Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 42 (20.10.1899)
- Article
- Die jüdischen Schülerinnen des Mädchengymnasiums in Libau (Curland)
- Date
- 1899-10-20
- Page
- 8 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 „Die H Weit46 Nr. 42 Die jüdischen Schülerinnen des Mädchensyinnasiuins in Lihau ((Kurland) giengen, dem „Herold“ zufolge, den (Kurator des Lehrbezirkes .Liga mit der Bitte an. sie mögen, den Satzungen ihrer Religion entsprechend, von schriftlichen Arbeiten am Samstag befreit werden. Dieses Ansuchen wurde jedoch von der Unterrichtsbehörde abschlägig beschiodon. Die New-Yorker Gesellschaft für Bekehrung von Juden zum Christenthum erhebt Protest gegen die Verwendung zweier classisrher Werke im öffentlichen Schulunterrichte. Es handelt sieh lim „Tvanhoe“ und den ..Kaufmann von Venedig“, deren Inhalt, nach der Meinung der Missionäre, geeignet ist, die Jugend mit Vorurthe.ilen gegen die Juden zu erfüllen. Statistisches über die Juden in Palästina, Dem Luncz’schen Palästina-Almanaoh für das Jahr 5660 (1899/1900) entnehmen wir folgende interessante Daten über die Zahl der Juden in den grösseren Städten Palästinas : J ern s al em zählt unter 45.536 Einwohnern 28.228 Juden. Jaffa unter 17.713 Einwohnern 2970 Juden, Saffed unter 9106 Einwohnern 7HO Juden. Ti h eria s unter 6050 Einwohnern 3200 Juden. Chaifa unter 8365 Einwohnern 1375 Juden, Hebron unter 13966 Einwohnern 1100 Juden. Die Zahl der Juden in den übrigen Städten von Palästina ist sehr gering. Decorierunn eines gelehrten Juden. Dem General-Dragonian David Effendi Mole o h o in Constantinopel wurde letzthin der schwedische Sternenorden erster Classe verliehen. Molecho Effendi ist einer der hervorragendsten Linguisten des Orients. Dr. Laster nahm als Vertreter der Royal Asiatic Society an den Verhandlungen des Orientalisten-Congresses theil, der in Rom tagte und nach mehrtägiger Dauer soeben geschlossen wurde. Die jüdische Bevölkeruna der Städte, die an der Wolga lieaen, hat in den letzten zehn Jahren erheblich zugenommen. Sie beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Fischhandel. Christliche Con currenten haben sich nun an die Behörden gewendet, mit der Bitte, den Juden den Aufenthalt und den Handel in diesen Districten zu verbieten. Ein Fall von gewaltsamer Taufe wird von Alexandrowo, Gouvernement W o 1 i n. berichtet. Die zwei Töchter eines jüdischen Händlers wurden von einem jungen Polen in den Dienst eines nicht weit von der Stadt angesiedelten Farmers re tf L Ihre Abwesenheit wurde bald bemerkt, und einige Juden machten sich auf die Suche nach den Vermissten, die schliesslich gefunden wurden. Eine von den beiden begab sich wieder in das Dorf zurück, um vergessene Kleidungsstücke zu holen. Man liess sie aber nicht mehr frei, und der Ortspriester taufte sie wider ihren Willen. Endlich gelang es der anderen Schwester, die Unglückliche zu befreien. Die beiden Schwestern sind nunmehr nach Amerika ausgewandert. Ein Geschäftsbuch aus dem 14. Jahrhundert. Alan schreibt aus Paris: Im neuesten Bande der „Notices efc extraits des manuscripts de la Bibliotheque Nationale“ veröffentlicht Paul Meyer Bruchstücke aus dem Geschäftsbuche eines Tuchhändlers Ugo Teralh in Forcalquier, die er im Inneren eines alten Einbandes entdeckt hat. Diese Blätter stammen aus den Jahren 1330—32 und enthalten die Verkäufe Teralhs mit den Namen der Käufer, der Beschreibung der Waren und dem Datum der Lieferungen, sowie der zu leistenden Zahlungen. Die Eintragungen sind zum Theil von dem Verkäufer, zum Theil von den Käufern provencalisch und lateinisch geschrieben; sehr merkwürdig sind diejenigen der jüdischen Kunden, die .ihre Einkäufe in hebräischer Sprache niederschrieben. Wie der Herausgeber mittheilt, dürften diese Blätter die frühesten uns erhaltenen kaufmännischen Urkunden dieser Art sein. Moderne Annonnce. In einer Wiener Tageszeitung erschien dieser Tage folgende Annonce : ,,Taufp ath in. Für junge Dame adeliger angesehener jüdischer Familie wird nur hochstehende Persönlichkeit behufs Uebertrittes zum katholischen Glauben wegen Mangels an Bekanntschaft in katholischen Kreisen auf diesem Wege gesucht. Geneigte Zuschriften unter „Seelenheil Nr. 91514“ postlagernd 6. Bez., Gumpendorferstrasse. Nur gegen Schein“ Hohenlohe über die Affaire Dreyfus. Gaston Konti er, einer der französischen Delegierten des in Berlin tagenden geographischen (Kongresses, theilt im „Figaro“ mit. dass der Reichskanzler Hohenlohe ihm gegenüber auf der Soiree zu Ehren des (Kongresses folgendes geäussert habe : „Anlässlich dieser traurigen Affaire Dreyfus hat die französische Regierung viele Beweise des bon sens und Ernstes gegeben. Der Sturm ist heute vorüber uud die Frage geschlossen, dank der Haltung der Regierung. Die Situation war eine der schwierigsten. Was konnte man tiiun? Euer Generalstab war nicht im Spiele. Das Kriegsgericht in Rennes fällte das Urtheil mit mildernden Umständen, welche eine Art Zugeständnis waren, dass die Beweise gegen Dreyfus fehlen. Eure Regierung hat ganz gut gethan, diesen Unschuldigen zn begnadigen, sie ist zu ihrer und Frankreichs Ehre aus einer üblen Sache herausgekommen. Jetzt wird die Ruhe in die Gemüther wiederkehren, man wird vergessen, man wird bei Euch arbeiten.“ Nach (Komplimenten für W a 1 d e c k - R o u s s e a u s Tüchtigkeit setzte Fürst Hohenlohe fort: „Die Gerüchte von einem Boycott der Weltausstellung sind absurde, stupide Erfindungen; Frankreich für einen Rechtsirrthum verantwortlich zu machen, wäre verrückt, und ich sagte wiederholt zu Journalisten, dass Deutschland mehr denn je an der Ausstellung ’thei Inehmen werde.“ Die Londoner Mile End Zionist Society veranstaltete letzte Woche eine Versammlung, in welcher gegen die Blutbeschuldigung, die anlässlich des Hülsner-Processes von neuem ihr Haupt erhoben, Protest eingelegt wurde. Sir Edward Rüssel gibt der englischen Presse die Anregung, dem Pariser ..Figaro“ für seinen journalistischen Math die collegiale Anerkennung auszusprechen. Durch die Veröffentlichung der Verhandlungen vor dem Cassationshofe hat der „Figaro“ die ganze Welt in den Stand gesetzt, die Wahrheit kennen zu lernen. Ihm gebührt also der Hauptantheil an journalistischer Ehrung, dann kommen „Aurore“ und „Siede“, die redlich am Werke der Aufklärung mitgearbeitet haben. Eine eigentümliche Erscheinung im englisch-jüdischen Lehen ist der Lieutenant Colonel H. J. D r e s ch fi el d. Er stand früher als (Kapitän bei dem V. Ardwicker .Fre i willigen- Regiment, und legte diese Stelle nieder, um sich ganz der Sache der Jewish Lads Brigade zu widmen. Nachdem es ihm bereits gelungen, in Manchester eine kleine jüdische ..Armee“ von 300 Jungen um sich zu versammeln, geht er daran, eine jüdische Compagnie zu organisieren, die sich dem localen Freiwilligen-Corps zu attachieren hätte. Bubenstreich. Aus Kattowitz wird uns geschrieben: In der Nacht vom 1. auf den 2. October fuhr ein jüdischer Händler aus dem benachbarten Polen mit seinen Waren zum Wochenmarkte nach Beuthen. Mehrere halbwüchsige Bursche, die angetrunken von einer Hochzeit kamen, überfielen in Bedersdorf den Wagen des Händlers,.misshandelten den Handelsmann, schnitten ihm mehrere Säcke, in denen Birnen enthalten waren, auf und schädigten den Mann in der empfindlichsten Weise. Die Thäter konnten bisher nicht ermittelt werden. Tolstoi an seinen hebräischen Uebersetzer. Der hebräische Schriftsteller J. Lew i t in K i s c h i n e w übersetzte vor kurzem die Schrift von Tolstoi „lieber die Kunst“ ins Hebräische und richtete an den Dichter-Grafen die Bitte, er möge ihn zur Drucklegung der Uebersetzung ermächtigen. Tolstoi antwortete, es freue ihn ausserordentlich, dass seine Werke auch ins Hebräische übersetzt würden, und mithin einem grossen Theile des jüdischen Volkes endlich Gelegenheit geboten sei, sich mit seinen Ideen vertraut zu machen. Er empfiehlt den Juden, aus ihrer Isolierung herauszutreten und an der sittlichen Veredlung der Menschheit im Sinne seiner Schriften mitzuarbeiten. Eine eingeäscherte Stadt. Aus F a 11 i c e n i (Rumänien) wird uns vom 8. October geschrieben : Heci-Lespeci — ein Städtchen von ca. 3000 Einwohner — ist gestern ganz abgebrannt. 86 Häuser liegen ganz zur Erde. Viele der Unglücklichen sind nach Falticeni gekommen. Das Jammern ist unbeschreiblich. Alle vom Unglücke Getroffenen — ausgenommen zwei — sind Juden. Der Wochenbricht des Matrikelamtes der Wiener israelitischen (Kultusgemeinde vom 8. bis 14. October verzeichnet 61 Geburten, 15 Trauungen und 24 SterbefälLe,