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Die Welt · 1899-10-20 · 42 (20.10.1899) · p. 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
42 (20.10.1899)
Article
Altneuland
Date
1899-10-20
Page
7 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 42 „Die 3$ Welt“ Seite 7 Weltchronik. Altneuland. Der zionistische Zukunftsroman, an welchem Dr. Theodor Her z 1 jetzt arbeitet, führt den Titel „Altneuland“. Der Mädchenmord in Polna. In der Wohnung der Mutter der ermordeten Agnes Hruza in Weznitz fand am 15. October im Aufträge der Staatsanwaltschaft eine Hausdurchsuchung statt. Ebenso wurde in der Wohnung des Bruders der Ermordeten, des Maurers Johann Hruza in Zbiretz, eine Hausdurchsuchung vorgenommen. Beide Häuser waren während der Anwesenheit der Gerichts- Commissionen von Gendarmen bewacht. Die Durchsuchungen wurden äusserst gründlich vorgenommen. Es wurden sogar die Wände abgeschabt und die Fussböden aufgerissen. Geber das Ergebnis der Hausdurchsuchungen wird Stillschweigen beobachtet. Charlotte Embden. Samstag den 14. d. M. ist in Hamburg die einzige Schwester Heinrich Heine’s im Alter von 99 Jahren gestorben. Bis in die letzten Wochen hatte die unverwüstliche Lebenskraft der Greisin den Beschwerden des Alters getrotzt, bis ihr Lebenslicht langsam erlosch. Charlotte Embden wohnte schon seit vielen Jahren auf der Esplanade in Hamburg, wo sie bekanntlich die Kaiserin Elisabeth seinerzeit empfieng. Diese hatte vor mehreren Jahren eigens eine Reise nach Hamburg unternommen, um die Schwester Heine’s kennen zu lernen. Die Kaiserin, welche sich als Gräfin Hohenembs anmelden und erst als sie auf die Mittwochs-Empfänge hin gewiesen wurde, ihren wahren Namen nennen liess, bestand darauf, dass die greise Frau Embden sie „so wie sie war“, in Schlafrock und Hausschuhen, empfange. Behend vor Aufregung über den ganz überraschend gekommenen, vorher nicht an gemeldeten Besuch, musste Frau Embden vor die Majestät treten, und sie hatte nur noch Zeit, etwas Parfüm in ihr Taschentuch zu tropfen, um alsbald vor der hohen Frau zu erscheinen. Die Kaiserin nahm ihr durch die Herzlichkeit der Begrüssung bald jede Befangenheit, indem sie der Greisin beide Hände entgegenstreckte und dabei sagte, wie unendlich sie sich freue, die einzige vielgeliebte Schwester des von ihr so hochverehrten Dichters endlich von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Während sie nun wieder ihre Fassung gewann, konnte Frau Embden namentlich während der Zeit, da ihr Sohn, Baron Embden, auf Wunsch der Kaiserin dieser die Familien briete Heine’s vorlegte und erläuterte (einige wurden der hohen Frau zum Andenken an geboten), Ihre Aufmerksamkeit wieder ihrer Umgebung zuwenden. Da fand sie nun, dass sich ein intensiver Rumgeruch im Zimmer verbreite; doch bald vergass sie das wieder, ganz und gar von dem Eindrücke in Anspruch genommen, den das geistvolle, bezaubernde Gespräch der Kaiserin auf sie machte, die zahlreiche Steilen aus den Werken Heine’s frei aus dem Gedächtnisse recitierte. Nachdem sich die Kaiserin entfernt hatte, wurde Frau Embden neuerdings des Rumgeruches gewahr, der namentlich "von ihr selbst auszugehen schien. Sie suchte, untersuchte — da! Sie hatte in der ersten Aufregung bei der Ankündigung des hohen Besuches statt der Flasche Kölnischen Wassers ein Rumfläschchen zu fassen bekommen und davon ins Taschentuch gegossen. „Die Majestät“ — pflegte Frau Embden nicht ohne Unmuth zu sagen — „muss noch heute glauben, dass ich Rum trinke.“ Frau Embden, die bloss um zehn Monate jünger war als Heinrich Heine, hätte am 18. d. ihr 99. Lebensjahr vollendet. Die Blutlüge. Der Lemberger Rabbiner Dr. Jecheskel Caro veröffentlicht in den polnischen Blättern einen Protest gegen das Blutmärchen, worin er daran erinnert, dass schon der polnische König Stefan Batory eine Bulle gegen diese Verleumdung erlassen hat, und dann sagt: Seit dreissig d aliren versehe ich das Amt eines Rabbiners, ich kenne genau die verborgensten Geheimnisse der talmudistischen Wissenschaft, alle rituellen Vorschriften, Gebräuche und Traditionen der Juden und aller jüdischen Secten, und gleichwohl schwöre ich feierlich vor dem allmächtigen und allwissenden Gott beim Heil meiner Seele und bei Ehre und Gewissen und unter der Strafe ewiger Verdammnis, dass die Beschuldigung der Juden im allgemeinen oder irgendeiner jüdischen Secte, als ob sie je zu rituellen Zwecken Christenblut oder Menschenblut überhaupt benöthigt oder gebraucht haben, eine durchaus irrige, falsche und jeder Grundlage entbehrende Verleumdung und nichts als eine Verleumdung ist.“ Gleichzeitig berichtet man uns aus Krakau, dass der dortige Rabbiner Dr. Thon vor dem offenen Altäre mit der Thorarolle in der Hand den feierlichen Schwur ablegte, dass die Juden kein Christenblut zu rituellen Zwecken benöthigen, und dass keine jüdische Secte existiert, bei welcher ein derartiger Brauch je vorgekommen wäre. Die Juden und der südafrikanische Krieg. Dem Mainzer „Israelit“ wird aus London geschrieben: „Die Juden sind nun einmal an allem schuld. Phil. S t a n h o p e, einer der wenigen hiesigen Burenfreunde sagt, dass die wahren Anstifter des Vorgehens der englischen Regierung, das zum Kriege mit Transvaal führt, die jüdischen Millionäre von Piccadilly und Park Lane sind. Der Correspond ent der „Times“, Mr. Monypenny, dagegen behauptete — vor einigen Wochen wenigstens — Präsident Krügers einzige Reformidee sei, den „nutzlosen russischen Juden“ das Bürgerrecht zu geben. Wer hat nun recht? Ist übrigens gleichgiltig, denn der Jude wird doch verbrannt.“ Die jüdischen Colonisten in Cherson. Infolge des ungünstigen Ausfalles der Ernte in den Ackerbau-Colonien bei Cherson wandten sich die Colonisten an das russische Ministerium für Ackerbau mit dem Ansuchen um Gewährung einer Subvention im Betrage von 21.000 Rubel. Der Minister fragte telegraphisch beim Gouverneur von Cherson an, in welcher Lage die Colonisten sich befinden. Es wurden daraufhin Erhebungen gepflogen, welche ergaben, dass die Colonisten ebenso unterstützungsbedürftig, wie der Unterstützungwürdig sind. Der von der Inspicierung der Colonien bereits zurückgekehrte Staatsrath J e I a c i c hatte Gelegenheit, sich an Ort und Stelle davon zu überzeugen, dass die Angaben der Colonisten auf Wahrheit beruhen. Er befürwortet ihre Bitte beim Minister aufs wärmste. Ueber das furchtbare Unglück in der Synagoge zu Lenczicz berichtet die „Lodzer Ztg.“ : Kurz nach 8 Uhr am vergangenen Mittwoch stiess aus Unvorsichtigkeit eine Israelitin, die sich auf der ersten Galierie befand, wo ein starkes Gedränge herrschte, da daselbst mehrere hundert Frauen zum Gebet versammelt waren, eine kleine brennende Lampe um, wobei sich das in derselben enthaltene Petroleum ergoss und in Brand gerieth. In Anbetracht der Gefahr, die ganz Unbedeutend war, begannen die übrigen auf der Galierie befindlichen Frauen zu schreien, und bald ertönten die Rufe: „Feuer! Feuer P im ganzen Gotteshause. Es herrschte sofort eine unbeschreibliche Verwirrung. Alles strebte so schnell wie möglich dem Ausgange zu, obgleich jede Feuersgefahr ausgeschlossen war, da man inzwischen die Flamme erstickt hatte. Auf der Treppe stürzten einige von der Galierie eilende Frauen und. verbarilcadierten auf diese Weise mit ihren Körpern den Ausgang. Mit elementarer G ewalt stürzten die übrigen nach, und so kam es, dass die unten liegenden Frauen als Leichen aus der Synagoge getragen werden mussten. 31 Frauen in den verschiedensten Altersstufen fielen der Katastrophe zum Opfer. Gleichzeitig wurden in dem schrecklichen Gedränge fünf Kinder erdrückt, so dass die Zahl der Opfer 36 beträgt. Ausserdem haben 15 Personen mehr oder weniger schwere Verletzungen davongetragen. An dem Unglück trägt nur die Unbesonnenheit schuld, da eine Brandkatastrophe völlig ausgeschlossen war. Am Orte der Katastrophe erschien sofort die alarmierte freiwillige Feuerwehr, welche die Leichen der erdrückten Frauen aus der Synagoge herausholte. Gleichzeitig wurden die Schwerverwundeten auf den Wagen der Feuerwehr nachhause geschafft. Den Verwundeten wurde sofort ärztliche Hilfe zutheil. Reformierung der Chadarim. Aus Cherson melden russische Blätter, dass sich dort vier „Melamdim“ (Lehrer in den Chadarim) zusammengeschlossen, und ein grossangelegtes reformiertes Cheder gegründet haben, das vier Abtheilungen in sich fasst. Mit der Beaufsichtigung des Unterrichtes betrauten sie ein Curatorium, bestehend aus Chersoner gelehrten Hebraisten mit dem Rabbiner G i n s b u r g an der Spitze.

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