgenossen wesentlich geändert habe. Man erhalte ein ganz falsches Bild von der osteuropäischen Judenheit, wenn man sie lediglich nach der durch das fürchterliche Elend herabgekommenen polnisch-russischen Bevölkerungsschichte Londons beurtheile. Wenn der Gongress nichts Weiteres geleistet hätte, als die Assimilationsbewegung zum Stillstand zu bringen, so müsste man ihm schon für diesen Erfolg dankbar sein. Die C oJonisationsfrage, am Gongresse selber w'enig erörtert, sei im Gönnte eingehend behandelt und gute Saat für die Zukunft ausgestreut worden. Mr. S. Alexander, der eineVertrauensresolution für die Führer und ein Zufrieden - lieitsvotum bezüglich der Congressbeschlüsse beantragte, führte sich als Beispiel dafür an, dass eine Bekehrung zum Zionismus nicht plötzlich vor sich gehen müsse. Er sei erst nach dreijährigem Studium der Frage zur Ueberzeugung gelangt, dass der politische Zionismus die einzige praktische Methode verfolge. Die Art der Leitung des Gongresses beweise, dass Dr. Herzl ein geborener Führer sei. Doctor Herzl habe es mit ausserordentlicher Geschicklichkeit verstanden, die ernsten Differenzen, die zwischen Leuten von verschiedener Abstammung, Ideen und Gefühlen natürlich auftauchen müssen, beizulegen und den Frieden zu erhalten. Man habe gegen den Zionismus vorgebracht, dass die Reichen ihn ablehnen. Nun denn, es handle sich ja um keine Wohlthätigkeits - Veranstaltung, sondern um eine nationale Bewegung der Selbsthilfe, und selbst in Fällen, wo es sich um Philanthropie handelte, hätten sehr oft die Armen und Aermsten ein ausgezeichnetes Beispiel gegeben, während die Reichen erst, wenn die härteste Arbeit gethan war, hinterdrein kamen. Redner besprach noch den P o 1 n a e r Process. Mr. M. Barn el t, der die eingebrachte Resolution befürwortete, versprach die Mitwirkung der gesammten Dalstoner Judenheit am zionistischen Werke. Nachdem noch Mr. Rosenberg über den Plan der Clubgründung einige Details vorgebracht und die Errichtung einer Bibliothek, sowie einer Lesehalle in Aussicht gestellt hatte, schloss der Vorsitzende die animierte Versammlung. Von bevorstehenden zionistischen Versammlungen seien erwähnt ein Meeting der West London Association, das am Sonntag stattfinden wird, und ein von der Federation einberufenes Meeting der B i r m i n gh a m e r Zionisten. Rumänien. Bukarest. Während der Congresstage brachten sämmtliche hiesigen Tageszeitungen telegraphische Berichte über die Verhandlungen des Baseler Gongresses. „Adevarul“, eines der bedeutendsten und verbreitetsten Blätter Rumäniens, pubilderte ausser den ausführlichen Correspondenzen über den Verlauf der einzelnen Sitzungen noch einen recapitulierenden Schlussartikel, der überaus wohlwollend gehalten war. Auch brachte dieses Blatt das Porträt von Dr. Herzl. Ein anderes grosses Tagblatt, der „Universul“, veröffentlichte ein spaltenlanges Interview mit unserem ausgezeichneten Gesinnungsgenossen Dr. K. Lippe. Auch die „Dreptatea“, ein Regieriingsorgan, besprach den Gongress und die zionistische Bewegung in sehr günstigem Sinne. Amerika. Philadelphia. (Orig.-Corr.) Unser Verein „Ohave Zion“ hatte für Sonntag den 24. v. M., abends, eine grosse Propaganda - Versammlung in die „Kescher Israel Congregation“ einberufen, wo die beiden Vice Präsidenten der „Federation of American Zionists“, Se. Ehrw. Herr Rabbiner D. ÄA. Lewenthal und der berühmte Volksredner Herr H. Mas sl-iansky (N. - Y.) glänzende Reden hielten, welche bei dem zahlreichen Publicum tiefen Enthusiasmus hervorriefen, und unser verehrter Delegat Professor S. Solls-Cohen eine kurze Uebersicht über die Verhandlungen des letzten Baseler Gongresses gab. Erhebend war der Anblick der Mitglieder der „Russian Hebrew Military Beneficiai Association“: 70—80 Mann, gekleidet in blaue Uniformen mit weissen Aufschlägen (Zionsfarben). Sie stellten sich mit einer grossen seidenen Zionsfahne in Reih und Glied auf und erklärten vor unserem Präsidenten Dr. B. L. Gordon, sie wären bereit, sich unserem Vereine anschliessen zu wollen, und als unser Präsident die Aufgabe der Zionisten erklärte, da hob ein jeder seine Rechte auf und rief begeistert dann pflanzten sie die Fahne auf und Herr Press sang M. M. Dolitzkys hebräisches Lied p^p' das mit stürmischem Applaus begriisst wurde. Das Resultat dieser Versammlung war der Eintritt von ungefähr 200 neuen Mitgliedern. Gestern Abend hat Hermann Krüger, Secretär der ..Ohave Zion“', vor einer Versammlung junger Leute und Mädchen gesprochen; es wurde ein neuer Verein unter dem Namen p^ gegründet, welcher voraussichtlich gute Erfolge erzielen wird. Allerlei Nachrichten. ln der Leichenhalle des Friedhofes der Berliner jüdischen Gemeinde in W eissensec soll mit einem Kostenaufwande von 2300 Mark Gasbeleuchtung eingeführt werden, weil bei der grossen Anzahl von Leichen die Bestattungen sich oftmals tief in die Nacht hinein erstrecken. Dem Regier ungsrath Dr. Sch mnlil in Stuttgart-, einem Mitglied der israelitischen Oberkirchenbehörde, wurde das Ritterkreuz erster Glasse des Friedrichs-Ordens verliehen. ❖ In seiner „Deutsch-evangelischen Kirchenzeitung“ erklärt Hofprediger a. I). Stöcker Dreyfus für unschuldig. interessant dabei ist, dass sich Stöcker mit dieser seiner Ansicht im Gegensätze zu seinen Gesinnungsgenossen W e n g g, P ü c k 1 e r etc. befindet. Oberrabbiner Dr. Feil c h e n f e 1 d in P o s e n feierte am 11. v. M. sein fünfzigjähriges Doctor-Jubiläum. Die philosophische Falcultät der Universität Halle hat dem Jubilar aus diesem Anlass nebst einem herzlichen Glückwunschschreiben eine Erneuerung des Diploms übersandt. * i In Mannheim starb kürzlich Klausrabbiner Doctor F ü r s t, bekannt durch sein ausgezeichnetes „Glossarium graeco-hebraeum“, sowie durch zahlreiche in jüdischen Blättern veröffentlichte wissenschaftliche Aufsätze. Zum Rabbiner in Florenz wurde dieser Tage Dr. M argulies gewählt.

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