Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 42 (20.10.1899)
- Article
- Lemberger Brief
- Date
- 1899-10-20
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 Nn 42 „Die $ Welt44 Ein „ethisches“, welches dahinzielt, dass die Juden ihren moralischen Einfluss auf die Andersgläubigen ausüben könnten, das zweite Motiv habe einen ökonomischen Hintergrund und gipfle darin, dass nur mit Katholiken Geschäfte jeder Art zu betreiben seien. Damit jedoch das letztere Ziel mit entsprechendem Erfolge erreicht werden könne, räth der vom theoretischen auf den praktischen Standpunkt übergehende Socialpolitiker den Niehfjuden, ihre Waren concurrenzfähig zu machen und mehrere Zweige des Handwerkes den Juden zu entreissen. vor allem aber nicht zuzulassen, dass die Juden irgendwelche Aemter bekleiden. Ferner plaidiert er dafür, dass die Rechte der Juden eingeschränkt werden. Da jedoch eine rechtliche Einschränkung eine Aenderung der Constitution voraussetze, was bei der gegenwärtigen politischen Constellation Oesterreichs nicht leicht durchgeführt werden könne, sollte die Regierung die bereits bestehenden Gesetze in einem für die Nichtjuden günstigeren Geiste gebrauchen. Es ist nun nicht schwierig einzusehen, dass zwischen beiden „Systemen“ kein wesentlicher Unterschied vorhanden ist, dass also das asemitische Recept nicht weit vom antisemitischen liegt. Es ist gewiss unnöthig, hier abermals Beweise für diese Behauptung zu liefern. In den letzten Wochen erst sind in Westgalizien, der Hauptstätte des Asemitismus, Ereignisse zu verzeichnen, welche bezeugen, mit wie grossem Erfolge die asemitische Propaganda betrieben wird. So hat in der Polnaer „Affaire" die polnische Presse, vom ernsten „Czas" bis auf den pöbelhaften „Glos narodu“ ihr möglichstes dazu beigetragen, der Ritualgeschichte neuen Zündstoff zu entlocken. Und in der That ist in den phantasiereichen polnischen Schädeln das Märchen von dem in Bochnia aufgefundenen „Rosenkränze der Agnes Hruza“ entstanden, und hat sofort weiteren Anklang gefunden. Das an Sensationen stets überaus reiche Neu-Sandec hat sogar einen neuen Ritualmord entdeckt haben wollen. Während der Sukkoth-Feiertage übten sich einige hoffnungsvolle mazurische Gassenbuben im Steinwerfen. und wählten zur Zielscheibe die Fenster einer orthodoxen Synagoge. Die darüber aufgebrachten Juden versuchten nun die „Spielenden" zu verjagen, aber bald mussten sie selbst der fortwährend wachsenden Anzahl der Mazurenhelden weichen' und in die Synagoge zurückfliehen. Eine in der Nähe der Synagoge wohnende Christin verknüpfte rasch ihren unmittelbaren Eindruck mit Polna, und das Blutmärchen war fertig. In der grössten Eile erzählte sie dem Gendarmerieposten, die Juden hätten ein christliches Kind geraubt, um dessen Blut für Mazzoth zu präparieren. Der Gendarm erstattete sofort dem Staatsanwalte Bericht, welcher eine strenge Untersuchung einleitete und daher bald die Grundlosigkeit der Gedankenassociation der phantasiereichen Frau klarlegte. Dr. J. K. Der Zionismus in Ungarn. Die „Ungarische Wochenschrift" schreibt: „Die zionistische Bewegung, die seit Jahren in Ungarn als vaterlandsverrätherisch bekämpft wurde, hat sich endlich auch in unserem Lande Bahn gebrochen. Und zwar bei Juden, die inmitten eines liberalen und freien Volkes leben und es somit nicht nöthig haben, die Wohlthaten des Zionismus für sich in Anspruch zu nehmen. Wir sind in der angenehmen Lage, für diese unsere Behauptung den geehrten Lesern unseres Blattes einen Beweis zu liefern, indem wir ihnen schon in dieser Nummer den Statutenentwurf des Budapester zionistischen Centralvereines bekanntgeben, der jetzt im Entstehen begriffen ist und sich schon in den nächsten Tagen constituieren wird. Ferner gilt als Beleg für diese unsere Annahme folgende Zuschrift der wir umso eher freudigst Raum gewähren, als dieselbe einen Aufruf enthält, der für sämmtliehe Zionisten der Welt beherzigenswert ist: Der theu erste Kreuzer, Löbliche Redaction! Im Interesse der zionistischen Bewegung ist der Umstand, von dem ich Ihnen hiermit referiere, hochwichtig und interessant, und bitte Sie, diesem Referate in Ihrem gesch. Blatte vollinhaltlich Raum zu gewähren, umsomehr, da die hier aufgeworfene Idee und die Verwirklichung derselben von Ungarn (!) ausgieng, von einem Lande, wo bisher das in dem günstigsten moralischen Wohlstand lebende Judenthum infolge seiner patriotischen Bedenken der zionistischen Bewegung bisher nicht nur indifferent, fremd, sondern sogar missbilligend gegenüberstand. Nun können wir aber infolge des unermüdlichen Bestrebens und Agitierens eines hochsinnigen ungarischen Juden, Herrn Julius Gabel, mit Bestimmtheit annehmen, dass die zionistische Bewegung von nun an bei uns in Ungarn, in allen unseren jüdischen Gemeinden freien Eingang findet, so dass dieses freie Land unserer Bewegung eine traute Heimstätte sein wird. Der Budapester Communallehrer und Mitredacteur der zionistischen „Ungarischen Wochenschrift": Herr Julius Gabel hielt infolge einer Einladung am 1. October a. c. in Nädas (Com. Pozsony) eine zionistische Vorlesung, an der die ganze jüdische Intelligenz unserer Gemeinde und der Provinz theilnahm. Die ausgezeichnete, das ganze Publicum begeisternde Vorlesung des Herrn Gabel machte auf die Anwesenden einen grossen Eindruck. Dass der im Werden begriffene Verein dem zündenden Worten des Herrn Gabel zufolge sich sofort constituierte, ist selbstverständlich, aber am meisten lobenswert — was eigentlich das wichtigste ist — ist der Beschluss, der auf Antrag des Herrn Gabel sofort ins Leben tritt, nämlich jener: „Jedes Kind unserer jüdischen Schule soll allmonatlich mit einem Kreuzer dem Zionismus beisteuern und diese Liebesgabe soll einen der festesten Ziegel jenes Hauses bilden, das zum Schutze der Geplagten aufgeführt wird." Bezüglich dieser th euren Kreuzer beschlossen wir. an alle Zionistenvereine der Welt einen bittenden Aufruf zu richten, dass dieser durch uns angenommene Antrag des Herrn Julius Gabel bei allen unseren Schwestervereinen, wo man jüdisches Gefühl im Herzen hat, unterstützende Nachahmung finden möge. Mit der ergebensten Bitte, dass der diesbezügliche Aufruf mit diesem meinem Referate zugleich schon in der nächsten Nummer Ihres gesch. Blattes gell, veröffentlicht werde, zeichne ich mit Hochachtung ganz ergebenst Albert Klein, Secretär des Nädaser Zion-Vereins: DpJT DD Nädaser Zionisten verein: DpJT D'D Nädas, am 1. October 1899. Tribüne. Wien, IC. October 1899. Wie in diesen Blättern bereits bekanntgemacht, eröffnet der Verein der Wiener jüdischen Handels angestellten und Beamten drei für Vereinsmitglieder unentgeltliche Unterrichtscurse u. zw.: 1. Einen Curs für Buchhaltung und kaufmännisches Rechnen (2 Stunden wöchentlich); 2. Einen Curs für Stenographie, System Gabelsberger (1 Stunde wöchentlich); 3. Einen Curs für Nationalökonomie» verbunden mit Discussion (1 Stunde wöchentlich). Es ergeht hiermit abermals an alle, die sich an diesen Cursen zu betheiligen wünschen, das dringende Ersuchen, ihre Anmeldungen unverzüglich dem Herrn Egon Ledere r' I., Wipplingerstrasse Nr. 12, zukommen zu lassen. Der Ausschuss der jüd. Vereinigung „Jordan! a" II., Gredlergass 9 (vis-ä-vis der Fruchtbörse). Egon Lederer, Präses.