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Die Welt · 1899-10-20 · 42 (20.10.1899) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
42 (20.10.1899)
Article
Gegen das Blutmärchen
Date
1899-10-20
Page
9 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 42 „Die A Welt“ Seite 9 Gegen das Blutmärchen. Samstag, den 30. September 1899 fand im grossen Rathhaussaale zu Czernowitz eine von mehr als tausend Personen besuchte, vom Reichsrathsabgeordneten und Gemeinderathe Dr. Benno Strauch er einberufene Volksversammlung statt. Auf der Tagesordnung stand das Referat des Binder ufers über die leider wieder modern gewordene Frage, ob die Juden Christenblut zu rituellen Zwecken brauchen. Vorsitzender der Versammlung war der Handelskammer- und Gemeinderath Picker. Als Regierungs- Commissär fungierte Magistrats-Commissär Dr. Weissstein. Dr. Straucher referierte in eingehender Weise über die Blutfrage, nachdem er zuvor die Vorgänge beim Processe in Polna einer vernichtenden Kritik unterzogen hatte. Der Redner prüfte das Blutmärchen auf «eine historische Vergangenheit, und es waren durchweg christliche Autoritäten. die Dr. Straucher ins Treffen führte. Dr. Straucher schilderte die unsäglichen Leiden der Juden, forderte dieselben zur mannhaften Abwehr auf und appellierte auch an alle vorurteilsfreien Christen, gegen diese böswillige und verleumderische, ebenso niederträchtige als verhetzende Beschuldigung einer ganzen Religionsgenossenschaft Stellung zu nehmen und den Juden Gei echtigkeit widerfahren zu lassen. Die Versammlung nahm diese Rede mit stürmischem Beifall e auf. Der nächste Redner, Dr. M ayer-Ebner, erzählte von der Blutbeschuldigung des Jahres 1475, als die. Etsch ein todtes Christenknäblein ans Ufer bei Trient warf. Dieses Knäblein wurde unter dem Namen des heiligen Simon von Trient bekannt. Die von Dr. Ebner in trefflicher Rede begründete und eingebrachte nachstehende Protest-Resolution wurde, nachdem der Vorsitzende G.-R. Picker unter lebhaftem Beifalle die Feigheit gewisser jüdischer Kreise gegeisselt hatte, unter stürmischem Applaus angenommen. Die Versammlung bereitete Herrn Dr. S t ra u c h e r grosse Ovationen, welche sich bis zu seiner Wohnung fortpflanzten. Resolution, eingebracht von Dr. Mayer-Ebner in der Volksversammlung am 30. September 1899 im Rathhaussaale in Czernowitz: Die am 30. September 1899 jm Rathhaussaale von Czernowitz stattgefundene, vom Reichsrathsabgeordneten Dr. Benno Straucher ein berufene allgemeine Volksversammlung gibt ihrer Ueberzeugung einstimmig Ausdruck, dass die anlässlich des letzthin in Kuttenberg gegen Leopold Hülsner wegen Mordes durchgeführten Processes gegen die jüdische Stammes- und Religionsgenossen schaft erhobene Blutbeschuldigung eine böswillige niederträchtige Verleumdung seitens gewissenloser Hetzer ist, die die rohesten Instincte der Massen zu Hass, Verachtung und Gewalttaten gegen die Anhänger eines Bekenntnisses aufreizen, das jede Bluttat verpönt und verdammt. Die heutige Versammlung kennt und anerkennt jene geschichtlichen Thatsachen, die in der alten, mittleren und neueren Zeit die bündigsten, glaubwürdigsten, weil von hoher kirchlicher Seite ausgehenden Widerlegungen des Blutmärchens waren, die Versammlung gibt ihrer Entrüstung Ausdruck, dass der Versuch gemacht wurde, eine mittelalterliche'Fabel in den Gerichtssaal zu bringen, und hegt die feste Hoffnung, dass Recht und Gerecht!o-heit nicht vor Lüge und Niedertracht werden zuschanden werden. Correspondenzen. Oesterreich-Ungarn. Wien. Infolge der nächsten Dienstag stattfindenden (Konstituierung des zweiten Leopoldstädter Einzelvereines entfällt der Vortragsabend im Einzelvereine „Wien4*, Gredlergasse. Wien. (Akademische Verbindung „K a d im a h‘\) Die am 17. October erfolgten Neuwahlen für das XXXIV. Semester ergaben folgendes Resultat: Stud. med. Siegfried Bogdad, Erstchargierter; stud. med. Maximilian Arminski, Zweitchargierter: stud. jur. Josef Feingold, Drittel!argierter. Wien. (D e r E i n zel verein Mari ahilf-Neub au des Verbandes „Z i o n“) hielt am 187 October im „Englischen Hof“ eine öffentliche Versammlung ab, in weicher Herr Dr. Weis! über die Processe von Rennes und Polna sprach und nachwies, dass dieselben den Bankerott der Assimilation bedeuten. Ferner referierte Herr Dr. Kahn über „Zwecke und Ziele des Zionismus". Wir kommen auf diese Versammlung, welche mit e i n s t i mmige r Annahme einer Resolution schloss, nochnäher zurück. Steyr. Wie nahezu überall in unserem gesegneten Oesterreich, sind auch bei uns die Antisemiten in voller Thätigkeit. Der Polnaer Fall wird mit alledem, was unter einem Aufwan de von beträchtlichen Quantitäten edlen Gerstensaftes in ihn hineinprakticiert wurde, ausgeschrotet. Es ist wie in einem See, in den ein Stein hineingeworfen worden ist, welcher immer weitere Kreise zieht. Zuerst betreibt man die Hetze in den Städten, dann kommen Märkte und Dörfer an die Reihe, wo die Früchte der gewissenlosen Agitation bei den Bauern und Kleinhandwerkern reifen. Kommt dann ein in zweifacher Beziehung schwerbeladener jüdischer Hausierer einhergezogen, so bekommt er diese Früchte zu kosten, und es lässt sich denken, wie gallig bitter sie ihm munden . . . Auch unsere Stadt, ein kornblumenblauer Fleck inmitten der schwarzen Moorebene des Clerioalismus, hat sein „christliches" Blättchen, das seinem Publicum antisemitisches Lesefutter, nach Wiener Art zubereitet, vorsetzt. Und ist auch in der Stadt sein Leserkreis nicht nur ein beschränkter, sondern auch von geringer Zahl, so wirkt es doch auf die bäuerliche Bevölkerung. Deshalb glaubten auch wir als nationalgesinnte Juden sofort energische Schritte dagegen unternehmen zu müssen, als das Blatt die Affaire Polna zu einem Hetzartikel fructificierte. Die beiden Cultusräthe befolgten eine rechte Vogel Strauss- Taktik, zeigten sich muthlos und von allerlei Rücksichten erfüllt. So mussten denn wir Zionisten die Sache in die Hand nehmen. Unser Gesinnungsgenosse, der Präses der hiesigen Beerdigungs-Brüderschaft Herr Kronberger, begab sich auf unser Ansuchen zum Staatsanwalte, um Abhilfe zu fördern. Dieser versprach dies nicht nur bereitwilligst, sondern gab auch noch manche Rathschläge. Er erklärte, in Zukunft gegen solche Blätter energisch Vorgehen zu wollen. Russland. Jekaterinoslaw. Das russische Ackerbauministerium entsandte kürzlich, einen seiner Beamten in die Gouvernements Cherson und Jekaterinoslaw zur Besichtigung der jüdischen Ackerbau-Colonien. Der Beamte hielt sich nicht nur in den Colonien selbst, sondern auch in allen grösseren Städten und Ortschaften auf. in welchen irgendwelche Daten, geschichtliches und statistisches Material in Bezug auf die jüdischen Colonien zu finden war. In Odessa besichtigte Herr Jelacic — dies der Name des Ministerialbeamten — die Gewerkschule „Trud“ und die Farm des jüdischen Waisenhauses, wo in seiner Gegenwart verschiedene landwirtschaftliche Arbeiten verrichtet wurden. Der Eindruck, den der hohe Beamte von den jüdischen Colonien gewann, war ein sehr vortheilhafter. Odessa. Das Comite des hiesigen „Vereines zur Unterstützung jüdischer Ackerbauer und Gewerbetreibenden in Palästina und Syrien" hat beschlossen, eines seiner Mitglieder, Herrn Ginzb arg, nach Palästina zu entsenden, damit er sich über den Stand der dortigen jüdischen Colonien aus eigener Anschauung genau informiere und dem Comite über seine Beobachtungen Bericht erstatte. Die Reise des Herrn Ginzburg dürfte einige Monate in Anspruch nehmen, da er von seinen Auftraggebern angewiesen worden ist, jede einzelne Colonie aufs gründlichste zu durchforschen. Frankreich. Paris. Der Bukarester (Korrespondent des „Gaulois" theilt seinem Blatte den Inhalt einer Unterredung mit, die er mit dem bekannten rumänischen Staatsmanne Fiiipescu hatte. Die Judenfrage in Rumänien bildete den Inhalt des Gespräches. Herr Fiiipescu äusserte sich dem (Korrespondenten gegenüber folgendermassen : „ . . . Der Rumäne hasst den Juden so intensiv, dass an ein Zusammen'eben

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